Elberadweg

 

Von Hamburg nach Magdeburg

Duisburg – Hamburg 18 km
Die Fahrradtaschen sind gepackt und auf geht’s im IC Richtung Hamburg. Unsere Sorge, dass wir in Hamburg noch endlos durch das Stadtgewusel fahren müssen, erweist sich als unbegründet. Bereits hinter dem Hauptbahnhof wird’s ruhig und fast übersichtlich. Etwas Baustellendurcheinander gibt es leider, doch mit Hilfe eines Eingeborenen, der uns ein Stück begleitet, finden wir den Elberadweg. Statt der angegebenen 12 km brauchen wir dennoch 18 km bis Ochsenwerder, einem freundlichen kleinen Hamburger Vorort inmitten einer Landschaft, die von alten Elbearmen durchzogen ist. Hier ruhen wir uns erstmal aus und lassen es ruhig angehen.

Ochsenwerder – Lauenburg 55 km
Vorgabe des Elberadwegführers sind 46 km, gebraucht haben wir 55 mit extremem Gegenwind. Expertenmeinungen zufolge ist der Wind stromaufwärts im Rücken. Dass wir heute die Sache andersherum haben, ist selten. Mit 1000 Rückfragen bei Eingeborenen schaffen wir es …… wir erreichen Lauenburg!!! Lauenburg gehört zu Schleswig-Holstein, die andere, linke Elbeseite ist niedersächsisch.
Die letzten Meter schieben wir, in der „Unterstadt“ gibt’s altertümliches Buckelpflaster wahrscheinlich aus der Zeit Wallensteins, der sich auf der Burg mit Tilly getroffen haben soll. Wir hingegen steigen im Hotel Möller ab. Wir schließen unsere Räder in ein dunkles Verlies, das bei Elbehochwasser sicherlich vollläuft. Die Elbe fliest direkt und fast auf gleicher Höhe vorbei.
Lauenburg ist recht hübsch, zumindest die sogenannte Unterstadt, die auf Elbeniveau ist, hübsche Häuschen, paar kleine Läden – davon gibt’s heute leider immer weniger dank Lidl & Co. In der Oberstadt gibt’s dann Lidl & Co, aber auch die Burg und einen schönen Ausblick.

Lauenburg – Hitzacker 56 km
Es regnet, stellenweise so heftig, dass wir alternative Transportmittel herbeisehnen. Wir durchfahren tapfer Wiese um Wiese, Landschaft soweit das Auge reicht, Sumpflandschaft, Bäume. Schwalben scheinen ihren Schabernack mit uns zu treiben, umfliegen uns und ziehen uns fast die Scheitel. Kein Bahnhof, kein Schiffsanleger, keine Postkutsche …. Irgendwann gewöhnen wir uns an den Regen, da ist er auch schon vorbei. In Boitzenburg passieren wir die nicht mehr vorhandene GÜST (Grenzübergangsstelle). Ein Grenzturm, etwas Zaunrest und ein paar Infotafeln zeugen von der ehemaligen Zonengrenze. Jetzt fahren wir auf ehemaligem DDR-Gebiet. Wir überqueren die Elbe bei Darchau wieder auf „BRD“ Seite per Fähre nach Neu-Darchau (Landkreis Lüchow-Dannenberg und niedersächsisch).
Die letzten 12 km vor dem Ziel Hitzacker kommen nur noch in Steigungen daher. Bis zu 13 % – da steigen wir gelegentlich ab. Da denkt man ja eher an alpine Passstraßen als an flache Flusslandschaft. Und wir benutzen schon statt des Elberadweges die Landstraße, denn ersterer hätte noch saftigere Steigungen. Wo’s raufgeht, geht’s auch wieder runter, so brettern wir mehrfach (ich gebremst mit qualmenden Bremsbelägen) mit 35 km/h hinab. Eigentlich sollten wir diese Bergwelt vermeiden und auf die andere Elbseite wechseln, dort auf flachem Gebiet bis Bitter radeln und dort wieder übersetzen nach Hitzacker. Die Fähre in Bitter ist aber kaputt und so bleibt uns die Bergetappe nicht erspart.
Dann geht’s zur Erforschung von Hitzacker, sehr nettes Stadtbild, viel Backstein, gelegentliche Hochwassermarkierungen zeigen den Elbewasserstand von 2002 und 2006. Unvorstellbar.
Hitzacker gefällt uns. Das Elbeufer wurde neu eingemauert – Hochwasserschutz. Die Mauer ist so hoch, dass wir den Fluss gar nicht richtig sehen können. Wir laufen zum Schiffsanleger, hier hat man freie Sicht auf eine prächtige Flusslandschaft in beiden Richtungen. Die Farben sind intensiv, Himmel, Wasser, Gras und Bäume, ein Gemisch von wunderbaren Blau- und Grüntönen.

Stadtansicht von Hitzacker

Stadtansicht von Hitzacker

Hitzacker – Lenzen 53 km
Unser erstes Etappenziel ist Dömitz. Wir schlendern durch den Ortsteil mit der Festung. Hübsche Häuser, roter Backstein, dazwischen immer mal eins, was vergessen wurde und vor sich hin gammelt.
Merkwürdig tot alles. Goldgräberstadt, es gibt nichts mehr zu schürfen, also haben sich die Bewohner davongemacht. Wo kaufen die Leute ein? Da, eine Apotheke, die hat samstags geschlossen. Ein Kaufhaus – originell, statt Warenvielfalt gibt’s darin jetzt ein Restaurant. Ein Radlerehepaar sitzt draußen und verzehrt irgendwas, wer auch sonst soll da sitzen?
Über große Strecken fahren wir jetzt auf dem alten Kolonnenweg der Nationalen Volksarmee. Die DDR ist allgegenwärtig.
Wir durchfahren jetzt Brandenburg. Da klappert ein Storch. Es werden noch viele klappern auf unserer Tour. Die Orte konkurrieren, wer wohl die meisten Störche hat. Manche stelzen zwischen Kühen umher oder ziehen ihre Kreise hoch über uns.

Dömitz

Lenzen – Wittenberge 35 km
Wir fahren auf dem Elbedeich Ost bis Höhe Schnackenburg parallel zur Zonengrenze, die es nicht mehr gibt. Links und rechts nur Landschaft, Fluss, Teiche, Störche, Schwalben, wenige entgegenkommende Radfahrer. Der Elberadweg Ost ist naturbelassen, gelegentlich gibt’s ein Stück ostalgischen Kolonnenweg, dann ist der Weg wieder grob oder fein gebröselt. Der Deich wurde auf langer Strecke zurückverlegt, so dass es wenig Elbeblick gibt. Mich fasziniert, dass es in Deutschland noch so viel freie Landschaft gibt mit Ruhe, die wir nicht gewohnt sind. Irgendwo lärmt, knattert, klingelt, dudelt es doch immer. Die Stille hat fast etwas Beklemmendes und man stellt mit Schrecken fest, wie man als Städter den Lärm schon fast zu brauchen scheint.
Weiter geht’s durch Orte wie Lütkenwisch, Cumlosen und Muggendorf, bis wir unser Ziel Wittenberge erreichen.

DDR-Wachturm vor Wittenberge

Wittenberge – Havelberg 40 km
Nach einem Blick auf den Uhrenturm „Big Ben“ der Singer Nähmaschinenfabrik – zu DDR Zeiten „Veritas“ genannt, geht’s weiter Richtung Havelberg. Das riesige Areal der ehemaligen Nähmaschinenfabrik beheimatet heute einiges Kleingewerbe und Dienstleistungsfirmen. Es steht insgesamt zum Verkauf, was sich offenbar als schwierig erweist.
Altes Delphinbad, Zur alten Zellwolle, Alte Ölmühle, die ganze Stadt Wittenberge ist museal. Der Wirt in Hitzacker hatte ja schon gesagt, man würde hier Filme drehen wie „Stalingrad“, wo es eine Kulisse braucht, die man in Wittenberge auf Schritt und Tritt findet. Ganze Straßenzüge voller leerstehender Gebäude, die vor sich hin gammeln. Sogar Einschusslöcher aus dem Krieg brauchen nicht extra für den Film hergestellt werden. Alles echt, alles authentisch.
Wir fahren wegen eines Brückenneubaus eine umfangreiche Umleitung, nach einer wackeligen Pontonbrücke haben wir irgendwann die Elbe wieder. Weiter geht es auf schmalem Weg zwischen Havel und Elbe, echt bizarr.
Der Eindruck von Havelberg ist erstmal enttäuschend. Wir kommen durch „Stalingrad“ (seit Wittenberge nennen wir so Rumpelecken Stalingrad), Ruinen, zerborstene Scheiben, eine verfallene Waschbetonhalle aus DDR-Zeit, verbogene DDR-Straßenbeleuchtung, Müll, Graffities. Bald kommt dann die „City“ von Havelberg und die ist doch recht ansehnlich. Hoch oben trohnt der Dom.

Havelberg – Tangermünde 40 km
Unsere Wirtin hatte noch verächtlich abgewunken, als wir ihr den Abschnitt hinter Arneburg auf der Radkarte zeigen, welcher mit Pfeilen als bergig und schwierig markiert ist. Der Schwung des Bergab reicht dicke, um den nächsten Hügel wieder ruffzukommen. Der Abschnitt hat einen „Streuselkuchen-Belag“, da lassen wir das runterbrettern lieber. Eigentlich stimmt die Radkarte. Außerdem handelt es sich nicht nur um einen Berg, von dem unsere Wirtin sprach. Es folgen Stellen, wo wir hoch über Elbeniveau fahren, es bieten sich prächtige Ausblicke hinunter ins Flusstal.
Ortsschild Tangermünde – wir fahren erstmal endlos durch Industriegebiet, eine hässliche Monsterbrücke für den Autoverkehr, Netto, Lidl, der übliche Kram.
Dann folgt der sehr hübsche Ort, sogar hier sind noch Storchennester auf manchem Kirchturm, und das Geklapper ist zu hören. Roter Backstein, buckliger Straßenbelag, ein verfallener ehemals schöner Bahnhof. Im Stundentakt geht’s hier nach Stendal. Wir übernachten im Schloss Tangermünde, bzw. im Gästehaus Königin Luise. Vom Schlossrestaurant hat man einen wunderbaren Elbeblick. Wir essen, nein, wir speisen zu Abend, silberne Platzteller, Stoffservietten, das Essen ist hervorragend, kein Musikgedudel.
Draußen regnet es immer noch. Gehen wir halt notgedrungen ins Stadtmuseum. Wir möchten doch wenigstens das mit Herrn Meyer und der Feodora-Schokolade klären, deren Produktion nach 1945 von Tangermünde nach Bremen und Hamburg verlegt wurde und heute in der Hand der Firma Hachez ist.

Tangermünde – Rogätz 45 km
Und wieder sind wir auf Achse. Ungeschriebenes Fernradler-Gesetz ist, sich unterwegs mit Hi, Hallo, Moin, Tach oder cooles Armheben zu grüßen. Das bereitet besondere Freude, wenn eine Radfahrergruppe von 30 Leuten vorbeifährt.
Mal wieder radeln wir wegen Deichrückverlegung weit entfernt von der Elbe. Dafür ist die Strecke abwechslungsreicher, da etwa alle 3 km ein Dorf durchfahren wird. Wieder mal wirken die Dörfer alle etwas tot, kein Mensch ist zu sehen, obwohl es noch keine 12 Uhr ist. Nur Vogelgezwitscher und mal ein Hahnenschrei, manches Haus steht zum Verkauf.

Rogätz – Magdeburg 30 km
Wir begeben uns auf unsere letzte Etappe. Ein bisschen Wehmut ist zu spüren. Dazu passend grauer Himmel. Und schon brauchen wir das Regenzeugs. Exklusivüberfahrt nur für uns beide mit der Fähre. Wieder ist das Elbewasser gestiegen. Aber die Leute sind gelassen.
Irgendwann bricht aus dem Gebüsch ein Orangenmännchen hervor. „Elberadweg-Ranger“ steht auf seinem Schild. Was es alles gibt! Er ist froh, dass wir längsseits kommen, denn ihm ist langweilig. Erst 5 Radfahrer gab’s heute. Und der Mann ist sehr redselig. Wir haben ja Zeit und hören ihm ein wenig zu. Er habe einen 1-Euro Job. Es sprudelt nur so aus ihm heraus. Er könnte als Standup-Comedian auftreten und dabei Barth und Co dicke in den Schatten stellen.
Ja, was wollte der Ranger eigentlich von uns? Wir können den Elberadweg heute nicht vollständig befahren, weil er vor Magdeburg überflutet ist. Er informiert die Elberadler über die Alternativroute.
So, jetzt müssen wir aber. Sein Raucherlachen hören wir noch lange nachklingen.
Schade ist das schon, mit der geänderten Route, der Elberadweg führt nämlich auf schönstem Wege durch umfangreiche Parklandschaft in die Stadt. Jetzt müssen wir durchs Industriegebiet. Dafür dürfen wir über die Trogbrücke fahren, auf der der Mittellandkanal die Elbe kreuzt.
Auf geht’s zur Stadterforschung. Wir schlendern durch die Alte Neustadt, durch die Altstadt, sehen uns den Marktplatz an, die Breite Straße mit frisch geputzter Stalin-Architektur, Hundertwasserhaus, Hauptbahnhof mit schöner alter, auch gepflegter Fassade ohne die üblichen neumodischen Anbauten und ohne Graffities. Im wunderbaren Dom bekommen wir noch ein Stückchen Orgelkonzert geboten.
Letzter Tag in Magdeburg. Seufz.
Wir machen eine Führung durchs Hundertwasserhaus, Grüne Zitadelle. Ist schon toll, was sich der Herr Hundertwasser so ausgedacht hat. Der Wohnraum scheint trotz hoher Miete sehr beliebt zu sein, ein Touristenmagnet ist das Haus allemal. Wir erhalten bei der Führung Zutritt zu einer Musterwohnung mit Baummieter. Hundertwasser propagierte die Vermeidung des rechten Winkels, alles sollte der Natur abgeschaut sein. So gibt es den Baum als gleichberechtigten Mieter in einigen Wohnungen. Die Bewohner verpflichten sich im Mietvertrag diese Kübel-Bäume zu pflegen.
Abreisetag. Schade! 1 ½ km bis zum Hauptbahnhof. Wir sind nicht die einzigen Radfahrer, die den Zug Richtung Dortmund besteigen. Das Radabteil wird wieder voll. Es bedarf bei mehren Zusteigenden einer geordneten Logistik. Sonst gibt’s Verspätung. Man hilft sich aber wieder einmal gegenseitig.
In Dortmund ist die erste Etappe unserer Rückfahrt zu Ende. Es gibt keine durchgehenden Züge mehr von Magdeburg nach Duisburg. So wechseln wir in unsere S 1, dies dauert zwar ewig, wir können aber wenigstens bis zu unserem Stadtteil durchfahren.
Fazit der Elbetour: Das Radreisen ist eine entspannte Art der Fortbewegung. Man lernt Land und Leute kennen. Es gibt keine Altersbegrenzung. Wir trafen Alleinradelnde, viele Ehepaare, seltener Gruppen. Erstaunlicherweise kaum Eltern mit Kindern, obwohl in vielen Bundesländern noch Ferien sind. Jeder Tag hält Überraschungen parat, was die Kontakte mit Menschen, die Herbergen, die Wettersituation, die Route anbelangt. Was den Elberadweg betrifft, so kamen wir auf der Strecke von Hamburg bis Magdeburg auf cirka 400 km, inkl. kleiner Umwege. Wir durchfuhren 6 Bundesländer (Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt), erlebten diverse Mentalitäten von Menschen vor Ort mit diversen Dialekten und unterschiedlichen Küchen. Wir durchfuhren beeindruckend schöne unbesiedelte Landschaft, reich an Flora und Fauna. Wegen Deichrückverlegung bzw. Hochwasserschutz geht es allerdings über weite Strecken nicht direkt an der Elbe entlang.

Text: Gabi Pfau, Fotos: Jürgen Jansen

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Über Michael Kleine-Möllhoff

Meine Fahrten erledige ich meist mit dem RAD oder dem ÖPNV. Ein Auto benötige ich sehr selten. Verantwortlich bin ich für die Zeitschrift RAD im Pott. Vorstandsmitglied im ADFC-NRW und ADFC-Duisburg.
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5 Antworten zu Elberadweg

  1. Hallo Michael, darf ich einmal fragen, ob ihr während eurer Fahrradreise in Hotels übernachtet habt oder vielleicht gecampt? Wart ihr im Sommer unterwegs? Danke und Gruß, Karmen

  2. avatar Elberadweg Fan Tobi sagt:

    Endlich mal toll dokumentiert, mein Lieblings-Radwanderweg. Herzlichen Dank dafür! LG Tobias

  3. avatar Heinz Dieter sagt:

    Wunderbare Bilder! Letztes Jahr sind wir von Decin bis Dresden gefahren, dieses Jahr solls ein bisschen weiter nördlich gehen. Nach diesem Beitrag freue ich mich schon auf die Reise. Danke und Grüße aus Dresden

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