Ist das Pedelec schon fertig?

Im Herbst 2011 berichtete der Spiegel über Qualitätsprobleme bei Pedelecs und E-Bikes. Händler berichteten von über 50 Prozent Reklamationen und ständigen Klagen über zu geringe Reichweiten.

Die Verkaufszahlen sprechen eine andere Sprache: Der Markt boomt. Pedelecs sind für die Fahrradhändler ein gutes Geschäft. 2012 könnte das millionste Pedelec in Deutschland aus dem Laden rollen.

Die richtige Infrastruktur vorausgesetzt haben Pedelecs eine praktisch unbegrenzte Reichweite. Sie brauchen aber Tankstellen für Strom. Nimmt man an, man könne in 5 Minuten 10 km Reichweite nachladen, könnte man nach 30 km eine Erholungspause einlegen und dabei in 15 Minuten die gefahrenen 30 km Reichweite nachladen. So lässt sich mit regelmäßigen Pausen eine praktisch unendliche Reichweite erzielen. Tagesetappen über 100 km wären dann kein Problem.

Die Alternativen wären weit weniger attraktiv: Man könnte mehrere große und schwere Akkus mitschleppen, die zusammen den nachzuladenden Strom enthalten. Am Ende würde man womöglich mehr Akkustrom brauchen um die Akkus zu transportieren als für den Fahrer. Man könnte auch das fahrzeugspezifische Ladegerät mitführen und unterwegs nach einer passenden Steckdose suchen. Die Ladezeiten werden heute aber in Stunden gemessen, die Pausen zwangsläufig ausgedehnt. Theoretisch könnte man auch den leeren Akku unterwegs gegen einen geladenen tauschen, aber bei geschätzt 3000 unterschiedlichen Pedelec Batterietypen auf dem Weltmarkt gibt es da ein Problem.

Schon zu Hause kann das Nachladen des Akkus schwierig werden. Ein Testbericht zu einem Hybridauto kam zu dem Schluss: “Da ich bisher keine Steckdose vor dem Haus habe und beim Abseilen eines Verlängerungskabels aus dem fünften Stock Angst vor Kabeldieben hätte, würde ich mir momentan kein Elektroauto kaufen”. Ich wohne im dritten Stock, habe aber keinen Aufzug im Haus. Wenn ich vom Einkaufen zurückkomme, reichen mir die Packtaschen als Trainingsgerät beim Treppensteigen. Da kann ich auf Akkus gern verzichten.

Mittlerweile sind die meisten Pedelecs sicher alltagstauglich. Mindestens die Akkus und das Ladegerät verlangen aber nach einem warmen und trockenen Innenraum. Davon abgesehen haben Laternenparker mit Pedelecs nicht mehr Probleme mit Wind und Wetter als andere Radfahrer. Offensichtlich gibt es aber bei Korrosionsschutz und Wetterschutz deutliche Unterschiede zwischen den Antriebssystemen der unterschiedlichen Hersteller.

Was hilft, sind Standards. Seit 2011 gibt es einen Standard für ein universelles Ladesystem: EnergyBus. Es gibt einen Standard für die Sicherheit von Pedelec-Akkus: BATSO. Es gibt etablierte Standards für den Schutz vor Schmutz und Wasser: IP54.

Was es noch nicht gibt, sind Pedelecs, die alle Standards einhalten. Mal sehen, ob es 2012 so weit ist. Dann könnten wir anfangen, auf die universellen Stromtankstellen zu warten.

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Über Klaus Kuliga

Seit 33 Jahren Arbeit an demselben Projekt: Aus Bochum eine fahrradfreundliche Stadt machen. Eine fahrradfreundliche Stadt ist eine Einladung zum Rad fahren. Immer, überall, für jeden.
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2 Antworten zu Ist das Pedelec schon fertig?

  1. avatar Stephan Behrendt sagt:

    Hallo Klaus,

    Probleme gab es wohl antriebsseitig vor Allem beim Nabenantrieb BioniX, wo aber das Problem zwischenzeitlich behoben sein soll; mit 48 Volt ist wohl nicht so einfach wie mit den niedrigeren Spannungen der meisten Mitbewerber. Rahmenmäßig hatet sich die Hausmarke Pegasus der ZEG negativ hervorgetan.

    Wie ich auf der Vivavelo in Berlin auf Nachfragen hörte, sind aber auch manche Händer ein Problem. Die Stromtechnik ist doch ein wenig komplizierter als Fahrradmechanik und leider sind nicht alle Händler bereit, die von Herstellern angebotenen Schulungen zu besuchen.

    Deine Hoffnung auf die Standards will ich dir ja nicht nehmen. Aber wie bei den unterschiedlichen Ladesteckern für Smartfons muss wohl auch hier erst die EU ein Machtwort sprechen.

    Warnen sollte man weiterhin vor selbstgebastelten Umbauten und Billigstromern. Die Vorträge von Sachverständigen auf der VivaVelo waren voller abschreckender Beispiele von abgefackelten Akkus und gebrochenen Rahmen.

    Stephan Behrendt

    • Ich möchte anmerken, dass die Erhöhung der Spannung nicht zu einer Verkomplizierung eines Antriebes führt, wie dies im Kommentar dargestellt wird. Probleme, die es bei dem besagten 48V-Antrieb wohl teilweise gab, lagen darin begründet, dass dieser ganz frisch auf den Markt kam. Der bis dato vertriebene Anrieb mit 36V war schon viele Jahre auf dem Markt und war ausgereift. Dort waren alle Kinderkrankheiten ausgemerzt.

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