Radfahren auf der Schatzinsel

Tourt man durch Jersey, werden Bilder aus Jugendzeiten wach. An einsamen Buchten glaubt man, Robinson Crusoe begegnen zu können und an abgründigen Klippen hofft man, den Schatz des Captain Flint zu bergen. Diesen werden Touristen hier natürlich nicht finden, dafür bietet Jersey Schätze anderer Art.

Die Kanalinseln sind geografisch Frankreich zuzuordnen. Nach einem Anstieg des Meeresspiegels nach der letzten Eiszeit trennte das Wasser die Inseln vom Kontinent. Seit 1066 sind sie nach der Eroberung Englands durch den Herzog der Normandie, William the Conqueror, Privatbesitz der englischen Krone. Jersey gehört jedoch nicht zur Europäischen Union und politisch auch nicht zu Großbritannien. Die Insulaner haben eine eigene Verfassung und Gesetzgebung, sowie eine eigene Währung und Briefmarken. Englische Pfund werden akzeptiert und in großen Kaufhäusern kann man auch in Euro zahlen. Jersey ist eine Steueroase. Die Reichen und die Schönen haben hier ihr Vermögen angelegt. Dies merkt man der Insel an.

Kulturelle Schätze gibt es reichlich. Viele Sehenswürdigkeiten hängen mit dem Schutz der Insel zusammen. Elizabeth Castle ist eine Festungsanlage aus dem Jahr 1590 und gilt als eine der schönsten Burgen Europas. Sie liegt auf einer Felseninsel vor St. Helier in der St. Aubin’s Bay. Bei Niedrigwasser kann man zur Burganlage wandern, ansonsten sollte man lieber ein busartiges Amphibienfahrzeug nutzen.

Auch das Mont Orgueil Castle sollte besucht werden. Die mittelalterliche Burganlage aus dem 13. Jahrhundert thront über der Hafenstadt Gorey. Sie diente zur Abwehr französischer Übergriffe. Von den Türmen dieser Festung hat man einen Blick auf die nur 20 Kilometer nahe französische Küste. Die englische Küste ist nicht in Sichtweite, denn sie ist etwa 160 Kilometer entfernt.

Von 1940 bis1945 war Jersey von deutschen Truppen besetzt. Aus dieser Zeit stammen unzählige Bunkeranlagen entlang der Küsten. Die Geschichte der deutschen Besatzung ist im “Jersey War Tunnel” erlebbar. Die deutschen Truppen ließen von tausenden Zwangsarbeitern ein kilometerlanges unterirdisches Tunnelsystem bauen, das ein Lazarett aufnehmen sollte und in der Jetztzeit das Museum beherbergt.

Corbière Lighthouse ist ein schneeweißer Leuchtturm, der sich auf der Südwestspitze Jerseys auf einer Tideinsel befindet. Bei Tiefwasser ist er zu Fuß erreichbar. Der Tiedenhub ist in Jersey mit 12 m einer der höchsten weltweit. Daher steigt das Wasser bei Flut sehr schnell. Damit man noch trockenen Fußes die Insel erreicht, erschallt für die Touristen ein akustisches Warnsignal. Er war der erste Leuchturm der britischen Inseln, der aus Beton errichtet worden war.

In vielen Reiseführern wird Jersey mit der Bezeichnung “Die Blumeninsel” versehen. Auf der Kanalinsel gibt es eine große Artenvielfalt. Jersey liegt im Golf von Saint Malo und wird vom warmen Golfstrom umspült. Die Folge ist ein ganzjährig mildes Klima mit nur sehr wenigen Frosttagen. Frostempfindliche Gewächse wie Feigenbäume, Dattelpalmen, Riesen-Natternkopf und Kamelienbäume kommen gut durch die Winterzeit. Lavendel und Callas, Hortensien und Fucksien, aber auch wilde Orchideen, violettes Heidekraut und gelber Stechginster prägen das bunte Inselbild.

Die Blumenpracht ist in zahlreichen privaten und öffentlichen Gärten kultiviert. Leider reichte unsere Urlaubszeit nur für die private Gartenanlage “Samarès Manor” und dem öffentlichen “Howard Davis Park” in St. Helier. Einmal im Jahr wird bei der “Battle of Flowers”, einem Umzug mit blumengeschückten Wagen, mit Jerseys Blütenreichtum geprotzt. Leider ist das Parade nicht kostenfrei. Bis zu 25 Jersey Pfund muss man investieren. Würde Köln beim Rosenmontagszug ebenso viel Geld verlangen, wäre Kölns Verschuldung rasch getilgt.

Im Sommer ist es im Schnitt ein Grad kühler als in unseren Breiten. Jedoch ist es auf dieser Insel viel sonnenreicher und regenärmer. Ein gutes Fahrradwetter also. Da in Jersey das Hautkrebsrisiko um 75 % höher ist als in Großbritannien, sollten Radfahrer auf einen hohen Sonnenschutzfaktor achten.

Ausschilderung der Radnetzroute 1

Für Velofreunde und Wanderer ist die Kanalinsel ein Kleinod. Zehn ausgeschilderte Radrouten mit einer Gesamtlänge von 133 km bilden ein geschlossenes Netz. Auf der 64 Kilometer langen Route 1 kann man die Insel umrunden. Die schönsten Radwege sind auch hier stillgelegte Bahnstrecken. Von St. Helier nach Corbière entstand steigungs- und verkehrsarm eine 12 Kilometer lange Radroute entlang der ehemaligen Bahntrasse der Jersey Railway Company. Die Bahnlinie ging 1870 in Betrieb. Durch die Konkurrenz von Bussen und nach einem Brand im Jahr 1936, der beträchtlichen Schaden auch am rollenden Material anrichtete, wurde der Bahnbetrieb eingestellt. Kreuzt die Bahntrasse Straßen oder Feldzufahrten, muss man sich auch hier über Umlaufsperren ärgern.

Neben dem Radnetz existieren in Jersey die sogenannten Green Lanes. Zum Schutz der Natur und zur Förderung des Tourismus wurden sie ab 1994 geschaffen. Die Green Lanes sind schmale, baumbewachsene Wege mit geteerter Oberfläche auf denen Radler und Reiter absoluten Vorrang vor dem Autoverkehr haben. Auf ihnen gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 24 Stundenkilometern. Dieses einmalige Projekt wurde 1996 von der Guild of Travel Writers mit dem „Silver Unicorn“ ausgezeichnet.

Wie auch in Großbritannien fährt man auf den Kanalinseln links. Die Straßen sind sehr eng. Sie haben meist keinen oder nur einen schmalen Bürgersteig und werden oft von hohen Mauern begrenzt. Als Radfahrer sollte man selbstbewußt fahren und einen guten Abstand zur Mauer oder zum Straßenrand halten. Die Autofahrer sind dies gewöhnt und fahren vorausschauend und rücksichtsvoll. Wie in vielen Innenstädten lassen schmale Gassen nur Einbahnstraßenverkehr zu. Nur sehr wenige von ihnen sind für den Radverkehr in Gegenrichtung freigegeben.

An etlichen Orten kann sich der Tourist Räder mieten. Eine Ausleihe für einen Tag kostet zwischen 15 und 22 Jersey Pfund (17 – 25 EUR). Im Preis inbegriffen sind meistens ein inselweiter Pannenservice, ein Schloss, Radhelm und eine Fahrradkarte. Auf den Inseln besteht keine Helmpflicht. Allerdings weisen Verleiher darauf hin, dass Kindern nur ein Rad ausgeliehen wird, wenn sie einen Helm tragen. Vermisst haben wir ein Pannenset und eine Luftpumpe. Auch mit der Freundlichkeit der Verleiher und der Qualität der Räder waren wir wenig zufrieden. Es ist eine Überlegung wert, ob man sein eigenes Rad mitnehmen sollte. Air Berlin verlangt für die Mitnahme eines Rades von Düsseldorf einen Aufpreis von 50 EUR pro Flug.

Ruft man im Internet das Projekt “Openstreetmap” auf, stellt man fest, dass das abgebildete Straßennetz noch sehr lückenhaft ist. Daher haben wir auf den Download einer im Internet vorhandenen kostenlosen Karte fürs Navigationsgerät verzichtet. Da die Insel klein und das Radnetz gut ausgeschildert ist, reicht die kostenlose Fahrradkarte für den Besuch vollkommen aus, zumal die Inselhauptstadt St. Helier in einem gesonderten Stadtplan mit einem guten Maßstab dargestellt ist.

Im Umweltberatungszentrum Unna können sich Interessierte zu den Radberatungzeiten jeden Dienstag von 17:00 Uhr bis 18:30 Uhr Reiseführer und Radkarten von Jersey, sowie viele weitere Karten kostenlos ausleihen.

Haben Sie Reiseführer und Radkarten von anderen Radreisezielen? Gerne nimmt der ADFC Unna sie in den Ausleihpool auf.

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1 Response to Radfahren auf der Schatzinsel

  1. avatar Peter sagt:

    Sehr informativer Bericht. Das macht Lust, es noch einmal versuchen. Das letzte Mal ging ja leider in die Hose: http://radreisen.wordpress.com/2008/07/30/channelroute-2008/

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