Eine Straße – drei Städte

Provinzialstraße, DortmundDie B235 durchschneidet das Ruhrgebiet in Nord-Süd-Richtung. Auf vier Kilometern überquert sie die Grenzen zwischen drei Städten, ohne dass irgendwo eine Lücke in der Bebauung auffiele. Typisch Ruhrgebiet. Wie kann man erkennen, in welcher Stadt man sich befindet? An den Radwegen.

Castrop-Rauxel gehört zum Kreis Recklinghausen, der ist Mitglied in der AGFS, die Stadt selbst nicht, gibt sich aber trotzdem Mühe. Dortmund ist AGFS Mitglied und sehr bemüht, den Rückstand in Sachen Fahrradverkehr möglichst schnell aufzuholen. Wenn irgendwo an einer Straße gebaut wird, dann muss auch etwas für die Radfahrer dabei herauskommen. Diese Politik hat das Straßenbild von Dortmund in wenigen Jahren sehr verändert. Bochum ist nicht Mitglied in der AGFS – weil Bochum nicht fahrradfreundlich sein will. Bochum will Autostadt sein, hier werden Opels gebaut und Opel baut seit 1937 keine Fahrräder mehr – 2012 hat Opel allerdings in Genf wieder ein Fahrrad präsentiert …

Den Unterschied zwischen den drei Städten kann man an der B235, die in Castrop Wittener Straße, in Dortmund Provinzialstraße und in Bochum Hauptstraße heißt, direkt ablesen.

Stadtgrenze Dortmund - Castrop-Rauxel

An der Stadtgrenze Castrop – Dortmund hat die Straße vier Fahrstreifen, zwei Gehwege und sonst nichts. Zwei Fahrstreifen werden, wo immer es geht, zum Parken genutzt. Das ist bei innerstädtischen Straßen mit vier Fahrstreifen sehr oft so. Radfahrer werden dann irgendwie zwischen den fahrenden, abbiegenden und parkenden Autos eingeklemmt und müssen sehen, wo sie bleiben. Nicht sehen kann man hier, dass Castrop-Rauxel – genau wie Dortmund – weiter nördlich schon mit dem fahrradfreundlichen Umbau der Straße begonnen hat und der Abschnitt bis zur Stadtgrenze Dortmund auf seine Realisierung wartet.

Provinzialstraße, Dortmund

Provinzialstraße, Dortmund, neu ausgebaut

Dortmund ist dabei, die Straße auf voller Länge umzubauen. Der erste Abschnitt ist bereits fertig, der zweite in Arbeit. Heraus kommt eine Straße mit je einem Fahrstreifen pro Richtung plus Radfahrstreifen plus Parkbuchten plus Gehweg plus variablem Mehrzweckabteil in der Fahrbahnmitte. Komfortabel für Radfahrer.

Hauptstraße, Bochum.

Hier beginnt Bochum.

In Bochum sieht die Straße aus wie in Castrop. Aber die Gehwege wurden kurzerhand auch zu Radwegen ernannt und die Radfahrer damit in die Seitenräume verbannt. Dort dürfen sie sich mit den Fußgängern um den einen Meter Platz streiten, der für beide noch übrig ist.

An ihren Radwegen sollt ihr sie erkennen:

  • Castrop zeigt hier noch den alten Zustand: nicht fahrradfreundlich, aber das wird.
  • Dortmund tut etwas: fahrradfreundlich.
  • Bochum macht es schlimmer: fahrradfeindlich.

P.S.: Das Sahnehäubchen in Dortmund ist ganz unauffällig angebracht:
An den Nebenstraßen sind neben dem Radfahrstreifen Aufstellflächen für indirektes Linksabbiegen markiert, um den Radfahrern die Querung zu erleichtern. Diese kleinen Flächen haben es in sich: Induktionsschleifen. Jede Aufstellfläche zum indirekten Linksabbiegen ist mit einer Induktionsschleife versehen, die automatisch Grün anfordert, wenn ein Radfahrer sich dort zum Abbiegen aufstellt. Das ist fahrradfreundlich.

Provinzialstraße, Dortmund

Aufstellfläche mit Induktionsschleife

Provinzialstraße, Dortmund

Radstreifen mit Aufstellfläche zum indirekten Linksabbiegen.Automatisch Grün mit Induktionsschleife .

Provizialstraße Querschnitt neu

 

Der Artikel wurde auf Einspruch der Stadt Castrop-Rauxel am 20.3.2012 aktualisiert: Auch Castrop tut was, nicht nur Dortmund.

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Über Klaus Kuliga

Seit 30 Jahren Arbeit an demselben Projekt: Aus Bochum eine fahrradfreundliche Stadt machen. Eine fahrradfreundliche Stadt ist eine Einladung zum Rad fahren. Immer, überall, für jeden. Nicht ohne meinen ADFC. Zur Zeit Vorsitzender beim ADFC Bochum.
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6 Kommentare zu Eine Straße – drei Städte

  1. avatar Karsten Obrikat sagt:

    Ein spitzenmäßiger Beitrag!

    Wobei ich allerdings anmerken muss, dass ich niemals indirekt abbiege. Ich sehe mich als Radfahrer als gleichberechtigt zum Kraftverkehr und biege demnach direkt ab.

  2. Ich habe so meine Probleme mit der Anlage der indirekten Linksabbieger. Die Umsetzung ist in jeder Stadt sehr unterschiedlich. Da sucht man als Radfahrer gerne mal die passende zugehörige Ampel. In Duisburg haben eigene kleine Linksabbiegerampeln zu gefährlichen Situationen geführt. Radfahrer hatten aus der Entfernung das grüne Linksabbiegersignal als Grünsiganl für den Geradeausverkehr verstanden, andere hielten trotz Grünsignal für den Geradeausverkehr an, weil Sie das rote Linksabbiegersignal an der gegenüberliegenden Seite beachtet haben.
    Viele Radfahrer fühlen sich extrem unsicher, quer vor den wartenden Fahrzeugen mitten auf einer Kreuzung zu stehen.
    Besser ist allemal eine eigene Aufstellfläche im Straßenraum bzw. ausreichend breite Linksabbiegerspuren. Ängstliche Radfahrer können ja absteigen und das Fußgängersignal nutzen.

  3. Auch vom mir erst mal ein Kompliment: Anhand einer durchgehenden Straßen den Fahrradcharakter dreier Städte zu vergleichen, ist eine super Idee!

    Da hier über Linksabbiegen diskutiert wird, dazu auch was von mir. Ich glaube, man kann nicth pauschal eine der beiden Linksabbiegetechniken für besser erklären. Persönlich bevorzuge id das direkte Abbiegen, weil es schneller geht und weil ich mich nicht aus dem Fahrbahnverkehr aus- und wieder einschleusen muss. Aber viele andere, besonders ältere Radfahrer trauen sich das nicht, weil sie Angst vor den KFZ haben und weil sie den Schulterblick nicht hinkriegen. Die sind mit indirektem Abbiegen besser bedient, wenn die zugehörigen Aufstellflächen unmissverständlich gestaltet sind. Einen interessanten Ansatz verfolgt man in Berlin. Dort fasst man die Auffangradwege zu einer umlaufenden geschlossenen Markierungsstruktur zusammen, die außen an die Fußgängerfurten grenzt und innen abgerundet ist. Hier ein Beispiel.. Ich finde das nicht schlecht, weil die Markierungen auch an die Autofahrer ein deutliches Signal setzen: Hier gibt es Radfahrer, die abbiegen wollen.

  4. Pingback: Ein Fahrradstreifen macht noch keinen Sommer | ADFC Blog - ADFC Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club e. V.

  5. avatar Kai sagt:

    Ich komme aus der Ecke (bin in der Nähe der Provinzialstrasse aufgewachsen). Ich kenne die gesamte Strasse seit über 20 Jahren aus Radfahrersicht. In der gesamten Ecke gibt es so gut wie keine Alltagsradfahrer, nur Sportradler und ein bißchen Sonntagsausflug im Schleichtempo. Ich wohne da nicht mehr, aber es scheint mir immer noch so zu sein.

    Auf der Provinzialstrasse in Lütgendortmund und Bövinghausen gab es in 20 Jahren eine Reihe von tödlichen Unfällen, allerdings waren nicht Radfahrer die Opfer, sondern Fussgänger. Das hat man erst versucht, durch Fussgängerampeln einzudämmen, was leider nicht geklappt hat. Deshalb hat sich die BV in Bövinghausen entschlossen, diese Lösung mit Radstreifen zu bauen. Die Radverkehrsförderung ist also nur ein Nebeneffekt einer Verkehrsberuhigung.

    Für mich persönlich finde ich, dass sich durch den Radstreifenausbau weder positiv noch negativ viel geändert hat. Man ist eigentlich immer gut mit den Autofahren ausgekommen, es gab dort so gut wie nie Engüberholer. Dank zwei breiten Fahrspuren. Einzig die Raserfraktion störte dort, was sich jetzt mit dem Anstieg der Benzinpreise sowieso erledigen wird. In dem Bochumer Abschnitt ist lästig, dass dort immer eine Spur zugepart wird. Den Bürgersteigradweg dort habe ich noch nie benutzt und hatte nie Probleme damit.

    Zu der Äusserung, das Dortmund fahrradfreundlich sein soll, kann ich nur leise schmunzeln. “Sehr bemüht”, so wie bei Arbeitszeugnissen, trifft es schon. 😉 Ich rate mal dazu, in die Hamburger Str in der Dortmund Innenstadt zu fahren. Dort kann man sehen, wie man zwei (Auto-)Fahrspuren pro Richtung, einen Radstreifen der untermassig ist und einen Längparkstreifen, der die aufklappenden Autotüren direkt in Radfahrers Fahrlinie bringt auf einer Strasse unterbringt. Das ist mal Autofahrerförderung deluxe, verkauft unter dem Siegel der Fahrradfreundlichkeit!

  6. avatar Michael Stoß sagt:

    Der Vergleich ist natürlich sehr gelungen und wollen wir mal hoffen, dass Dortmund den Weg weitergeht (es wird ja angesichts immer dürftigerer Kassenlage auch immer schwerer mit realen Investitionen, Farbe ist da noch das wahrscheinlichste).

    Als gebürtiger Dortmunder gruselt es mich aber jedesmal, wenn es mich zu Verwandten in der Innenstadt verschlägt. Ich lebe schon lange in Berlin und habe viel an der hiesigen Radinfrastruktur auszusetzen, aber wenn Dortmund fahrradfreundlich sein soll, dann lebe ich im Fahrradparadies. Bleibt die Frage: wie soll man dann Kopenhagen oder gar die Niederlande nennen?

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