Wenn die Kontrolle aus dem Ruder läuft

Es gibt Fehlverhalten von Radfahrern. Darüber brauchen wir nicht diskutieren. Alltäglich sieht man sie – fahrend auf Bürgersteigen und in Fußgängerzonen oder entgegen der eigentlichen Fahrtrichtung auf Radwegen. Die Gründe für dieses Fehlverhalten sind auch vielfältig: Unwissenheit, Eile und Faulheit sind die eher bei den Radfahrern zu suchenden Gründe. Durch mangelhafte Radverkehrsführungen, irreführende Schilder und Markierungen wird aber auch Fehlverhalten provoziert.

„Ein großes Problem ist, dass der Radfahrer sich lange Zeit, und wohl auch zu Recht, als der vergessene Verkehrsteilnehmer gefühlt hat, und das, was dann an Radverkehrsplanung war, lange Zeit keinen Netzzusammenhang zeigte und bis heute auch noch nicht zeigt. Dadurch, dass er eben keine klare Linie vorgegeben bekommt, nimmt er sich dann auch das Recht ’raus, überall zu fahren. Nach dem Motto, an mich denkt sowieso keiner. Ich fahre halt, wie ich will.“ – Peter Gwiasda, Leiter Arbeitsgruppe Straßenentwurf bei der FGSV

Grundsätzlich ist es zu begrüßen, wenn Straßenverkehrsbehörden, Polizei aber auch Radverkehrsvertreter Aufklärungsarbeit betreiben und sich gemeinsam bemühen, Radverkehrsführungen zu verbessern und Verkehrsregeln klarzumachen.

Letzteres hat sich am 8. Mai 2012 auch die Polizei in Gütersloh vorgenommen. In einer groß angelegten Aktion mit 70 Beamten wurden in Rheda-Wiedenbrück und Gütersloh Radfahrer medienwirksam überprüft. In allen drei Lokalzeitungen (1, 2, 3) und auch im WDR wurde umfassend darüber berichtet. Auf allen Fotos und im Fernsehbericht war immer wieder die gleiche Stelle zu sehen: Die Blessenstätte in Gütersloh, entlang der Stadtbibliothek. Hier wurden reihenweise „Gehwegradler“ aus dem Verkehr gezogen, denen von der Polizei ein Verwarngeld in Höhe von 5,00 Euro auferlegt wurde.

Da kann man stutzig werden. Warum fahren hier offensichtlich so viele Radfahrer falsch?

Schauen wir uns doch mal die Situation an. Die meisten Radfahrer erreichen die Kontrollstelle kommend von einem nicht benutzungspflichtigen Radweg entlang der Straße „Unter den Ulmen“.

Radweg an der Straße Unter den Ulmen in Gütersloh

Radweg entlang der Straße Unter den Ulmen

Auf dem Weg Richtung Innenstadt müssen die Radfahrer rechts in die Straße Blessenstätte abbiegen. Und hier fängt das Problem an, denn eine Radverkehrsführung in die Straße Blessenstätte gibt es nur für Linksabbieger stadtauswärts.

Knotenpunkt Unter den Ulmen/Blessenstätte

Knotenpunkt Unter den Ulmen/Blessenstätte

Was sollen die Radfahrer dort machen, wenn sie rechts abbiegen möchten und sich auf dem Radweg befinden? Nach Auskunft der Polizei sollen sie auf die Fahrbahn, denn die Nebenanlage, die sich an den Radweg anschließt sei ein reiner Gehweg. Das Problem: Die Radfahrer erkennen den Gehweg nicht. Sie gehen davon aus, dass die angrenzende in einem ähnlich ausgeblichenem rot gepflasterte Fläche als nicht benutzungspflichtige kombinierte Geh- und Radweganlage den Radverkehr von der Straße „Unter den Ulmen“ aufnimmt.

Radfahrer biegen auf die rot gepflasterte Fläche ab

Radfahrer biegen rechts auf die rot gepflasterte Fläche ab

Rechtsabbieger in die Blessenstätte

Rechtsabbieger in die Blessenstätte

Hierzu muss man wissen, dass Radwege in Gütersloh ortsüblich mit einer aus roten Pflastersteinen bestehenden Oberfläche ausgeführt sind. Nur anhand dieses baulichen Merkmals können Radfahrer in Gütersloh nicht benutzungspflichtige Gehwege erkennen. Markierungen oder ein trennender Bordstein zwischen Rad- und Gehweg sind in Gütersloh unüblich (siehe auch der im ersten Bild dargestellte getrennte Rad- und Gehweg).

An dieser Stelle „lauerte“ die Polizei

An dieser Stelle „lauerte“ die Polizei

Ausgerechnet an dieser für den Radfahrer höchst unklaren Stelle platziert sich dann also die Gütersloher Polizei und lauert auf die scharenweise einfallenden Opfer. Unfallverhütung sei einer der Hauptgründe für die Kontrollaktion, so die Berichterstattung in den Medien. Und eine Hauptursache sei das Befahren von Gehwegen mit dem Fahrrad. Mag sein. Aber einerseits kann sich der seit 33 Jahren in Gütersloh lebende Verfasser dieser Zeilen nicht an einen einzigen Unfall zwischen Radfahrern und Fußgängern an der Stadtbibliothek erinnern. Andererseits sollten aber auch Radfahrer klar ihr Fehlverhalten erkennen können. An der Stadtbibliothek, auf einer rot gepflasterten Fläche, die sich direkt an einen Radweg anschließt, erscheint das zweifelhaft.

So drängt sich dann leider doch der Eindruck auf, der Polizei ging es hier weniger um Unfallverhütung und Aufklärungsarbeit, sondern vielmehr darum, in Anwesenheit der Medien und des Landrats öffentlichkeitswirksam möglichst viele Radfahrer zu erwischen und somit Fallzahlen zu erzeugen. Hätte die Polizei zuvor die Stadt Gütersloh in die Pflicht genommen und dafür gesorgt, dass der Bereich vorher klar als Gehweg erkennbar ist, niemand hätte sich beschwert.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite übrigens, dort wo eh schon klar zwischen Geh- und Radweg unterschieden werden kann, dort finden sich Gehwegmarkierungen. Dort ist die Situation eindeutig und klar – folgendermaßen gibt es dort auch so gut wie keine Falschfahrer.

Auf der gegenüberliegenden Seite ist der Gehweg klar markiert

Gegenüber der Kontrollstelle...

Gehwegmarkierung an der Blessenstätte - auf der anderen Straßenseite

... auf der anderen Straßenseite ist der Gehweg klar markiert

Nun ist die Kritik an der Kontrollaktion in den Medien präsent. Es gab mehrere Leserbriefe und auch der WDR hat erneut berichtet. Der Polizei wünschen wir bei der nächsten Aktion mehr „Fingerspitzengefühl“ bei der Auswahl der Kontrollstellen. Und die Stadt Gütersloh? Sie sollte den Bereich um die Stadtbibliothek deutlich als Gehwegfläche kennzeichen und eine Radverkehrsführung auf die Fahrbahn an geeigneter Stelle herstellen. Allerdings bleibt dunkel, ob die Stadt die Fläche überhaupt als „reinen Gehweg“ betrachtet. Eine Stellungnahme dazu ist bislang ausgeblieben.

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Über Daniel Neuhaus

Daniel ist Vorstandsmitglied im Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club Kreisverband Gütersloh. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Radverkehrspolitik und betreut die umfassende Mängel-Datenbank des Kreisverbands.
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6 Antworten zu Wenn die Kontrolle aus dem Ruder läuft

  1. avatar Michael Kleine-Möllhoff sagt:

    In Duisburg habe ich ebenfalls den Eindruck, nicht die Gefahrenstellen sind für Polizeikontrollen interessant, sondern einfach zu kontrollierende Bereiche.
    Besonders am Hauptbahnhof wird gerne in einer für Fußgänger reservierten Unterführung kontrolliert. Hier ist Radfahren sicher kritisch, wegen der fehlenden Alternative aber häufig praktiziert. Unfälle sind mir aus diesem Bereich nicht bekannt.
    Wenige Meter weiter sind auf einem eh schon viel zu engen Bordsteinradweg häufig Geisterfahrer unterwegs. Kontrollen habe ich dort noch nie gesehen. Ein hochrangiger Polizist meinte dazu mal zu mir: “Wär ja blöd, da fahr ich auch immer auf der falschen Seite.”

  2. avatar Michael HA sagt:

    Hallo Daniel,
    lade doch mal fünf Verkehrspolizisten, die Mitarbeiter der Verkehrsplanung und der Verkehrsbehörde aus einer Nachbarstadt zu einer Radtour ein. Es sollten Ortsunkundige sein; die Gütersoher kennen die Stelle jetzt aus dem Fernsehen. Vor Beginn der Tour läßt du dir von den Teilnehmern die strikte Einhaltung der StVO unterschreiben. Dann fährst du “zufällig” an besagter Straßenecke vorbei. Das ganze hält jemand auf Video fest und das zeigt ihr dann der heimischen Polizei und dem Fernsehen…

  3. avatar Michael HA sagt:

    Um Mißverständnissen vorzubeugen sollte es in meinem Beitrag besser heißen: “Dann läßt du die ganze Expertengruppe “zufällig” an besagter Straßenecke rechts abbiegen. Ich glaube dass sich dort keiner nach den Vorschriften der Gütersloher Polizei verhalten würde. Die ganze Polizeiaktion ist an der Stelle eine Frechheit!

  4. avatar Daniel Neuhaus sagt:

    Hallo Michael,

    ja, das ist keine schlechte Idee – allerdings erstmal die Zeit haben für so eine Aktion… wir sind derzeit dabei, die Kommunikation mit Stadt, der Polizei und den Medien zu koordinieren. Die Seitenanlage an der Stadtbibliothek – bei der die Stadt nach heutiger Auskunft tatsächlich kein Radverkehr zulassen möchte – ist nur ein einziges Beispiel von zahlreichen unklaren oder falschen Radverkehrsführungen in Gütersloh. Die inzwischen mehr als 100 Einträge umfassende Mängel-Datenbank spricht da wohl auch eine deutliche Sprache (und da ist die Stadtbibliothek noch nicht mal mitgezählt…)

    Es bleibt viel zu tun – die Stadtbibliothek wird uns als Beispiel dienen, den ganzen Irrsinn einmal auch über die Medien bekannt zu machen.

  5. Pingback: Beschilderung von Radwegen | ADFC Blog - ADFC Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club e. V.

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