Go East – Mit dem Pedelec von West nach Ost in zwei Tagen

Go East

Mit dem Pedelec von West nach Ost in zwei Tagen

 Logbuch Tag 1: 72,7 km / Tag 2: 227,50 km.

Im Spätsommer 2011 kribbelten mir wieder die Beine. Mir stand der Sinn nach einer langen Tour, von der man abermals ein Weilchen erzählen kann. Es sollte etwas sein, was halt nicht jeder in Angriff nimmt und meine bisherigen Touren noch einmal toppt. Zudem wollte ich wissen, was mit einem sportlichen Touren-Pedelec überhaupt möglich ist. Wo liegen die Vorteile eines E-Rades auf einer solch langen Strecke? Gibt es überhaupt welche?

Die Vorteile auf Sonntagstouren und im Alltag waren mir schon lange aus eigener Erfahrung bekannt. Schnell wanderte mein Blick zu meinen Elektrorädern. Ich hatte schließlich seit kurzem zwei E-Räder mit dem gleichen Akkusystem und konnte nun die Akkus untereinander austauschen. Da ich mit einem Akku bei moderater Nutzung des Extraschubes etwa 100 Kilometer weit fahren konnte, war der Radius schon in etwa vorgegeben.

Durch mein absolviertes Studium in Bielefeld hatte ich dort noch immer viele Freunde und ein weiteres Mal bot sich die Reise in den östlichsten Zipfel NRWs an. Die Strecke Bielefeld-Aachen hatte ich bereits zweimalig in der Vergangenheit in Angriff genommen, zu diesem Zeitpunkt aber noch ohne elektrische Unterstützung und halt in die andere Richtung. Ich wusste also, dass eine solche Distanz selbst mit einem normalen Fahrrad durchaus an zwei Tagen für einen trainierten Fahrer zu schaffen sei. Da ich bei meiner Reise allerdings vor hatte, am Zielort an paar Tage zu verweilen, kam zum zu bewegenden Gewicht eines E-Tourenrades noch das meinige und etwa 25 kg Gepäck hinzu – alles in Allem also nicht wenig Masse – genau gesagt: rund 150 kg.

Hatte ich bei meinen vorherigen Reisen immer darauf Wert gelegt, am ersten Tag den weitesten Streckenabschnitt zu absolvieren, sah die Planung in 2011 ein wenig komplizierter aus. Ein Freund aus Köln hatte mir sein Sofa als nächtliche Bleibe angeboten und da ich ihn eh besuchen wollte, lag mein Ziel nach dem ersten Tag in Köln. Durchaus bekannt war mir, dass die zu fahrende Strecke optimiert etwa 300 km lang war. Ich wollte schließlich auf dem Weg von Köln nach Bielefeld noch einen Abstecher in Münster einlegen.

Nun ging es an die genauere Planung der Strecke mittels Navigationssoftware verschiedener Quellen, sodass ich mir die fertige Strecke auf mein Outdoornavi laden konnte. Bei meinen ständigen Touren habe ich die Erfahrung gemacht, dass man Natur, Umwelt und Menschen einfach besser genießen kann, wenn man mit dem Navi unterwegs ist. Mit Hilfe dieses kleinen Gerätes bleibt man in der Regel auf dem richtigen Weg und kann sich unterwegs auf Wichtigeres als die Streckensuche konzentrieren. Entscheidend für den Genuss auf der Tour ist die sorgfältige Vorplanung der Strecke auf dem heimischen Computer.

Mitte September sollte es also nach einer arbeitsreichen Zeit losgehen, um wieder etwas Abstand vom Alltag zu bekommen. Die Wettervorhersage ließ Gutes erahnen und ich packte alles zusammen, was ich in den nächsten Tagen brauchen würde. Nachdem ich die beiden Packtaschen vollgepackt hatte, lagen noch viele Dinge in der Garage, die ebenfalls mitgenommen werden wollten. Mehr als zwei große Packtaschen konnte ich an meinem Rad, was mich sonst täglich von A nach B bringt, aber nicht befestigen. Ich kaufte mir daraufhin kurzerhand am Morgen der Tour eine wasserdichte Gepäckrolle, die nochmals einige Liter Stauraum bot und auf dem Gepäckträger zwischen den Packtaschen zu befestigen war. Wer nicht mit Lenkertasche oder Lowrider unterwegs sein möchte, wird binnen kurzer Zeit den Nutzen einer solchen Gepäckrolle zu schätzen wissen.

Das Rad war nun bepackt und es konnte losgehen. An Tag 1 war eine Distanz von 72,7 km zu absolvieren. Dies konnte man in Anbetracht des Programms vom Folgetag lediglich als Einrollen auffassen. Es bot sich zudem die Möglichkeit, das Gewicht auf dem Rad gut auszutarieren und sich an das Fahren mit den zusätzlichen Kilos zu gewöhnen. Nach kurzer Fahrt in Köln angekommen erwartete mich eine angenehme Dusche. Zudem musste einer der Akkus an den Lader, da ich am nächsten Morgen zwei volle Akkus benötigte. Verwöhnt wurde ich daraufhin mit einem köstlichen, stärkenden Mahl, mit dem die Energiereserven des Körpers bis zum Maximum gefüllt werden sollten. Schließlich schlief ich ruhig ein und freute mich auf den folgenden Tag.

An Tag zwei meiner Reise musste es früh losgehen. Ich hatte mir ausgerechnet, dass ich spätestens 6.30 Uhr losfahren musste, um nicht zu spät in Bielefeld anzukommen.

Nach einem leichten Frühstück schwang ich mich auf mein flottes Pedelec. Den Weg ließ ich mir wiederum von meinem elektronischen Freund am Lenker vorgeben. Leider stellte sich die gewählte Streckenführung in den frühen Morgenstunden als nicht ganz optimal heraus. In Köln selbst wurde ich ständig in die Gegenrichtung von Einbahnstraßen geführt. Dies hatte ich der Option „Kürzeste Route über alle Straßen und Wege“ des NRW-Radroutenplaners zu verdanken. Da die Verwaltung in Köln aber wohl nicht viel von der Freigabe von Einbahnstraßen in Gegenrichtung für Radfahrer hält, verlor ich schon des Morgens wertvolle Zeit. Bei der Streckenplanung mittels NRW-Radroutenplaner war ich blauäugig davon ausgegangen, dass die mir vorgeschlagenen Strecken immer mit dem Rad zu befahren sein könnten, weil ich sonst den Sinn des Programms, welches eben für Radfahrer konzipiert ist, nicht ganz nachvollziehen kann. Fast eine Stunde brauchte ich, um endlich die Ausläufer der Kölner Innenstadt hinter mir zu lassen. Erst jetzt konnte ich nennenswert Geschwindigkeit aufbauen. Bei dem bisherigen andauernden Anfahren mit viel Gepäck war der starke Motor von BionX schon Gold wert gewesen.

Dann lief es schließlich angenehm ohne Verkehrslärm quer durch NRW. Vorbei ging es im Wesentlichen an Leverkusen, Hilden, Wülfrath, Bochum, Herne, Datteln, Lüdinghausen. Abseits der Autobahnen gibt es so manch schönen Fleck, den man mit dem Auto ganz einfach nicht erfassen kann. Immer wieder wundere ich mich, welch schöne Orte quasi ganz um die Ecke liegen. Man muss sie nur „erfahren“.

Von der Strecke war ich jedenfalls hellauf begeistert, selbst, wenn die Streckenführung mich nicht selten vor schwierige Aufgaben stellte. Schließlich ist ein E-Rad samt 25 kg Gepäck und ohne Federung auf schmalen Reifen nicht einfach über Schotter- sowie Feldwege zu manövrieren. Gleichwohl trägt selbst der sportliche Nutzer ein solches Gefährt nicht einfach Treppen hinauf. Schon das schieben treppab ist beschwerlich. So sammelten sich die „Strafminuten“ zusammen, was mich dazu veranlasste, auf den freien Strecken mächtig Druck auf die Pedale ausüben zu müssen. Den Heckantrieb von BionX konnte ich dabei nicht zu sehr strapazieren, weil noch so viele Kilometer vor mir lagen. Ich musste mich mit der ersten von vier Fahrstufen zufrieden geben, welche nicht einmal das Gepäck des Rades in Vergessenheit gerieten ließ. Der erste Akku machte nach 102 km schlapp. Für das bisherige Tempo von etwa 25 km/h im Schnitt war dies eine beträchtliche Leistung.

Angekommen in Münster nach etwa 145 km konnte ich mich ein wenig ausruhen. Es galt ein bisschen Kraft zu tanken. Das Ende lag in greifbarer Nähe. Während meines Aufenthalts konnte ich einen der Akkus zwei Stunden aufladen, wohlwissend, dass ich diesen noch brauchen könnte. Nach meiner nachmittäglichen Pause sollte es weiter gen Bielefeld rollen. Die Münsteraner Ansiedlungen waren schnell hinter mir. Nachdem mich das Navi kurz auf Abwege geschickt hatte, wo ich wieder merkte, dass man auch mit dem besten Navi nicht vom Mitdenken befreit ist, lief es sehr angenehm auf Wegen, die ein hohes Tempo zuließen.

Der zweite Akku ließ eine unterstützte Fahrt von etwa 105 km zu, woraufhin Akku Nummer 1, den ich in Münster ja für zwei Stunden laden konnte, wieder im Spiel war. Die restliche Strecke war allerdings überschaubar, weshalb ich mich in Sicherheit wog.

Schon die Ausläufer von Bielefeld erkennend schickte mich das Navi leider, um ein paar Meter zu sparen, über sandige Wege, die endgültig mit der Ballastierung des Rades nicht mehr fahrbar waren. Somit blieb nur das Schieben über ein paar hundert Meter übrig. In Anbetracht der bisherigen unangenehmen Stellen auf einer solch langen Strecke war ich aber im Großen und Ganzen mit der Streckenführung zufrieden. Auf den digitalen Karten erkennt man halt leider nicht jede ungeeignete Wegstrecke oder man übersieht auf einem solch langen Streckenabschnitt schnell eine Unwägbarkeit.

Vor den Toren der ostwestfälischen Metropole konnte ich gar die Unterstützung des Motors ein wenig hoch regeln, sodass die letzten Kilometer zu meiner ganz persönlichen Triumphfahrt wurden.

In meiner alten Studienheimat angekommen wurde ich fröhlich von Freunden empfangen. Gleich mehrere hatten sich zusammengefunden, um das Wiedersehen und die tolle Zwei-Tages-Tour zu feiern.

Die Tour verlief alles in allem sehr gut. Defekte hatte ich nicht zu beklagen. Wieder einmal habe ich viele schöne Dinge in den Grenzen NRWs gesehen, die ich vorher noch nicht kannte. Der Elektroantrieb machte für mich erst die flotte Reise möglich. Selbst, wenn eine solche Strecke auch ohne Antrieb mit Gepäck zu meistern ist, gilt dies sicherlich nicht für die gefahrene Zeit und den empfundenen Spaß an den zwei Tagen.

Am Ende des zweiten Tages waren auf dem Tacho eine Fahrtzeit von 8 Stunden und 16 Minuten zu lesen. Somit lag meine Reisegeschwindigkeit bei über 25 km/h… Die Energiekosten für den Antrieb auf dieser Reise lagen übrigens bei unter einem Euro…

Ich wünsche allen, die das Ungewöhnliche – wo auch immer – wagen, allzeit „Gute Fahrt“ und viel Spaß an Land, Leuten sowie Motor!

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Über Denys Benjamin Alt

In erste Linie bin ich Rechtsanwalt - in zweiter Spezialist für Elektrofahrräder und GPS. Ich schraube leidenschaftlich gerne an Fahrrädern. Neben meinen beiden Pedelecs, bewege ich gerne meine Tandems, Rennräder und Mountainbikes. Um das Ziel immer sicher zu finden, ist bei langen Touren ein GPS-Gerät dabei.
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5 Antworten zu Go East – Mit dem Pedelec von West nach Ost in zwei Tagen

  1. avatar Karsten Obrikat sagt:

    Vielen Dank für diesen tollen Bericht! Die Erfahrung mit Sandwegen konnte ich auch schon mal auf einer Reise machen, damals hatte ich mich auf Naviki verlassen.

  2. Ich habe gerade auch eine Tour von Kiel nach Minden erfahren. Dank E-Bike kam ich in drei Tagen beladen mit 6 Taschen gut zurecht. Alle Stromerzeuger (Windräder) habe ich leider von hinten gesehen. So war ich froh, den Strom für den eingebauten Rückenwind im Akku zu haben.
    Trotz Navi habe ich aber an manchen Stellen eine vernünftige Beschilderung vermisst. Auf dem Elbe-Radweg durfte ich dann rätseln: Auf dem Deich, rechts oder links daneben? Da waren dann auch mal die mit Schranke verschlossenen Wege die richtigen.

  3. avatar Benuli sagt:

    Habe den Bericht mit Interesse gelesen, da ich sie auch mal gefahren bin, allerdings ohne Pedelec, aber mit Gepäck an einem Tag. Also ohne Motörchen geht das auch ganz gut, ist ja fast nur flach.

  4. avatar Jens sagt:

    Ein gelungener Beitrag und war bestimmt eine gute Erfahrung für sich. Ist vielleicht eines dieser Pedelecs – http://www.bikenest.de/bionx-bifs-sunstar-pedelec-nachruestsaetze-ebike-umbau-elektrofahrrad-nachruestung?cat=23
    – dasselbe wie Deins?

    Eine Fahrtzeit von 8 Stunden und 16 Minuten ist natürlich klasse.

    • avatar Denys Benjamin Alt sagt:

      Danke. Ja, es war eine tolle (Grenz)-Erfahrung.
      Das Pedelec von der Tour ist nicht das bei dem geposteten Link. Meins ist ein Eigenbau, welchen ich Schraube für Schraube selbst zusammengestellt und gebaut habe. Dazu kam dann der BionX-Antrieb mit 36 Volt. Das Rad ändert sich auch immer mal wieder. Inzwischen ist die Federgabel gegen eine starre Alugabel getauscht und die Reifen sind eine Nummer dicker.
      Die Fahrtzeit war jedenfalls nur mit viel Training und zwei Akkus möglich.

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