Rallarvegen

Norwegen von seiner schönsten Seite

Von Oslo aus geht es erst mal entlang einer Schnellstraße.

Einer der beliebtesten und schönsten Radwege Norwegens verläuft entlang der Eisenbahnstrecke von Oslo nach Bergen. Im Gebirgigen Südnorwegen entschied man sich Ende des 19. Jahrhunderts zum Bau einer Eisenbahnverbindung um die beiden wichtigsten Städte des Landes zu verbinden. Im unzugänglichen Gebirge des nördlichen Hardangervidda musste zuerst ein Arbeitsweg (Veien)  für die Bahnarbeiter (Rallare) angelegt werden. Dieser Weg verbindet auch die in regelmäßigen Abständen angelegten Hütten der Bahnmitarbeiter. Diese dienten früher dem Streckenpersonal als Unterkunft. Der Rallarvegen wurde 1974 als Radweg ausgebaut. Nur noch in Teilbereichen wird er von den heutigen Eigentümern der Bahnarbeiterhütten als Fahrweg genutzt.

Der Rallarvegen führt von der Ortschaft Haugastøl auf 1000 Metern Höhe hinauf bis Finse auf 1222 Meter. Die nächsten 21 Kilometer führt der Weg über den höchsten Punkt bei  1335 Metern zum nächsten Bahnhof Hallingskeid. Von dort aus geht es fast nur noch abwärts über die Orte Myrdal hinunter bis zum auf Meeresniveau liegenden Ort Flåm. Der Radweg Richtung Bergen lässt sich von Myrdal aus nur über eine Zugfahrt durch einen Tunnel erreichen. Eine alternative Route gibt es nicht. Daher fahren die meisten Radfahrer entlang der 1940 in Betrieb genommenen Flåmsbahn.

Unsere Radtour begann Anfang Juli mit der Fährüberfahrt von Kiel nach Oslo.

Leider gab es zwischendurch keine Elche sondern nur Regen.

Bereits die Einfahrt in den Oslofjord bietet tolle Landschaftsbilder.

Die 20 Stunden kann man als kleine Kreuzfahrt genießen. Die Fähre ist mit Theater, Casino, Diskothek, Geschäften und mehreren Restaurants als schwimmende Stadt unterwegs.
In mehreren Etappen gelangten wir von Oslo hinauf in den Wintersportort Geilo. Um die Strecke nicht zu anstrengend zu machen, nahmen wir dazu auch auf einer Teilstrecke die Bergenbahn von Oslo nach Bergen. Die Radwege auf dem Abschnitt von Oslo nach Geilo haben bereits einige Widrigkeiten zu bieten. Wir mussten feststellen, dass nur ein gutes Mountainbike ohne Gepäck geeignet ist, hier auch fahren zu können. So mussten wir einige Abschnitte auf steilen Waldwegen oder Schotter die beladenen Tourenräder schieben. Auch der teilweise von uns genutzte Radweg entlang der Schnellstraße E 16 war nicht durchgängig ausgebaut. Teilweise mussten wir mit den Rädern auf der von vielen LKW genutzten Straße fahren. Da dieser Abschnitt

Ein eigener Waggon nur für Fahrräder bietet ausreichend Platz.

Große Abschnitte sind auf der Fahrbahn zu bewältigen. In Kurven wird es da schon mal eng.

steil abwärts ging, wurde uns schnell klar, der Rückweg konnte unmöglich auf dieser engen Straße bergauf erfolgen.
Daher haben wir am ersten Abend eine neue Planung für den Rückweg gemacht und eine gebuchte Unterkunft storniert.

Von Geilo aus fuhren wir einen längeren Abschnitt auf der wenig befahrenen Fernstraße 7 über Ustaoset nach Haugastøl. Wer sich noch mit Lebensmitteln versorgen möchte, sollte dies bereits in Geilo oder spätestens in Ustaoset erledigen. Der restliche Weg bis Flåm bietet keinen Supermarkt mehr. Da die Straße teilweise durch die Führung entlang der Hänge recht unübersichtlich ist, wurde mancher Überholvorgang von LKW oder Wohnwagengespannen zum Lotteriespiel.

Am Beginn des Rallarvegen gibt es Unmengen Leihräder

Mit leichtem Anstieg geht es ins Gebirge.

Wir waren froh, endlich die Raststätte in Haugastøl erreicht zu haben. Überrascht waren wir hier von den hunderten Leihrädern, die extra zur Nutzung auf dem hier beginnenden Rallarvegen bereitstanden.

Auch wenn Norwegen insgesamt ein hohes Preisniveau hat, sind die Ausleihgebühren ab 65 Euro für zwei Tage doch überraschend. Ein hochwertiges Mountainbike kostet am Wochenende für zwei Tage bereits 140 Euro (nicht gekauft, nur geliehen!). Allerdings sind die Leihräder auch sehr hochwertig und für die Bergstrecken mit einer extra dritten Bremse ausgestattet. Da die Saison nur von Mitte Juli bis Ende September geht, wird der Preis verständlich.

Nach einer ausgiebigen Pause und Stärkung im Restaurant ging es nun auf den eigentlichen 27 Kilometer langen Rallarvegen Richtung Finse. Der Weg ist gut gepflegt und steigt langsam mit einer gemächlichen Steigung durch ein breites Tal entlang des Nygardsvatnet an. Radfahren ist hier ein grandioses Erlebnis. Die Landschaft verändert sich mit zunehmender Höhe. Zu Beginn wechseln sich Almwiesen und Birkenwälder ab. Immer mehr Schneefelder befinden sich in der Nähe der Strecke und schnell haben wir die Baumgrenze überfahren. Der Schienenstrang schlängelt sich meist in unmittelbarer Nähe des Weges. Ab und zu gibt es Unterführungen auf die jeweils andere Seite der Schienen. Mit zunehmender Höhe gibt es öfter kleine Tunnel oder Schneeverbauungen, die das einspurige Gleis im Winter vor dem Schnee schützen. Einige Abschnitte sind in den letzten 20 Jahren in Tunnel verlegt worden. Die alte Trasse ist neben dem Rallarvegen noch sichtbar.

Der überwiegend sanfte Anstieg des Weges ist auch mit den beladenen Tourenrädern problemlos zu bewältigen. Ein erstes kleines Schneefeld an einer Bahnunterführung nehmen wir sportlich. Wenige Kilometer vor unserem Ziel aber reichen die Schneefelder  auch über unseren Weg.

Da hilft nur noch vorsichtiges Schieben entlang der vorhandenen Spuren. Je weiter wir kommen, umso größer und schwieriger werden die Schneeflächen. Mit Blick auf unser Ziel Finse jedoch ist unser Weg versperrt. Eine Schneefräse versucht die Schneemassen zu bewältigen. Nach 20 Minuten geben wir das Warten auf. Die Fräse kommt nur sehr langsam vorwärts. So wählen wir einen Weg über meterhohen Schnee um an der Fräse vorbei zu kommen. Anfang Juli hatten wir nicht mit solchen Problemen gerechnet. In der Berghütte des Norwegischen Wandervereins sind wir froh, eine warme Unterkunft, ein warmes Abendessen und einen Trockenraum für unsere nassen Schuhe zu finden.

Die folgenden 21 Kilometer des Weges sind nach Auskunft des Hüttenwartes mit bis zu vier Meter hohem Schnee versperrt. Nach den Erfahrungen des heutigen Tages reicht es uns jetzt auch mit Schee im Juli. Wir planen daher die Strecke zum nächsten Bahnhof nach Hallingskeid gegen 11 Uhr mit der Bergenbahn zu umfahren.

So geht es am nächsten Morgen nach einem ausgiebigen Frühstück nur die wenigen Meter zum Bahnhof Finse. Finse ist ein Ort mit 10 Einwohnern, einem Bahnhof, einem Hotel mit 43 Zimmern, einer Wanderunterkunft, einem Museum und einem kleinen Laden. Dazu gibt es noch eine Hand voll Hütten

und ganz viel karge Gebirgslandschaft und Gletscher. Am Bahnhof gibt es erheblich mehr Leihräder als der Ort Einwohner hat.

Der nächste Bahnhof ist eine Baustelle, an dem nur die beiden letzten Wagen des Zuges an einem Bahnsteig halten. Zum Glück gehört dazu aber auch der Fahrradwaggon. Unsere Fahrt an diesem Tag soll von 1100 Höhenmetern hinunter bis auf Meeresniveau führen und das auf  nur 34 Kilometern Länge. Schnell wird uns klar, dass die Ansprüche an die Fahrkunst hier die ganze Aufmerksamkeit fordern. Im Gebirge sind die Wege stark ausgewaschen und teilweise mit grobem Kies geflickt.

Neben dem Weg geht es stellenweise gerade abwärts in einen reißenden Gebirgsfluss. Mehr als Schritttempo ist manchmal nicht möglich. Das voll beladene Rad auf diesem groben Untergrund in der Spur zu halten ist schwer.

Dafür entschädigt die Landschaft mit beeindruckenden Bildern. Die Bahnlinie überquert am Abfluss des Klevavatnet den Fluss. Der Rallarvegen folgt einer Klamm hinunter zum Seltuftvatnet. Eine beeindruckende Gebirgslandschaft. Hoch auf den Abhängen laufen Stromleitungen. Unter welchen Bedingungen haben Arbeiter hier den Weg oder die Leitungen gebaut?

Kurz vor dem Abzweig nach Myrdal gibt es einige starke Steigungen. Plötzlich erreicht der Weg das Hotel Vatnahalsen  mit einem Haltepunkt der Flåmsbana. Eine Kaffeepause haben wir uns wirklich verdient.
Nach der Pause geht es noch einmal kurz bergauf. Nach einer Kurve öffnet sich der Blick auf das Tal des Flåmsdalen. Ein Wasserfall stürzt 300 Meter in die Tiefe. Der Radweg fällt in 21 Serpentinen ebenfalls steil hinab ins Tal. Der größte Teil der Gruppe schiebt lieber die 2 Kilometer hinunter ins Tal. Am Abend erfahren wir auf dem Campingplatz, dass hier eine Woche zuvor eine Frau tödlich verunglückt ist.

Auf der Talsohle geht es nun teilweise immer noch sehr steil bis hinunter nach Flåm. Die parallel verlaufende Flåmsbana schraubt sich durch 20 Tunnel  vom Meeresspiegel auf 868 Meter hoch nach Myrdal. Sie ist eine der steilsten Eisenbahnstrecken der Welt in Normalspur. Das Tal ist geprägt durch steil abfallende Hänge mit hohen Wasserfällen und einem schmalen, landwirtschaftlich genutzten Talboden. Die restliche Strecke bis Flåm ist asphaltiert. So können wir jetzt mit hoher Geschwindigkeit das Gefälle ausnutzen.

In Flåm angekommen überragt ein Kreuzfahrtschiff die Häuser des

Ortes. Das am Kai liegende Schiff hatten wir bereits in Kiel gesehen. So bequem kann man also auch nach Norwegen reisen!

Zwei Tage genießen wir das warme Klima an Norwegens längstem Fjord mit Sonnenbaden und Ausflug. Am späten Nachmittag fahren wir dann mit dem Schnellboot nach Bergen. Ein unvergessliches Erlebnis, mit 60 Stundenkilometern über einen Fjord zu fahren und die Küstenlandschaft mit den vielen kleinen Inseln zu sehen. Bergen empfängt uns mit dem typischen Regen. Immerhin ist es die regenreichste Großstadt Europas. Am folgenden Tag können wir die Stadt aber auch im Sonnenschein erkunden.

Gegen 17 Uhr geht es dann mit der Bergenbahn zurück Richtung Oslo. Vom Zug aus können wir jetzt den größten Teil der zurückgelegten Strecke noch einmal sehen. Auch den Kampf von Radfahrern mit den Schneefeldern sehen wir jetzt aus dem gut geheizten Zug.

Wegen einer Baustelle war die Zugverbindung nach Oslo unterbrochen. Vom vorletzten Bahnhof aus ging es nur per Bus weiter. Ein Fahrradtransport war nach telefonischer Auskunft nicht möglich. Daher hatten wir sowohl auf dem Hin- wie Rückweg eine Radtour mit Zwischenübernachtung geplant. Vor Ort stellten wir fest,

Alte Hansestadt Bergen

Mittelalterliche Handelshäuser der Deutschen.

ein LKW war extra zum Fahrradtransport bereitgestellt.

So fuhren nun mehrere Reisebusse mit Fahrgästen und ein LKW mit einem Fahrrad nach Oslo.

Uns stand nun eine Tour durch die Mittsommernacht zum Campingplatz vor der Insel Utøya bevor.
Der folgende Tag sollte uns unter Umgehung der stark befahrenen Fernstraße auf einem 60 Kilometer langen Weg nach Oslo führen. Wegen des anhaltenden Regens brachen wir in einem Vorort Oslos die Tour ab und nahmen lieber den Regionalzug. Vor der Abfahrt der Fähre am nächsten Tag blieb so noch Zeit die Stadt zu erkunden.

Die Übernachtungen erfolgten bis auf die Gebirgshütte in Finse und die Jugendherberge in Bergen in Hütten auf Campingplätzen. Bis auf die Hütte in Oslo hatten alle ein eigenes Bad und eine Küche zur Selbstverpflegung. Die Preise für die mit vier Betten ausgestatteten Blockhütten lagen zwischen 30 und 40 € pro Person. Die Berghütte in Finse und die Jugendherberge in Bergen kosteten mit Frühstück 47,50 € und 37 €. Die Zugfahrten kosteten 30 € und 40 € zuzüglich jeweils 23,50 € je Fahrrad. Die Zugfahrt von Finse nach Hallingskeid kostete mit Rad 11,50 €. Die Schnellfähre kostete 66 € plus 11 € für das Rad. Die Fähre Kiel-Oslo kostete mit Rad pro Person 200 €.

Eine Fahrt auf dem Rallarvegen ist bestimmt empfehlenswert. Die Eindrücke der Gebirgslandschaft sind einige Mühen wert. Allerdings würde ich nicht mehr mit einem beladenen Tourenrad fahren. Auch wenn die Preise hoch sind, eine Anreise per Bahn mit Ausleihe eines hochwertigen Leihrades ist die bessere Alternative. Der Gepäcktransport ist sicher organisierbar. Für die Zwischenübernachtung in Finse ist ja eine kleine Tasche ausreichend. In der Saison sollte allerdings bei dem zu erwartenden hohen Betrieb eine Vorausbuchung von Rad und Bett selbstverständlich sein. Immerhin fahren in wenigen Wochen bis zu 25.000 Menschen auf diesem Weg. Ab August ist auch die gesamte Strecke schneefrei fahrbar.
Es gibt auch Busreisen mit Fahrradanhänger ab Deutschland. Diese bieten den bequemen Gepäcktransport und je nach Leistungsvermögen kürzere oder längere Radtouren auf einer Rundreise durch Südnorwegen.

Video: Die Bahnlinie überquert am Abfluss des Klevavatnet den Fluss.

Video: Schnellfähre auf dem Sognefjorden

Die GPS-Tracks mit Höhenprofil können hier angesehen werden:

Geilo – Finse

Finse – Flåm bzw. von Hallingskeid bis Auerland

 

Die Oper in Oslo

An Leihrädern mangelt es auch in Oslo nicht

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Über Michael Kleine-Möllhoff

Meine Fahrten erledige ich meist mit dem RAD oder dem ÖPNV. Ein Auto benötige ich sehr selten. Verantwortlich bin ich für die Zeitschrift RAD im Pott. Vorstandsmitglied im ADFC-NRW und ADFC-Duisburg.
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2 Antworten zu Rallarvegen

  1. avatar fander michael sagt:

    Ich möchte im August in norwegen radfahren . Meine Frau traut sich nicht den Radweg zu fahren den Sie beschrieben hatten wegen den Abfahrten. Kann man auch die Teilstücke dann mit dem Zug umfahren? Was ist heute mit dem gepäcktransport. Wenn wir von Bergen mit dem Schiff eine Rundfahrt machen wollen über zwei Tagen gibt es vor vor Ort noch schiffereisen zu buchen ?
    Wäre schön mal von Ihnen zu höhren oder auch mal zu telefonieren.
    MFG
    Fander

  2. avatar Philipp sagt:

    Danke für den Bericht und die tollen Fotos!! Rallarvegen war ich auch schonmal – leider hat es uns ab Finse ziemlich abgeregnet. Tolles Plus bei der Strecke: Man kann fast jederzeit “aussteigen” und mit der Bahn zurück nach Oslo oder Bergen fahren.

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