Parken oder Leben?

„Unter den Nutzungsansprüchen an den Straßenraum stellt Parken den funktional am wenigsten notwendigen und damit am ehesten zu verlagernden Anspruch dar.“ (Städte- und Gemeindebund in Nordrhein-Westfalen)

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Geparkt wird, wo man kann. Hauptsache: „Den Verkehr“ nicht behindern.

Das Durchschnittsauto bewegt sich etwa 45 Minuten pro Tag. Die übrige Zeit steht es herum. Wenn es sich bewegt, tranportiert das Auto statistisch knapp 1,2 Personen – nicht viel mehr als ein Fahrrad, das statistisch gesehen auch mehr als eine Person transportiert.

Die AGFS ist jetzt da angekommen, wo der ADFC seine Wurzeln hat: Beim Stehzeug Auto.

Es ist eine grundlegende Tatsache: In gewachsenen Stadträumen übersteigt die Nachfrage nach Autostellplätzen den vorhandenen Raum. Die Folge: Stehzeuge beanspruchen den größten Teil der sogenannten Fahrbahnen und oft noch die Gehwege oder Radwege gleich dazu. Eingefleischte Autogenossen betrachten die Straße vor ihrer Haustüre als privates Eigentum, von dem Fremdparker und andere Störenfriede weggebissen werden.

Diese Haltung wird von der kommunalen Politik nachhaltig unterstützt: Das Autoparken hat Vorrang vor allem anderen.

Parkende Autos sind gefährlich: Ein nicht unerheblicher Teil von Kinderunfällen steht in direktem Zusammenhang mit sichtbehindernd parkenden Autos. Vor allem an Kreuzungen, Einmündungen und Querungsstellen behindern illegal geparkte Autos die Sichtbeziehungen zwischen Autofahrern und Fußgängern sowie Radfahrern. Das ist eine Hauptursache für schwere Personenunfälle, vor allem auch von Kindern, Jugendlichen und Senioren.

Die Verpollerung der Städte ist oft der letzte Ausweg vor dem Chaos. „Die Poller, und dazu zähle ich alle baulichen Maßnahmen im Straßenraum, sind sozusagen der letzte Versuch, das Recht des Stärkeren ein bißchen einzugrenzen.“ meinte ein Experte am Deutschen Institut für Urbanistik schon 1990. Am Ende bleibe nur eine Alternative: „Polizei oder Poller.

Eine direkte Raumkonkurrenz entsteht, wenn auf der Fahrbahn Radfahrstreifen oder Schutzstreifen markiert werden sollen. Parkende Autos  und Raum für den Radverkehr schließen sich im vorhandenen Straßenraum sehr oft gegenseitig aus.
Einer von beiden muss weichen: Die parkenden Autos oder die Radfahrer und Fußgänger.

Raum schaffen für Fußgänger und Radfahrer erfordert einen grundlegender Einstellungswandel in Politik und Verwaltung, aber auch beim Auto fahrenden Teil der Bevölkerung. Diese Minderheit, repräsentiert durch Männer im besten Alter, die gewohnt sind, überall das Sagen zu haben, bestimmt die öffentliche Meinung.

Eine engagiert geführte Diskussion über das Parken im öffentlichen Raum ist überfällig. Im Grundsatz muss gelten: Private Autos gehören auf privaten Grund. Im Vordergrund der Diskussion sollten aber die Vorzüge einer als Lebensraum gestalteten Straße stehen.

Wie viel Platz brauchen Fußgänger?
Gehwege sind Zwei-Richtungs-Wege. Auf jedem Gehweg müssen zwei Personen nebeneinander gehen können. Das erfordert mindestens 1,80 m. Dazu kommen Sicherheitsräume zur Fahrbahn und zu Gebäuden. Der erforderliche hindernisfreie “lichte Raum” ist daher mindestens 2,2 m breit. Für Bäume, Schilder, Leuchten, Stromkästen und andere Einbauten ist zusätzlicher Raum erforderlich. Mehr Fußgänger, z.B. in Einkaufsstraßen,  brauchen breitere Gehwege.

Wie viel Platz brauchen Radfahrer?
Die Regelbreite für einen Radfahrstreifen beträgt 1,85 m, gemessen vom Bordstein und einschließlich der Markierung von 0,25 m Breite.
Nicht Teil des Radfahrstreifens ist der erforderliche Trennstreifen zu längs oder quer daneben parkenden Autos.

Wie breit ist ein Auto?
Ein parkendes Auto erfordert an beiden Seiten einen Sicherheitsraum von 0,5 m, um Gefahren durch öffnende Türen auszuschließen. Das heißt:  Ein parkendes Auto ist mindestens 3 m breit.

Die AGFS hat zum Thema Nahmobilität und Autoparken eine lesenwerte Broschüre herausgegeben: Parken ohne Ende?“.
Die Broschüre steht als Download zur Verfügung und kann zudem in gedruckter Form kostenlos bestellt werden.

Lesettipps:
Hermann Knoflacher: Stehzeuge. Der Stau ist kein Verkehrsproblem. Böhlau, Wien (2001).
Helmut Höge: Mal etwas richtig Schickes. Das ästhetische Problem mit den Pollern soll politisch gelöst werden. Die Zeit, 12.01.1990

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Über Klaus Kuliga

Seit 33 Jahren Arbeit an demselben Projekt: Aus Bochum eine fahrradfreundliche Stadt machen. Eine fahrradfreundliche Stadt ist eine Einladung zum Rad fahren. Immer, überall, für jeden.
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2 Antworten zu Parken oder Leben?

  1. avatar Ingo sagt:

    Die parken eindeutig im Halteverbot und dazu noch “mit Behinderung anderer Verkehrsteilnehmer”.
    Klarer Fall von Abschleppen! Aber leider würden in einem solchen Fall die Maße aller Radfahrer – regelwidrig! – über den Gehweg ausweichen, sich ärgern und nichts unternehmen. Auf meinem Arbeitsweg habe ich eine Zeitlang konsequent alle Falschparker, die mir den Weg versperrt haben, angezeigt (geht in Köln sehr einfach mit Onlineformular). War ich zu Fuß unterwegs hat es die Gehweg-Parker erwischt, war ich mit dem Rad unterwegs die Radweg-Parker. Erfahrung: Nach wenigen Wochen wurde nicht mehr falsch geparkt. Leider ist das nicht ganz nachhaltig, es reißt wieder ein, muss die Aktion also wohl mal wiederholen. Und: Gegen die Gehweg-Parker wurde eigentlich immer ein OWI-Verfahren eröffnet, die Radweg-Parker sind hingegen fast immer schadlos davon gekommen. Aber das habe ich in Köln auch nicht anders erwartet. Weiche ich eben auf die Fahrbahn aus, da bin ich als Radfahrer ohnehin besser aufgehoben.

    Auch wenn es Mühe macht: Fotografiert den Tatbestand mit euren Smartphones oder habt immer eine kleine Knipsekiste dabei. Notiert euch Zeit, Datum und Ort, sorgt dafür, dass die Behinderung, die Beschilderung (Halteverbot) aber auch der Fahrzeugtyp und das Kennzeichen deutlich erkennbar sind und zeigt die Leute an. Wenn es ganz schlimm wird, ruft das Ordnungsamt oder die Polizei an und lasst abschleppen! Die Autofahrer bekommt ihr nur über den Geldbeutel. Selbst wenn die “nur” 25 EUR für das Falschparken zahlen müssen: Auf Dauer wird sich was ändern! Erst recht, wenn die 200 EUR für das Abschleppen löhnen dürfen und dafür noch an das andere Ende der Stadt müssen. Der Schock zum seinem Auto zu kommen und es ist nicht mehr da dürfte auch ganz heilsam sein!

    Aber: Fahrt bitte nicht über den Gehweg wenn der nicht dafür freigegeben ist! Damit setzt ihr euch selbst ins Unrecht und wenn ihr dabei noch einen Fußgänger belästigt wird dessen Erinnerung nicht sein, das der Radweg zugeparkt war und ihr nicht anders konntet, sondern das mal wieder “so ein Kampfradler quer über den Gehweg gebrettert ist”. Je asozialer sich die Autofahrer verhalten, desto korrekter muss man als Radfahrer unterwegs sein, sonst ändert sich nichts am aktuell leider negativen Image der Alltagsradfahrer.

  2. avatar Kai sagt:

    Deine Ausführungen zum Parken sind ja soweit alle gut und richtig, aber der eigentlich Punkt ist doch der hier: “Vor allem an Kreuzungen, Einmündungen und Querungsstellen behindern illegal geparkte Autos die Sichtbeziehungen zwischen Autofahrern und Fußgängern sowie Radfahrern. Das ist eine Hauptursache für schwere Personenunfälle, vor allem auch von Kindern, Jugendlichen und Senioren.”

    Die Ursache dafür ist eben nicht das Parken, sondern dass Radfahrer im Seitenraum geführt werden. Fast niemand fährt mit dem Rad auf der Fahrbahn. Auch nicht, wenn die Situation so mies ist wie hier in der Königsallee und der Radweg längst entschildert ist. Vielleicht sollte der ADFC seinen Mitgliedern mal wieder klar machen, dass sie auf der Fahrbahn fahren sollten, dass dies weder gefährlich noch unbequem ist. Anstatt dauernd neue Sonderlösungen zu fordern. Nach 20 Jahren miesen Radwegen gehts es nun 20 Jahre weiter mit zu schmalen und konfliktträchtigen Streifen. Ich bin gespannt, ob der ADFC im Jahr 2030 dann endlich eingesehen hat, dass keine spezielle “Radverkehrsführung” notwendig ist und die beste “Radverkehrsinfrastruktur” in Form von Strassen schon immer existiert. Oder ob es bis dahin noch infantiler zugeht und alle mit 5 km/h auf Kinderrädern auf den Bürgersteigen fahren und die wenigen Autos rasen mit 70 durch die Stadt auf den freien Fahrbahnen.

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