Essen im Fahrradklima-Test 2012

Der Radweg an der  Essener Hollestraße im Herbst. Foto: Michael Kleine-Möllhoff

Der Radweg an der Essener Hollestraße im Herbst. Foto: Michael Kleine-Möllhoff

Dass sich Essen bei dem letzten Fahrrad‐Klimatest des ADFC von der Note 5 auf eine 4 verbessert hat wundert schon ein bisschen. Aber wie bei allen Umfragen ist es wohl auch hier entscheidend, welche Bevölkerungsanteile rekrutiert werden konnten.

Zweifellos können Freizeitradler heute unbeschwerter in die Pedale treten als noch vor 7 Jahren, sind doch in Essen einige Radwege auf ehemaligen Bahntrassen oder entlang der Fließgewässer angelegt worden. Muss dabei eine (Auto‐)Straße überquert werden, wartet man geduldig hinter einem Drängelgitter, bis die Fahrbahn frei ist. Das ist besser als gar nichts, beschreibt aber das allgemeine Fahrradklima der Stadt nur unzureichend.

Ganz anders sieht es nämlich aus, versucht man sich auf dem Fahrrad morgens seinen Weg zur Arbeit durch den Berufsverkehr zu bahnen. Das ist schon im Sommer, wenn die Sichtverhältnisse und die Stimmung der Autofahrer gut sind kein Zuckerschlecken. Aber im Herbst, wenn das Laub zu meterhohen Haufen auf den wenigen vorhandenen Radwegen zusammen geblasen wird, kommt man so manches Mal in die Bredouille. Im Winter werden die Radwege nicht nur nicht geräumt sondern auch noch mit dem Schnee von der Autofahrbahn zugeschoben und dann umso konsequenter von Autofahrern als Parkfläche benutzt, nach dem Motto: „Im Winter ist ja sowieso keine Fahrradsaison“.

Selbst wenn man als Radfahrer Umwege in Kauf nimmt und versucht, nur kleine Nebenstraßen zu benutzen, sieht man sich beim Versuch, die kreuzenden Hauptstraßne zu überqueren, oft zu halsbrecherischen Manövern gezwungen: Grundsätzlich werden vor den Ampeln für Fahrräder abmarkierte Flächen von wartenden Autos zugestellt (was auch Fahrlehrer ihren Schülern systematisch beibringen, wie ich durch Gespräche an Ort und Stelle erfahren durfte). Sich dort durchzuschlängeln ist schon eine Herausforderung! Eine andere Variante sind von Radfahrern und Fußgängern gemeinsam zu benutzende Übergänge, wobei sich alle auf der Mitte einer vierspurigen Straße in beide Richtungen durch ein Drängelgitter zwängen müssen. Für die Überquerung aller Fahrspuren haben sie genau 13 Sekunden Zeit, was von den Verkehrsplanern als völlig ausreichend angesehen wird. Bedenkt man jedoch, dass davon 3‐4 Sekunden verloren gehen, weil noch immer Autos die Kreuzung überqueren, obwohl die Fußgängerampel schon längst grün zeigt, erkennt man etwas deutlicher, in welchem Klima sich Essens Radfahrer (und Fußgänger) bewegen.

Das Radfahren nur als Freizeitvergnügen anzusehen, reicht nicht aus. Mütter bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule, weil das Radfahren zu gefährlich ist. So wächst eine motorisierte Generation nach der anderen heran, und die Dichte des Autoverkehrs nimmt kontinuierlich zu. Lebensqualität sieht anders aus! Und so braucht sich Essen über schrumpfende Einwohnerzahlen nicht zu wundern.

U. Mikloweit

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1 Response to Essen im Fahrradklima-Test 2012

  1. avatar Kai sagt:

    Wo ist das Problem, mit dem Rad die rechte Fahrspur von zwei Spuren zu benutzen? Das ist in Essen zum Glück noch oft legal möglich, da zum Glück viele Haupstrassen keine begleitenden Radwege haben. Ich wohne in Dortmund und praktiziere das seit 15 Jahren. Radwege meide ich fast völlig. Seitdem habe ich nur noch ein Zehntel der Gefahrensituationen, die ich vorher hatte. Der Radweg ist das Problem, nicht die Lösung.

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