Mit dem Pedelec schneller ans Ziel? Verkehrsmittelvergleich im Alltagsverkehr

Viel ist schon geschrieben worden über Vorzüge des elektrisch unterstützten Radfahrens im Alltagsverkehr. Dabei sind z. B. auch hier im Blog schon Wirtschaftlichkeitsberechnungen angestellt werden – bei VK-Preisen jenseits der 2000-Euro-Marke kein Wunder. Für die private Verkehrsmittelwahl ist jedoch neben der pekuniären Frage oft auch der Zeitaspekt (mit)entscheidend. Eine Studie der Leuphana Universität Lüneburg gibt Aufschluss über mögliche Alltagspotentiale von Pedelecs im Reisezeitvergleich mit anderen Verkehrsmitteln.

Geschickte Verkehrsmittelwahl kann wertvolle Zeit sparen.

Geschickte Verkehrsmittelwahl kann wertvolle Zeit sparen. Foto: www.pd-f.de / Frank-Stefan Kimmel

Der Schnelligkeit messen über 70 % der NutzerInnen eine (sehr) hohe Bedeutung bzgl. der Verkehrsmittelwahl bei, damit ist dies nach der Unabhängigkeit/Flexibilität der zweitwichtigste Faktor. Bei beiden Aspekten wird das Fahrrad im Schnitt als „eher gut“ geeignet angesehen. Doch in welchem Rahmen ist das Fahrrad wirklich schneller als andere Verkehrsmittel? Und welches Potential birgt die zunehmende Verbreitung von Pedelecs für den Alltagsverkehr?

Studienautor Peter Pez, apl. Professor am Institut für Stadt- und Kulturraumforschung der Leuphana Universität Lüneburg, hat dafür Reisezeiten verschiedener Verkehrsmittel in und um Lüneburg in Abhängigkeit von der Verkehrsdichte zu unterschiedlichen Zeiten verglichen. Dabei wurde die Tür-zu-Tür-Reisezeit verglichen, also notwendige Gehzeiten zum Fahrzeug bzw. zur Haltestelle sowie Wartezeiten mit berücksichtigt.

Ergebnisse

Der Öffentliche Nahverkehr landet deutlich abgeschlagen auf dem letzten Rang des Reisezeitvergleichs – allerdings verfügt die Mittelstadt Lüneburg innerstädtisch auch nur über eine vergleichsweise langsame Busflotte anstatt schneller Stadtbahnen, U-Bahnen etc. wie die meisten Großstädte.

Der Vergleich Fahrrad/Auto bzw. Pedelec/Auto ist in der folgenden Tabelle zusammengefasst und erlaubt damit auch einen indirekten Vergleich von Fahrrad und Pedelec. Dabei wird jeweils der „Break Even“ dargestellt, also bis zu welcher Entfernung das Fahrrad bzw. Pedelec schneller ist als der PKW.

Fahrrad schneller als Auto bis … Pedelec schneller als Auto bis …
Durchschnitt 2,0 km 4,6 km
Hauptverkehrszeiten 2,6 km 9,9 km
Abend / Wochenende 1,9 km 3,7 km
Citystrecken 3,8 km 16,5 km
Normalverhalten im NMIV 2,2 km 5,9 km
Strikte Verkehrsregelakzeptanz im NMIV 1,9 km 3,7 km

 

Die oft angeführten Pedelec-Vorzüge (schneller an Steigungen und bei Gegenwind, zügigeres Anfahren, höhere Dauerfahrtgeschwindigkeit) führen also tatsächlich zu messbar deutlich geringeren Reisezeiten. Damit bietet es insbesondere im Stadt- und Berufsverkehr eine ernst zu nehmende Alternative zur PKW-Nutzung und ist bzgl. der Reisezeit auch nochmals deutlich attraktiver als das „normale“ Fahrrad.

In Kombination mit weiteren Vorteilen – günstiger als ein PKW, weniger schweißtreibend als das Fahrrad – haben Pedelecs das Potential, im Alltagsverkehr eine zunehmend relevante Rolle zu spielen.

Forderungen

Daraus ergeben sich jedoch für die Verkehrsplanung neue Herausforderungen. Behandelte man bisher RadfahrerInnen noch viel zu oft nur als etwas schnellere FußgängerInnen, so ist spätestens das Pedelec eher als langsameres Kraftfahrzeug zu sehen. Dies hat Auswirkungen auf den Flächenbedarf und die Führungsform. Hierfür schlägt Pez insbesondere die (Re-)Integration des Radverkehrs auf die Fahrbahn sowie Velorouten nach niederländischem Vorbild vor.

Forderungen, die nicht erst seit der Pedelec-Entwicklung Einzug in ADFC-Positionen und Verkehrsrecht und teilweise -planung gefunden haben – aber durch die zunehmende Verbreitung von Pedelecs zusätzliche Dringlichkeit erfahren. In Nordrhein-Westfalen wird die weitere Debatte um Radschnellwege zu forcieren und daneben der ewige Kampf gegen die Gehweg-Windmühlen der lokalen Verwaltungen stetig fortzusetzen sein.

Kritik

Die Lüneburger Werte werden nicht direkt auf andere Städte übertragbar sein, hierbei sind Unterschiede in Topographie, ÖPNV-Ausgestaltung und Radverkehrsinfrastruktur zu bedenken.

Darüber hinaus werden intelligente intermodale Verkehrskonzepte ausgespart (z. B. Bike+Ride, Fahrradmitnahme, Leihsysteme), die jedoch auch eher auf längeren Strecken relevant werden.

Im Grundsatz jedoch dürften die ermittelten Werte so einige Menschen zum Reflektieren der eigenen Verkehrsmittelwahl anregen können – genügend Menschen fahren eigentlich gerne Fahrrad, nutzen dieses jedoch für Alltagsfahrten noch nicht.

Quelle: Präsentationszusammenfassung der Studie

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Über Martin Isbruch

Ganzjahres-Alltagsradfahrer mit Präferenz für intelligentes Verknüpfen der Verkehrsmittel (Rad, Pedelec, Faltrad, ÖPNV und gelegentlich auch schon mal MIV). Aktiv für ein zeitgemäßeres Fahrradklima als Vorstandsmitglied im ADFC NRW und als 1. Vorsitzender des ADFC Märkischer Kreis.
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4 Kommentare zu Mit dem Pedelec schneller ans Ziel? Verkehrsmittelvergleich im Alltagsverkehr

  1. Pedelecs sparen schon Zeit, verbrauchen aber auch weniger Kalorien und sind nicht ganz so effektiv für den Muskelaufbau.

    • avatar Rakete sagt:

      Aber besser als mit dem Auto zur Arbeit zu fahren! Leute, welche sowieso den ganzen Tag sitzen, könnten für die Gesundheit mit dem Pedelec zur Arbeit fahren. Also Auto ersatz bis 10km Entfernung gut geeignet. Der Muskelaufbau kommt mit der Zeit, da man immer schneller und an die Leistungsgrenze fährt. Man kann auch die Unterstützung minimieren, dann wird es schwerer aber die Geschwindigkeit bleibt hoch!

      • Ja du hast schon recht, wichtig ist auch, dass man sich öfters aufs Pedelec setzt als auf ein Fahrrad. Den Spaßfaktor sollte man auch nicht ausgrenzen…

        • avatar Martin Isbruch sagt:

          Meine Erfahrung: In Vor-Pedelec-Zeiten bis zu 2000 Radkilometer p. a. – mit Pedelec insgesamt ca. 6-7000 km/a. Zum großen Teil KFZ-Ersatz – das Potential ist definitiv vorhanden.

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