Glück auf! Der Radler kommt! Grottenbiken in den Niederlanden.

Grottenbiken7Unser Reisebus fährt südlich des Städtchens Valkenburg durch eine Landschaft von Wiesen und Äckern, auf denen die zukünftige Ernte erst wenige Zentimeter hoch ist. In einer schmalen Parkbucht an der Landstraße hält der Bus schließlich wenige Meter entfernt von einem unscheinbaren Steinhäuschen. Nur zwei Masten mit wehenden Fahnen haben zunächst darauf schließen lassen, dass in dem Gebäude wohl Besucher erwartet werden. Und doch ist dies der unspektakuläre Eingang zu einem Stollensystem von über 120 km Länge, dass sich im Untergrund der südniederländischen Provinz Limburg erstreckt.

Unscheinbarer Eingang zum Stollensystem

Unscheinbarer Eingang zum Stollensystem

 

 

Nach einer Begrüßung geht es für unsere zehnköpfige Gruppe durch einen runden Betonschacht über eine Wendeltreppe in die Tiefe. Unten angekommen, schließt eine in den hellen Mergelstein gehauene Treppe an, bis wir schließlich nach 163 Stufen die Sohle vierzig Meter unter Grund erreichen. Wir werden schon erwartet. Unser Tourguide Roel Kuypers spricht Englisch und erläutert uns zunächst einige Fakten zur Geschichte und Gegenwart des Bergwerks: Seit Beginn des 13. Jahrhunderts wird in der Region unter Tage Mergelstein abgebaut, zunächst durch die Erweiterung von natürlichen Höhlen. Dieser Mergelstein, geologisch nicht ganz richtig, schlicht „Mergel“ genannt, ist ein helles, recht weiches Gestein aus viel Kalk und etwas Ton. Es ist vor allem als Baustein begehrt, allerdings heute kaum mehr für Neubauten, sondern vor allem zur Restauration alter Gebäude. Zum Abbau werden große Blöcke aus den Stollenwänden gebrochen, die zuvor mit langen Bandsägen vom seitlich umgebenen Gestein getrennt wurden. Spezielle Traktoren sorgen heute für den Abtransport durch die Stollen; früher waren es Pferde.
Nachdem wir einen Blick in die Fahrradgarage ge­worfen haben, einer Radstation nicht unähnlich, informiert uns Roel über die Touren.

Grottenbiken1

Unser Tourguide Roel informiert

Bis zu 20 km sind untertage mit dem Rad befahrbar, je nach­dem wo und wann der Abbaubetrieb gerade aktiv ist. Die üblichen Touren sind 8 bis 12 km lang und dauern etwa 1,5 Stunden. Die für uns vorgesehenen, in drei Größen verfügbaren Fahrräder sind nagelneu und mit einer innen liegenden Antriebswelle ausgestattet. Roel erläutert, dass eine außen liegende Kette zu wartungsintensiv wäre, insbesondere bei der im Bergwerk herrschenden Luftfeuche von 92 bis 96 %. Diese Atmosphäre macht sich bei uns schnell in Form von Schweiß bemerkbar, obwohl die ganzjährig konstante Temperatur von 12 C° zunächst kühl erscheint.
Jede Fahrt wird von einem erfahrenen Tourguide geführt, was schon allein dadurch nötig ist, weil es in dem komplexen Stollensystem keine speziellen Radwegweiser gibt. Für den Fall einer Notsituation sind hier und da Telefone installiert. Falls der Guide selbst zu Schaden kommt, sorgen Instruktionen in dessen Rucksack dafür, das Hilfe organisiert werden kann. Interessant ist das Verfahren um während der Tour festzustellen, ob die Gruppe noch vollzählig ist. Hierzu wird zunächst eine Person bestimmt, die während der Tour ganz hinten fährt. Unterwegs ruft nun der vorn fahrende Guide gelegentlich den Namen dieser Person, welcher dann durch die Reihe bis nach hinten weiter gerufen wird. Dort angekommen, ruft die letzte Person dann „Complete!“, was auf dieselbe Weise in nur umgekehrter Richtung wieder nach vorne gelangt.

Blick in einen Teil des  Fahrradlagers mit Werkstatt

Blick in einen Teil des Fahrradlagers mit Werkstatt

 

Nachdem wir die Fahrräder auf unsere Körpermaße justiert haben, bekommt jeder ein Haarnetz und einen passenden Helm. Helm ist Pflicht, was bei einer mittleren Stollenhöhe von 1,8 m auch dem größten Helmmuffel schnell einleuchtet. Die geringe Höhe ist auf den ersten Metern gewöhnungsbedürftig, doch ist man schnell damit vertraut und fährt dann relativ entspannt. Links, rechts, rechts, links … mit schnellen Richtungswechseln fahren wir voran. Die Beleuchtung ist stellenweise spärlich, doch reicht mir das Licht aus, zumal auch die Räder mit hellen Leuchten ausgestattet sind. Die Strecke ist nicht völlig flach; kurze Steigungen und Abfahrten sind durchaus vorhanden. Von vorne höre ich „Kristine!“ und rufe es nach hinten weiter. „Complete!“ schallt es Sekunden später von hinten und bestätigt: Alle da! Die vielen Richtungswechsel und die damit einhergehenden akustischen Schatten machen schnell klar, warum sich alle in der Gruppe an dieser Rufkette beteiligen müssen.

Fahrt durch die Stollen

Während der Fahrt durch die Stollen

 

Der Untergrund ist fest und durchweg gut zu befahren. Schwer einzuschätzen ist das Tempo, – einen Tacho haben die Räder nicht – doch ist es objektiv wohl langsamer als gefühlt. Das schwache Licht und die relative Enge vermitteln den Eindruck recht schnell zu fahren, ein Effekt den man von Nacht- und Tunnelfahrten kennt. Einmal müssen wir absteigen und uns für ein paar Meter „Bukken!“ um eine dann doch zu niedrige Stelle passieren zu können. Das Ganze macht Spaß und erinnert vom Fahrgefühl her an Mountainbiken über feste Waldpfade. Viel zu schnell ist die Tour dann auch schon vorbei und wir sind wieder am Ausgangspunkt angelangt. Noch ein paar Fotos und es geht die Treppen wieder hinauf ans Tageslicht.

 

 

Homepage des Veranstalters: www.aspadevnture.nl

(Text erstveröffentlicht im FahrRad-Magazin 2/2013 des ADFC Kreisverbandes Unna e.V.
Die Fotos des Autors entstanden während einer Pressereise u.a. in die Region Süd-Limburg)

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Über Andreas Abels

Aktiv im ADFC Lünen (Internet, Tourenleiter u.a.) und als Beisitzer im Vorstand des übergeordneten Kreisverbandes Unna tätig. Co-Redakteur der ADFC-Zeitschrift "FahrRad" des KV Unna.
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