Jura für Geniesser

Ortskern Reckingen

In Reckingen gibt es die typischen Holzhäuser des Oberwallis zu sehen.

Angeregt durch den begeisternden Artikel über den Rhone-Radweg in der ADFC-Radwelt Februar/März 2013 beschließen wir, unsere Sommerradtour an der Rhone zu beginnen. Mit dem Nachtzug geht es von Köln nach Basel und von dort weiter nach Oberwald hinter dem Furkapass. Das Wetter spielt auf der Nordseite ohnehin nicht so recht mit, und so fällt die längst getroffene Entscheidung, den Pass nicht zu fahren, nicht schwer. Auf der Südseite hingegen lacht uns die Sonne entgegen. Zügig rollen wir das Tal hinab, schauen uns Orte wie Reckingen mit seinem sehenswerten Ortskern an und genießen das tolle Gebirgspanorama. Am nächsten Tag wird der Radweg ab Visp leider deutlich langweiliger, weil er auf dem Uferdamm der Rhone entlangführt. Heftiger thermischer Gegenwind zieht das Tal hinauf und bremst uns deutlich. Nach einigen Kilometern reicht es uns. Wir verlassen den offiziellen Radweg und schlagen uns etwas windgeschützt durch die zahlreichen Obst- und Weinplantagen durch. Direkt vom Obstbauern versorgen wir uns mit erntefrischen Äpfeln. Zu unserem Abendessen in Saint Maurice geniessen wir einen sehr fruchtigen Weißwein aus Sierre. Bis dahin war uns die Schweiz als Weinland völlig unbekannt. Tags darauf erreichen wir gegen Mittag den Genfer See und beschließen, die Strecke bis Nyon per Zug zurückzulegen. Der Radweg führt am See häufig auf vielbefahrenen Hauptstraßen entlang, worauf wir keine Lust haben.

Die Jura-Route (Route 7) ist hervorragend ausgeschildert.

Die Jura-Route (Route 7) ist hervorragend ausgeschildert.

In Nyon zweigt der Jura-Radweg ab. Auf den nächsten 280 km bis Basel erwarten uns 4400 Höhenmeter. Zunächst müssen wir ca. 800 davon hinauf. Während des Anstiegs erleben wir einen Alphornbläser, der am Wegesrand steht. Während einer kurzen Verschnaufpause blicken wir zurück auf den Genfer See, von dem wir uns nun verabschieden müssen. Im Hintergrund erhebt sich der Mont Blanc majestätisch aus dem Dunst. Ein gewaltiger Anblick, der uns die Pause deutlich verlängern lässt. Die tolle Jura-Landschaft mit den typischen Felsformationen in den Alpwiesen begeistert uns auf den nächsten Kilometern. Nachdem wir zunächst etwas Probleme mit der Unterkunftssuche haben (290 CHF erscheinen uns dann doch etwas über dem Limit…) kommen wir schließlich bei Jean-Luc und Veronique in ihrem urigen Gästezimmer oberhalb vom Lac de Joux unter. Wir hatten uns vor der Reise einige Anschriften von chambres d’hotes entlang der Route herausgesucht.

Tags darauf geht es zunächst am Lac de Joux vorbei nach Vallorbe. Nach einigen Kilometern steht uns der der Col de l’Aiguillon zwischen Baulmes und Saint Croix bevor. Jean-Luc hatte uns den Tipp gegeben, dass sich dieser Anstieg von über 600 Höhenmetern mit 10-15 % Steigung per Zug umgehen lässt. Meine Begleiterin entschließt sich für diese Variante, während ich den Berg hinaufkurbele. 2 1/2 Stunden später treffen wir uns bei L’Auberson wieder und radeln gemeinsam bis Fleurier weiter, wo wir übernachten. Am Abend, während wir essen, geht ein heftiger Regenschauer nieder. Es sollte der einzige während dieser Reise bleiben.

Vallorbe

Die blaue Quietsche-Ente vom Still-Leben A40 begleitet mich seit 2010 auf allen Radreisen. Hier besichtigt sie gerade Vallorbe.

Geschafft! Über 600 Höhenmeter liegen hinter mir.

Geschafft! Über 600 Höhenmeter zum Col de l’Aiguillon liegen hinter mir.

Am nächsten Morgen ist vom Regen nichts mehr zu sehen. Es ist Samstag, und wir müssen rechtzeitig einkaufen. Wir erkundigen uns, ob es auf dem Weg eine Fromagerie, also eine Käserei, gibt. Die angekündigte ist leider geschlossen. Nun wird es Zeit. 7 Kilometer weiter befindet sich die nächste, die wir in zügiger Fahrt sprichwörtlich um fünf vor zwölf erreichen. Wir kaufen Käse, Joghurt und genießen beim Picknick direkt vor der Käserei ein Glas Milch, die sicherlich nicht ganz fettarm ist und super schmeckt. Gut gestärkt geht’s weiter. Abends haben wir wegen einer Veranstaltungen erneut Probleme mit der Quartiersuche. Hier macht es sich wieder bemerkbar, dass der Jura touristisch nicht so erschlossen ist. Wir fragen in einer Dorfkneipe nach Tipps und bekommen den Hinweis auf eine Übernachtung im Heu. Da es auch ein Matratzenlager gibt, kündigen wir uns auf dem Bauernhof telefonisch an. Wir weichen also notgedrungen zwischen Mauntfaucon und Saint Ursanne von der Strecke ab. Vor uns liegt nun noch eine rasante Abfahrt mit rund 600 Höhenmetern nach Soubey in das Doubs-Tal.

Sonnenaufgang im Doubs-Tal bei Soubey.

Sonnenaufgang im Doubs-Tal bei Soubey.

Der nächste Tag beginnt mit einem Anstieg nach Saint Ursanne. Leider können wir uns das nette Städtchen wegen Überfüllung nicht anschauen. Im weiteren Streckenverlauf queren wir mehrfach die Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich. Vor Basel erreichen wir wieder die deutschsprachige Schweiz. Wir wechseln von der Veloroute 7 auf die 23 nach Basel, wo wir in Muttenz auf den Rheinradweg 2 auf der Schweizer Seite treffen. Wir übernachten in Rheinfelden in einem Bett+Bike-Hotel.

Das Mühlenmuseum bei Lausheim zeigt eine oberschächtige Dreifachmühle.

Das Mühlenmuseum bei Lausheim zeigt eine oberschächtige Dreifachmühle.

Am nächsten Morgen fahren wir auf deutscher Seite weiter auf dem Rheinradweg nach Waldshut, wo wir in das Wutachtal einbiegen, um in den nächsten Tagen dem Schwarzwald-Panorama-Radweg zu folgen. Bis Stühlingen geht es geschwind, weil uns ein heftiger Rückenwind schiebt. Vor dem Anstieg zum Schwarzwald legen wir eine Übernachtung ein. Gut ausgeruht kurbeln wir uns am nächsten Morgen über eine Strecke mit tollen Aussichten hoch. Schnell stellen wir allerdings fest, dass die Ausschilderung alles andere als perfekt ist. Noch an den hervorragenden Schweizer Standard gewohnt, verlieren wir mehrfach die Routenführung. Bei Neustadt kürzen wir eine lange Schleife ab und erreichen am späten Nachmittag Hüfingen, wo wir erneut übernachten. Der nächste Tag bringt uns bis nach Loßburg. Auch auf diesem Streckenabschnitt bekommen wir viel Schwarzwald-Panorama geboten. Der letzte Abschnitt bis Pforzheim nervt zunächst mit schlechter und langweiliger Schotterstrecke durch den Wald. Wir wechseln trotz des Verkehrs auf die parallel geführte Bundesstraße. Ab Seewald-Besenfeld gibt es kein Halten mehr: Wir rollen das Enztal bis Pforzheim auf der Straße hinab. Der Radweg verläuft stattdessen eigentlich über Schotterwege im Wald auf und ab und ließe eine lockere Abfahrt sicherlich vermissen…

Wir hatten ursprünglich noch vor, weiter Richtung Odenwald zu fahren. Der Wetterbericht kündigt jedoch einen Wetterumschwung mit Schauern und Gewittern an. Weil wir uns nach dieser tollen Tour keinen Regen antun wollten, setzen wir uns am nächsten Morgen in den Zug Richtung Heimat Niederrhein. Man soll halt aufhören, wenn’s am Schönsten ist. Hinter uns liegt eine eindrucksvolle Radreise mit rund 850 Kilometern und unzähligen Aufs und Abs in 10 Tagen. Eindeutiger Höhepunkt – sowohl topografisch als auch landschaftlich – war die Jura-Route mit ihrer hervorragenden Wegeführung. Im Gepäck haben wir außer vielen schönen Erlebnissen auch schon zahlreiche Ideen für die Tour im nächsten Jahr.


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Über Jan Bartels

Als Alltagsradler bin ich fast täglich mit dem Rad zur Arbeit unterwegs und genieße es als Ausgleich zum Bürojob. Im ADFC kümmere ich mich um vor allem um den Internetauftritt des Landesverbands. Im Kreisverband bin ich verkehrspolitisch rund um den heimischen Kirchturm aktiv und liefere regelmäßig Artikel für die "Rad am Niederrhein", unserer Mitgliederzeitung (http://www.rad-nr.de).
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1 Antwort zu Jura für Geniesser

  1. avatar Claudia Matz sagt:

    Schöner Bericht mit sehr ansprechenden Fotos. Schade, dass Ihr Pech hattet mit dem überfüllten Saint Ursanne. Das ist nicht immer so: Wir waren im August 2012 dort und es war nix los.

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