Dortmund vs. Bochum [mit Fortschreibung]

 

Aus Sicht der Kollegen aus Bochum muss Dortmund  kurz vor dem Radfahrerparadies sein. Immerhin reicht es für ein 0:12 gegen Dortmund. Laden wir die Kollegen doch mal nach Dortmund zum Rückspiel ein, um zu sehen, ob der Abstand wirklich so groß ist.

Dortmund hat im Jahr 2011 Bau- und Markierungsmaßnahmen auf insgesamt 15 km Straßenlänge fertiggestellt. Bochum hat sich hartnäckig dagegen gewehrt, auf der Wittener Straße die vernünftige Lösung nach ERA 2010 umzusetzen.

Bochum – Dortmund: 0:6

Für 2012 sind in Dortmund übrigens 11,2 km Straßen für die Erstellung von Radverkehrsanlagen vorgesehen. Darunter 3,2 km Provinzialstraße. Bochum hat schon abgelehnt das Projekt Richtung Langendreer weiterzuführen: “völlig andere Verkehrsverhältnisse”. Völlig andere poltische Verhältnisse wäre wohl die treffendere Formulierung.

Bochum – Dortmund: 0:8

Dortmund hat 244 km straßenbegleitende Radwege, plus 104 km Radfahrstreifen, plus 93 km Schutzstreifen. Summe: 441 km. Die Beschilderung “Gehweg, Radfahrer frei” ist darin nicht enthalten. Bochum hat 110 km straßenbegleitende Radwege irgendwelcher Art.

Bochum – Dortmund: 0:10

Innerörtliche straßenbegleitende Radwege etc. sind i. d. R. Ausdruck der autogerechten Stadt mit ihrer funktionalen Trennung und damit fast immer Symtombekämpfung und keine Lösung. Schon daher sind reine km-Vergleiche nur beschränkt sinnvoll und müssten zudem in Bezug gesetzt werden zur Fläche und/oder Straßennetzlänge. Und dann ist es so, dass Dortmund rote Bauklötzchenwege liebt, die schnell huckelig werden und selbst in neuem Zustand einen höheren Rollwiederstand bedeuten, ganz abgesehen von den höheren Baukosten. Die Stadt Dortmund hat die vom Grundsatz her richtige Einstellung, dass sie dort Fahrradinfrastruktur baut, wo sie eh baut, auch wenn das noch nicht sofort ein Netz ergibt, da Geld für den großen Wurf nicht da ist. Damit kann man leben, wenn die Baumaßnahmen nicht häufig da sind, wo es die Radwege wirklich nicht braucht wie auf auf der Stadtkrone Ost. Manchmal kommen dabei immer noch rechtlich nicht haltbare Radwege raus wie die vom ADFC kritisierten Radwege an der Emil-Figge-Straße und der Dorstfelder-Allee.

Davon abgesehen ist es kein sinnvoller Vergleich, einer Gesamtbauleistung eine einzelne Straße gegenüber zu stellen.

Also eindeutig keine Punkte für Dortmund in diesen Fällen. 0:9

Besonders beachtenswert ist die Reaktion der Stadt Dortmund auf das Urteil zur Benutzungspflicht von Radwegen: “Das Urteil hat bewirkt, dass von der Straßenverkehrsbehörde, bei der Stadt Dortmund von dem Fahrradbeauftragten, alle straßenbegleitenden Bordsteinradwege überprüft werden, ob eine Benutzungspflicht aufrecht erhalten bleibt oder ob diese Radwege in sogenannte nicht benutzungspflichtige Radwege geändert werden sollen. Diese Entscheidung wird unter Beteiligung der Polizei getroffen. Mit den Interessenverbänden ADFC und VCD ist die Vorgehensweise abgestimmt worden.” (Seite 8) In Bochum träumen wir noch davon, dass die Verwaltung ihre Pflicht tut.

Bochum – Dortmund: 0:7

Schön wäre, wenn das konsequent passieren würde. Aber gut, wenn in Bochum gar nichts passiert in dieser Hinsicht, lassen wir Dortmund einen halben Punkt.

Dortmund hat allein im Jahr 2011 in eigener Initiative siebzehn Kilometer getrennte Radwege an Straßen aufgehoben. Außerdem wurde die Benutzungspflicht an weiteren fast zwölf Kilometern Radwege beendet. Vierzehn Kilometer Schutzstreifen wurden neu markiert. Bochum läßt sich jede einzelne Maßnahme mühsam abringen (siehe Hauptstraße, Langendreer)

Bochum – Dortmund: 0:9

Wenn man für die Interessen von Radfahrern engagierte Bürger aus Dortmund hört, klingt das häufig ähnlich frustriert. Aber es gibt in Dortmund doch eine in Teilen für die Interessen der Radfahrer offene Verwaltung – aber leider ohne ausreichend politischen Rückhalt. Auch hier also höchstens einen halben Punkt für Dortmund.

Zwischenstand nun 0:8.

Die Bochumer Fahrradfreundlichkeit wird schlagartig deutlich durch einen Vergleich des Dortmunder Radverkehrsberichts 2011 mit dem “Radverkehrsbericht/Sachstand 2011/2012” der Bochumer Verwaltung. Der Dortmunder Bericht gibt einen Überblick über die Aktivitäten 2011 mit einem Ausblick auf die Vorhaben im Jahr 2012: Radverkehrsbericht Dortmund 2011 […]. Die Bochumer Verwaltung hat die politischen Anfragen sowie die im Jahr 2011 erfolgten Berichterstattung in den Print-Medien zum Anlass genommen, einen Sachstandsbericht zum Thema Radfahren in Bochum zu geben. Auslöser war das im Juli 2011 vorgelegte ADFC-Programm für ein fahrradfreundliches Bochum. Die Presse berichtete und mehrere Fraktionen im Rat reagierten mit Anträgen. Unter anderem sahen sich SPD und Grüne genötigt, die Verwaltung an ihre Pflicht zu erinnern, jährlich einen Bericht zum Radverkehr vorzulegen. Die Stadt Bochum hatte ja einmal ein Radverkehrskonzept beschlossen und das sollte auch einmal umgesetzt werden. Irgendwie war das aber in Vergessenheit geraten… Radverkehrsbericht/Sachstand 2011/2012 Bochum […]

Bochum – Dortmund: 0:1

Einen neueren Bericht als den Fahrradbericht gibt es in Dortmund auch nicht auf der Stadthomepage und ich meine mich zu erinnern, dass die Druckfassung auch längst aus finanziellen Gründen eingestellt wurde.

Zwischenstand also 0:7.

In Dortmund gibt es überdachte und abschließbare Fahrradhäuschen bis zu 12 Fahrräder. 2011 sind zwei weitere Fahrradhäuschen hinzugekommen. Der VCD war Initiator dieser Idee. In Bochum stehen die Fahrräder ungeschützt an der Hauswand.

Bochum – Dortmund: 0:12

Die Anzahl der Häuschen ist gering und sie gibt es nur dort, wo Bezirksvertretungsmitglieder sich drum kümmern, also nur in der Innenstadt-West. Es ist also eher privates Engagement als gesamtstädtisches politisches Handeln. Dafür hat Bochum eine echt Fahrradstation am Hauptbahnhof und nicht nur ein völlig überlaufenes Provisorium, dass auf Jahre so bleiben wird. Ein erster Punkt für Bochum.

Zwischenstand nun 1:7.

Und dann kann Bochum damit aufwarten, dass es eine direkte Verbindung zwischen Hauptbahnhof/City und Ruhr-Universität gibt. Nicht schön, aber nutzbar im Alltag. In Dortmund braucht es Ortskenntnisse und selbst dann ist die Strecke nicht wirklich toll.

Bochum holt langsam auf – 2:7.

Und der größte Pluspunkt in Bochum: Die Ruhr-Uni-Bochum hat ein engagiertes Mobilitätsmanagement geschaffen von sich aus, im dem der Radverkehr eine bedeutsame Rolle spielt. Dabei geht das Mobilitätsmanagement weit über Verkehrslenkung und Parken hinaus. Über 40.000 Studierende und Beschäftigte sind dabei Zielgruppe – also ca. 10% in Bezug auf die Gesamtbevölkerungszahl. Das ist mehr als 1 Punkt wert. In Dortmund gibt es nicht mal einen Fahrradbeauftragten an der TU und das Konzept der Fahrradständer auf dem Campus wurde erst aufgrund einer Anfrage von mir überarbeitet.

Zwischenstand nun 4:7.

Und die Ruhr-Universität ist als einer der großen Arbeitgeber der Stadt Fördermitglied im ADFC.

Dortmund bleibt Gewinner, wenn auch eher knapp mit 5:7.

Keinen Punkt bekommen beide Städte übrings für das Alltags-Netz NRW. Bochum schildert erst gar keine lokalen Ergänzungen aus und in Dortmund gehen Schilder verschutt oder werden beim Abrüsten von Baustellen nicht selbstverständlich wieder angeschraubt. In beiden Städten ist selbst die vorgesehene Beschilderung mit den grundsätzlichen Problemen der NRW-Alltags-Beschilderung behaftet. Nutzbar beides Mal nur mit Ortskenntnissen, die so gut sind, dass man das Netz nicht braucht.


Was meinen die ortskundigen Leser_innen?

[Update 02. 12. 2013]

Ach ja, da war ja noch die Zurückhaltung der Stadt Dortmund gegenüber derm Radschnellweg Ruhr und einem Radschnellweg Iserlohn – Dortmund. Nicht gegen ein Infrastrukturprojekt des Landes zu sein, kann nicht als Pluspunkt für Bochum gezählt werden, aber das gibt deutlich einen Punktabzug für Dortmund.

Bochum : Dortmund also nur noch 5:6.

Der gefühlte Gleichstand rückt also in greifbare Nähe. :-)

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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2 Antworten zu Dortmund vs. Bochum [mit Fortschreibung]

  1. avatar Kai Teranski sagt:

    Ich finde auch, dass DO und BO ziemlich gleichauf sind. Also gleich schlecht, nicht gleich gut. Und besser heisst in diesem Fall noch lange nicht gut.

    Von echter Fahrradfreundlichkeit kann meiner Meinung nach erst die Rede sein, wenn man aufhört, neue Strassen mit Rotpflasterholperwegen zu versehen. Wenn neue Radwege ohne eingebaute Benutzungspflicht gebaut werden.

    Trotzdem lässt sich meiner Ansicht nach in DO und BO gut Rad fahren. Weil es genügend Platz gibt, weil die Städte nicht so dicht bebaut sind, weil es Ausweichstrecken durch Wohn- und Nebenstrassen gibt. Weil die Autofahrer recht tolerant sind, auch wenn man wie ich die allermeisten Radwege ignoriert.

  2. Pingback: Wie Bochum an 0% Radverkehrsanteil arbeitet | ADFC Blog

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