Was ist Critical Mass? – Versuch einer Annäherung

Rückansicht von wartenden Radfahrern.

Critical Mass -Teilnehmer warten darauf, in den Borsig-Platz einzubiegen. (Foto: Norbert Paul)

Nachdem ich mich ja motivieren lassen hatte, an der Critical Mass Dortmund teilzunehmen, ist es nun an der Zeit, sich bei Dortmunder Regenwetter einer ersten Reflexion zu widmen. Da dieses Phänomen eine gewisse Kontinuität erreicht hat, kann man es als für das Fahrradfahren Engagierter die Erscheinung nicht ignorieren, die seit ein paar Jahren in Deutschland von Relevanz ist, aber deutlich älter ist, wie der geschichtliche Abriss bei Wikipedia darstellt.

Die erste „critical mass“ genannte Aktion fand im September 1992 in San Francisco statt. Seit diesem Start treffen sich Radfahrer weltweit mehr oder weniger regelmäßig zu gemeinsamen Fahrten durch die Städte. Von Stadt zu Stadt gibt es verschiedene Umgangsweisen mit Verkehrsregeln und Autos sowie der Polizei. Eine „critical mass“ hat keinen Verantwortlichen sowie keine zentrale Organisation (lediglich einen Urheber der Aktion). Critical-Mass-Aktionen entstehen, wenn irgendeine Person sich einen Ort und einen Zeitpunkt überlegt und zu einer gemeinsamen Fahrt via Internet, Plakate, Mundpropaganda oder einem ähnlichen Kanal aufruft, Ort und Zeitpunkt bekanntgibt. Wenn sich daraufhin genügend Menschen einfinden, um gemeinsam zu fahren, findet die CM statt. […] Critical Mass Rides finden meist einmal im Monat […] aber auch zu verschiedenen Anlässen wie Demonstrationen, Reclaim the Streets-Partys oder verschiedenen Aktionstagen sowie zu verschiedenen politischen wie sozialen Themen statt.

Logo von Velo-City-Ruhr an einem Lastenrad - gesehen durch den Rahmen eines anderen Rades

Impression: Vor der Abfahrt der Critical Mass Dortmund (Foto: Norbert Paul)

Beobachtung 1: Critical Mass ist also eine Idee, die nicht urheberrechtlich geschützt oder hierarchisch durchorganisiert ist. Da es auch keinen offiziellen Veranstalter gibt, kann es auch keine offizielle oder verbindliche (Selbst-)beschreibung geben. Wie beim Konzept Picknick kann jeder es nach seinen Wünschen ausgestalten und verändern. Dabei muss man sich natürlich den örtlichen Begebenheiten und Gesetzten anpassen, wie ein Blick auf eine Webseite zur Critical Mass Dortmund zeigt:

 Critical Mass ist eine Protestbewegung, die mit und auf dem Fahrrad stattfindet. Die Aktionsform nutzt eine Regel der Straßenverkehrsordnung, die es erlaubt, ab einer bestimmten Anzahl von Teilnehmern im Verband zu fahren. Ist man mit dem Fahrrad in einer Gruppe unterwegs, dann kann man sich als Verband organisieren und darf dann eine ganze Fahrbahnbreite einnehmen.

Bewusst habe ich von einer und nicht der Webseite gesprochen, da von der Grundidee her (s. Beobachtung 1) keiner legitimiert werden kann (und folglich auch keiner legitimiert ist), zu sagen was Critical Mass ist. Daraus ergibt sich

Beobachtung 2: Critical Mass gibt es als Gruppe nach dem Selbstverständnis der Leute, die sich als Teilnehmer dazu äußern, nicht. Somit kann auch jeder sich seine Interpretation zurecht legen, wie er will, was sicherlich für viele einen Reiz hat und komplizierte Meinungsfindungsprozesse unnötig macht. Der Nazi kommt, weil er damit ein Zeichen setzen möchte dafür, dass deutsche Straßen nur für Deutsche sein sollen, während jemand anderes gerade in der Teilnahme ein Zeichen für Toleranz sieht. Und keiner hat das Recht, dem anderen seine Deutung abspenstig zu machen. Mit den Vorteilen gehen also nicht unerhebliche Risiken mit ein, wenn einem nicht völlig egal ist, was um einen herum passiert in der Critical Mass.

Radfahrer fangen an sich zu formieren durch Kreisfahren

Die Critical Mass entsteht (Foto: Norbert Paul)

Beobachtung 3: Natürlich ist es eher unwahrscheinlich, dass Nazis kommen werden, denn die kursierenden Selbstbeschreibungen erinnert unweigerlich an übliche Selbstbeschreibungen von linken Projekten, die sich gerne basisdemokratisch  geben, aber bei genauem Hinsehen genauso Hierarchien haben und vor allem nur so lange derart funktionieren können, wie man unter sich bleibt. Man stelle sich mal vor, in der Roten Flora in Hamburg würde plötzlich der RCDS einen Platz für sich reklamieren. Nichts gegen die Ideen hinter dem basisdemokratischen Ansatz, nur funktioniert es in der Praxis in der proklamierten Radikalität nicht auf Dauer, denn es bilden sich immer nach einiger Zeit Strukturen heraus, denn es werden sich nie alle gleichviel und auf die gleiche Art und Weise einbringen und dabei gleich stark Einfluss ausüben. Am Ende steht die die kommunikative Setzung dieses Selbstbildes im Widerspruch zu sich selbst, indem gegen das Selbstbild eine dogmatische Setzung erfolgt. Von diesem logischen Widerspruch abgesehen, gibt es sicherlich gute Gründe, dieses Selbstbild zu waren, denn so muss keiner eine Verantwortung übernehmen für das Fehlverhalten von anderen (s. Beobachtung 7).

Beobachtung 4: Wer sich näher mit der Thematik beschäftigt, bekommt sehr schnell mit, wer sich um den Fortbestand kümmert, welche Teilnehmer also funktional Organisatoren sind. Keine Ahnung, warum man diese Menschen nicht so nennen darf, vor allem da dies durchaus sinnvoll ist, wenn man nicht mehr unter sich ist und verschiedene Vorstellungen von Form und Deutung sich gegenüberstehen oder die Critical Mass gar für andere Zwecke vereinnahmt werden soll. Aber nach dem Selbstverständnis (s. Beobachtung 2) gibt es ja weder Deutung noch Zweck eben nicht, obwohl jeder dies für sich mehr oder weniger klar formulieren kann, der daran teilnimmt.

Beobachtung 5: Obwohl es ja keine Gruppe gibt, bildet sich doch eine Gruppe, um nach der StVO als Gruppe fahren zu können, wie im ersten Post aufgezeigt. Um ein Verband zu sein, reicht es nicht, nur hintereinander zu fahren, sonst wäre jede Autoschlange ein Verband und die Querung der B1 wäre nur noch nachts möglich für querenden Verkehr aller Art. Was den Verband nun zum Verband macht, bleibt inhaltlich unbestimmt, da dies jeder für sich bestimmt.

Beobachtung 6: Am Ende läuft es darauf hinaus, dass sich geplant spontan Menschen treffen zum gemeinsamen Radfahren, ohne sich darüber auszutauschen und zu verständigen, was die Motivationen der anderen sind und das Spontane ist gar nicht mehr spontan.

Bei meiner Teilnahme ist mir auch aufgefallen, dass es gute Gründe gibt, nicht die Verantwortung tragen zu wollen, denn:

Radfahrer fangen an sich zu formieren durch Kreisfahren

Die Critical Mass entsteht (Foto: Norbert Paul)

Beobachtung 7: Wenn Radfahrer auf sich aufmerksam machen wollen, ist es aus meiner Sicht sinnvoll, sich an die Regeln zu halten. Ränder, die den Vorschriften entsprechen, waren vermutlich in der Minderheit. Da es sich zudem explizit um keine Demo – für die es ja auch ein Thema geben müsste – handelt, sondern um einen Verband im Sinne der StVO dürften die Fahrradklingeln – soweit überhaupt vorhanden – auch nur eingesetzt werden, um andere zu warnen, aber nicht um auf sich aufmerksam zu machen durch Dauerklingeln. Wer von anderen Regelkonformität erwartet, sollte die selbst vorleben. Aber ich bin ja (s. Beobachtung 2) gar nicht legitimiert, zu behaupten, dass mehr Rücksichtnahme auf Radfahrer und ein besseres Miteinander ein Anliegen von Critical Mass Dortmund ist. Vielleicht geht es anderen Teilnehmern um ein Entweder-Oder, entweder Autoverkehr oder Radverkehr. Und dann gibt es ja noch die Teilnehmer, die meinen mit Blinklichtern – wie ich durch die Teilnahme lernte, gibt es das jetzt auch schon als Rundumhelmblinklicht – ihre Sicherheit zu erhöhen, egal, ob sie damit die Sicherheit anderer gefährden (aber das ist ein anderes Thema).

Bei allen kritischen Anfragen muss man aber auch würdigen, dass es sich hierbei um performative Stadtgestaltung handelt, dir Wirkung entfaltet.

Fahrradlichter, dahinter Autolichter

Ungewohnt in Dortmund: Viele Radfahrer bei niedrigen Temperaturen und im Dunkeln: Die Critical Mass kurz vor dem Borsig-Platz.

Beobachtung 8: Passanten nehmen die – wenn auch kleine Gruppe – positiv war und reagieren. Ziemlich viele Leute fingen an zu tanzen, da Musik aus der Critical Mass kam, andere haben gewunken. Die Fahrradfahrer wurden also positiv wahrgenommen. Beschimpfungen oder ähnliches hingegen konnte ich nicht beobachten.

Auch wenn für mich als bekennender Alleinfahrer das Tempo – naja – arg langsam war, ermöglichte mir die Teilnahme dennoch einen neue Erfahrung.

Beobachtung 9:  Gruppen von Radfahrern sind Autofahrern genauso suspekt wie ein einzelner Trike -Fahrer mit dem positiven Effekt, dass fast alle Autofahrer korrekt überholen, so dass man in der Gruppe viel entspannter fahren kann.

Eigentlich müsste man die vielen Studierenden, die täglich mit dem Rad zur TU/FH fahren dazu motivieren, da sie nun durch eine Ampel gebündelt werden am westlichen Ende der Schnetkerbürcke, gemeinsam auf der Fahrbahn als Verband zum Campus zu fahren, bis die Infrastruktur fahrradfreundlich ist.

Viele der oben gemachten Beobachtungen – die ich mehr als Forschungsfragen und -hypothesen verstehe denn als Forschungsergebnisse – finde ich wieder in den Fragen, die Karsten Obrickat unter dem ersten Post zum Thema formuliert hat:

Welche Wirkung hat so eine CM auf die Öffentlichkeit? Ist es vielleicht nicht eher so, dass Autofahrer und Passanten eher denken, dass dort eine wild gewordene Horde von Radfahrern macht, was sie will? Will sagen: kommt die Botschaft, die eine CM aussenden will, auch wirklich und effektiv an? Und wenn es nicht so ist: wie kann man das ändern? Bitte nicht falsch verstehen: ich will die CM nicht zerreißen, kreative (Eigen-)Kritik tut aber dann und wann auch mal ganz gut um weiter voran zu kommen.

Wenn man sich bei YouTube Videos vergangener – auch winterlicher – Critical Mass-Aktionen in Dortmund anschaut, sieht man viel mehr Teilnehmer. Vermutlich hat sich auch bei anderen die erste Euphorie gelegt. Ohne gemeinsame Botschaft fehlt aber nach der Erfahrung des neuen Fahrgefühls vermutlich schnell eine Motivation teilzunehmen.

Sich formaler zu organisieren wäre der übliche nächste Schritt, aber der würde der Sache den hippen Charakter nehmen und man müsste sich mühsamen Findungsprozesses stellen und Konsense finden. Das Fehlen genau dieser Dimensionen scheint aber – wie ich aus Gesprächen weiß – genau die Motivation zu sein hieran zu partizipieren.


Teilnehmer warten vor dem Rathaus Dortmund

Teilnehmer sammeln sich zur Critical Mass (Foto: Norbert Paul)

Die nächsten Termine:

Samstag, 11. Januar 2014, Tagfahrt um 15.00 Uhr

Freitag, 17. Januar 2014, Nightride um 20.00 Uhr

Treffpunkt ist jeweils – ganz spontan ;-) – vor dem Rathaus Dortmund.

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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