Blogrundschau 4: Über in Unfälle verwickelte Radfahrer sachgerecht berichten

Text auf Tafel "Cyclist killed here - Rest in Peace - www. GhostBikes.org""

Gedenktafel für einen getöten Radfahrer (Foto: Beyond My Ken, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Der bereits erwähnte Blog PresseRad widmet sich mit polizeilichen Meldungen zu Unfällen, in die Radfahrer verwickelt waren, einem sehr speziellem Thema. Aber es gibt dazu offensichtlich viel zu schreiben. Der Blog zeigt (fast) täglich auf, wie in Meldungen der Polizei (und in den darauf aufbauenden Presseberichten) nicht neutral Fakten kommuniziert werden, sondern bestimmte Bauchgefühl-Meinungen und Weltanschauungen (mit)kommuniziert werden und immer wieder ohne sachliche Notwendigkeit das Helmtragen thematisiert wird. Das Problem sieht der anonyme Blogger sicherlich nicht in dem Einzelfall der misslungenen Meldung, sondern in der Tatsache, dass die immer gleichen Fehler, Ungenauigkeiten und Verzerrungen in den Meldungen durch diese Kontinuität Wirkung entfalten können, indem Menschen diese Aussagen verinnerlichen und die Polizei ihrem Vertrauensvorsprung damit nicht gerecht wird. Dabei wird in dem Blog die Perspektive zu Gunsten der Autofahrer in eine Perspektive zu Gunsten der Radfahrer gewendet, indem fehlerhaft und unscharfe Informationen sowie wertende Worte und ideologische Kommentierungen aus den Meldungen destilliert werden. Diese Sprachkritik ist interessant zu lesen, aber mich störrt dabei dann doch, dass die Kommentierung eben nicht die Ausgewogenheit und Neutralität der Berichterstattung erprobt, wie sie eingefordert wird, sondern ins Gegenteil verkehrt, und damit auch keine Beispiele liefert, wie es gehen könnte. Sein Ziel hat dieser Blog sicherlich dann erreicht, wenn Pressestellen der Polizei sensibler bei der Formulierung werden und gewohnte Formulierungsroutinen durchbrechen.

Heute kann kann man dort z. B. von einem besonders eindeutigen Fall von Verzerrung zu Gunsten des unfallverursachenden Autofahrers lesen.

Manche Verkehrssituationen sind so skurril, die kann man sich gar nicht ausdenken. Und so richtig absurd wird es dann, wenn die Polizeipresse in ihrer gequälten Amtssprache auch noch darüber berichtet.

In einer Pressemitteilung erregte folgende Darstellung seine (oder ihre) Aufmerksamkeit:

[… Der] Fahrer erkannte […] offenbar zu spät, dass sich der vor ihm fahrende 54jährige Radfahrer zur Fahrbahnmitte zum Abbiegen nach links […] einordnete. Um einen Zusammenstoß zu verhindern, startet der Hyundai-Fahrer einen Überholvorgang. Es kam dennoch zur Berührung mit dem Radfahrer, worauf dieser stürzte. Vermutlich aufgrund des getragenen Fahrradhelmes konnten schwerere Verletzungen vermieden werden.

Er stellt zu Recht fest, dass der Autofahrer hätte bremsen müssen und genau so reagierte, wie man es auf kein Fall machen sollte: Linksabbieger überholen. Macht man bei links abbiegenden Autos ja auch nicht (hoffe ich zumindestens ;-))

Und gerne würde ich irgendwann einmal einen folgenden Satz in solch einer Meldung ergänzt sehen:

Die aufgetretenen leichten Verletzungen hätten bereits bei angepasster Geschwindigkeit und aufmerksamer Fahrweise durch den Autofahrer vermieden werden können.

Mich wundert an dem Post nur, dass nicht kritisiert wird, dass die Polizei vermutet, dass der Helm etwas verhindert haben kann. Ansonsten mag sie oder er solche Äußerungen nämlich nicht.


Was halten eigentlich die ADFC-Blog-Leser von dem Blog PresseRad?

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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2 Antworten zu Blogrundschau 4: Über in Unfälle verwickelte Radfahrer sachgerecht berichten

  1. avatar Christoph S sagt:

    Mir gefällt die Seite. Auf “victim blaming” kann nicht deutlich genug hingewiesen werden.
    Ironischerweise könnte man annehmen, Polizei-Pressestellen haben dafür Formulare:

    Unfälle mit Radfahrern- Formulare für pressetaugliches Formulieren:
    a) „einfach umgefahren“
    nicht pressetauglich:
    Autofahrer verursacht Unfall – Schwere Verletzungen
    Polizei: “Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung droht”
    Am _______, gegen ____ Uhr, missachtete ein __-jähriger Pkw Fahrer das Sichtfahrgebot und verursachte einen Unfall, indem er eine ___-jährige Radfahrerin anfuhr, die ebenfalls ______straße in Richtung_____ unterwegs war. Die Polizei ermittelt wegen fahrlässiger Körperverletzung.

    pressetauglich:
    Radfahrerin erleidet schwere Kopfverletzungen
    Polizei: „Sie trug keinen Helm“/ „Rettung durch Helm“
    Am _______, gegen ____ Uhr, befuhr ein __-jähriger mit seinem Pkw die ______straße in Richtung_____. In Höhe ______ bemerkte er plötzlich am rechten Fahrbahnrand eine ___-jährige Radfahrerin, die scheinbar unvermittelt auftauchte. Trotz einer sofort eingeleiteten Notbremsung konnte er den Zusammenstoß nicht mehr vermeiden. Hierbei kam die Radfahrerin zu Fall und zog sich so schwere Verletzungen zu, dass sie nach notärztlicher Erstversorgung zum stationären Verbleib einem Krankenhaus zugeführt werden musste. [Die Radfahrerin trug keinen Helm/ Der Helm scheint hier Schlimmeres verhindert zu haben]. Es entstand an beiden Fahrzeugen Sachschaden.

  2. Pingback: StVO-sensibles Formulieren von Pressemitteilungen bei Beteiligung von Radfahrenden und zu-Fuß-Gehenden statt Ursachenverschleierung | ADFC Blog

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