Blogrundschau 5: Helmdiskussion als Spiegelbild der Gesellschaft

Fahrradhelm muss draußen bleiben (Foto: Klaus Müller, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Fahrradhelm muss draußen bleiben (Foto: Klaus Müller, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Auch der nie um eine pointierte Meinung verlegende Blog Ruhrbarone hat die Helmdiskussion nun aufgegriffen. Der Autor Hasso Spode erläutert es in seinem Beitrag Verhaltensregulierung: Moralische Helmpflicht, warum die Diskussion typisch für die heutige Gesellschaft sei und wie sie soziologisch zu deuten und kontextualisieren sei.

Keineswegs sind wir nur Opfer staatlicher Überregulierung, wir sind auch Täter. Wir rufen nach dem Staat, der Sicherheit produzieren soll. Und wir minimieren unaufgefordert selbst Risiken, tatsächliche und vermeintliche, verhalten uns ostentativ „rational“ und schnallen uns und unseren Sprösslingen Plastikhelme auf den Kopf: „Diese Ausrüstung schränkt doch kaum ein und kann vielleicht Schlimmes verhüten.“ Auf den ersten Blick ein unwiderstehliches Argument. Die Freiheit stirbt bekanntlich zentimeterweise. Gegen den Zeitgeist können kritische Analysen wenig ausrichten. Immerhin bewahren sie das Andenken an andere, prallere Lebensentwürfe und halten so die Option auf einen Umschwung im Wertekosmos offen.

Das eine zweifelhafte Helmpflicht so intensiv diskutiert wird, ist für ihn darin begründet, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen mit ihrem starken Sicherheitsbedürfnis an bestimmten Stellen der Gesellschaft überrepräsentiert sind und Freiheit gegen Sicherheitsempfinden zurückstehen lassen.

Text auf Schild "An Spielgeräten kannst du mit dem Schutzhelmn oder dem Schlüsselband hängenbleiben und dich verletzten. Darum: beim Spielen abnehmen!"

Warnhinweis an einem Kinderspielplatz in Oftersheim (Baden-Württemberg, Deutschland) (Foto: 4028mdk09, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

In den zahllosen staatlichen und parastaatlichen Institutionen, die mit gesundheitlicher Verhaltensprävention befasst sind, finden sich bevorzugt Menschen aus eben jenen Bildungsmilieus, die – um ihren Körper und Status ausnehmend besorgt – dem Ideal asketischer Selbstoptimierung verpflichtet sind. Aus der „Mitte der Gesellschaft“ kommend besetzen sie die einschlägigen Multiplikatoren- und Steuerungsposten, von der Gesundheitsstadträtin bis zum Verbandschef. Auch hierbei entfaltet die Dynamik sozialer Distinktion ihre ganze Wirkungsmacht. Wir haben es also weniger mit obrigkeitlicher Gängelung tun als vielmehr mit einem sich selbst verstärkenden Regelkreis, einer Rückkopplung der Risikokommunikation zwischen den Volkspädagogen und dem Volk. […] Ebenfalls in diesen Rückkopplungsmechanismus eingebunden ist der […] Faktor, der Staat als Gesetzgeber […]. Allerdings ist der Staat alles andere als ein Monolith. Auch das politische Personal ist meist bildungsbürgerlich geprägt, doch in seinen Werthaltungen ist es pluralistischer zusammengesetzt als das volkspädagogische. Hier werden handfeste ökonomische Interessenkonflikte ausgetragen, die oft in komplexer Weise mit moralischen interagieren. Da mögen sich die einen als Bannerträger der Selbstbestimmung positionieren, die anderen als Garant umfassender Schadensabwehr. Doch die internen Bündnisse und Machtbalancen sind instabil; die jeweilig ausgehandelten Kompromisse sind entsprechend schwer vorhersagbar. Ein Trend aber ist eindeutig: In dem Maß wie die Politik „alternativlos“ wird, sprich: an Handlungskompetenz einbüßt, sucht sie ihre Daseinsberechtigung darin, die kleinen Dinge des Alltags zu verregeln. Wenn man schon die Märkte nicht in den Griff kriegt, dann wenigstens die Radfahrer. Insofern erscheint die derzeitige „Regulierungswut“ als ein Abfallprodukt der Globalisierung und Europäisierung.

Aus seiner Sicht wird die Debatte sich noch weiter aufheizen:

Es bahnt sich mithin ein medienwirksamer Expertenstreit an, wie er einst die Einführung der Alkoholprohibition begleitet hatte und wie er heute mit großem Erfolg um den Tabak geführt wird. Hinter solchen Debatten steht stets ein Streit um fundamentale Werte; es geht exemplarisch ums große Ganze. Oft entwickeln sie ein bizarres Eigenleben, wobei paradoxerweise auch kritische Einwände durch das bloße Ansprechen des jeweiligen Themas dazu beitragen können, die Debatte noch weiter anzuheizen.

Jedoch gibt es bei allen bedenkenswerten Überlegungen auch eine deutliche Schwachstelle in der Argumentation, die so oder so ähnlich immer wieder in der Debatte auftaucht.

Doch nach derzeitigem Wissenstand sei es unklar, wie viele der rund vierhundert getöteten Radfahrer – also etwa ein Zehntel aller Verkehrstoten – durch einen Helm hätten überleben können; wahrscheinlich nur wenige. […] In jedem Fall müsse deren Zahl weit unterhalb der Mortalität durch anderweitig verursachte Kopfverletzungen liegen, sodass doch eher ein Helm für Autoinsassen, Fußgänger, Hausfrauen oder Postboten angeraten sei. Ein Blick in die Todesursachenstatistik zeigt, wie berechtigt dieser ironische Ratschlag ist. So schrecklich ein tödlicher Unfall ist, so abwegig ist die Idee hundertprozentiger Sicherheit. Alljährlich sterben in Deutschland über achthundertfünfzigtausend Menschen, darunter mehr als fünfhundert, weil sie sich beim Essen verschluckt haben. Über siebentausend tödliche Kopfverletzungen werden gezählt; exakt 1.117 Menschen starben 2011 beim Sturz auf Treppen oder Stufen, 3.465 bei einem Sturz zu Hause. Essen, Treppensteigen und Wohnen sind absolut gefährlicher als Radfahren.

Die absoluten Zahlen sind für die Diskussion des Unfallrisikos bzw. der Sicherheit nicht sinnvoll. Es braucht eine Bezugsgröße, bei Unfallrisiken ist das in der Regel die Zeit oder die Strecke. Es braucht also für einen zweckdienlichen Vergleich Angaben wie “Verunglückte Menschen pro Stunde Treppensteigen im Vergleich zu Verunglückte Menschen pro Stunde Radfahren”. Wenn kaum jemand Rad fährt, aber fast alle Treppen steigen und das Unfallrisiko pro Zeiteinheit gleich wäre, würden in absoluten Zahlen deutlich mehr Leute verunglücken. Es kann sogar sein, dass die absoluten Zahlen höher sind, obwohl das Risiko deutlich geringer ist. Das ist dann der Fall wenn die sichere Sache deutlich häufiger gemacht wird, als die unsichere.

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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4 Responses to Blogrundschau 5: Helmdiskussion als Spiegelbild der Gesellschaft

  1. avatar Weyervalley sagt:

    In Sachen Treppenhelm ist nicht nur die Sache mit der Bezugsgröße (z.B. die genannte “Tote pro Stunde Aktivität”) von Bedeutung. In absoluten Zahlen mag es mehr “Treppentote” als “Fahrradtote” (und insbesondere kopfverletzte Fahrradtote, bzw. noch genauer kopfverletzte Fahrradtote, die durch Tragen eines Helms nicht umgekommen wären) geben, vermutlich wird es aber wohl eher so sein, dass hauptsächlich ältere Menschen, die nicht mehr so sicher auf den Beinen sind, auf einer Treppe ausrutschen und bei dem anschließenden Sturz dann sterben. Also letztlich solche Menschen, die sich wohl schon seit Jahren auf kein Fahrrad mehr gesetzt haben. Ob es tatsächlich so ist, gibt die Statistik natürlich nicht her. Jedenfalls liegt für mich nicht nur bei einem solchen Vergleich der Schluss nahe, dass man Äpfel mit Birnen vergleicht, weil die Gruppe derjenigen, die regelmäßig radfahren, sich von der Gruppe derjenigen, die regelmäßig Treppen steigen, deutlich unterscheidet.

    Man kann letztlich nur feststellen, dass sich mit dem öffentlich bekannten statistischen Daten keine eindeutige Aussage zu diesem Thema treffen lässt. Was ja auch ganz gut zu der oftmals ausgeblendeten Tatsache passt, dass es bislang keine anerkannte Untersuchung über die (Un-)Wirksamkeit von Fahrradhelmen in der gelebten Praxis gibt. (Als polemische Antwort auf anderen Statistik-Pfusch habe ich gegen eine Forderung nach Treppenhelmen natürlich nichts einzuwenden.)

  2. avatar Norbert Paul sagt:

    Ja, auch das sind nicht unerhebliche Einflussgrößen. Danke für die Ergänzung.

  3. avatar Presseradler sagt:

    @Weyervalley: Das Heranziehen von Treppenstürzen ist meist ein probates Mittel, um gedankenlosen Helmbefürwortern ein wenig die Augen zu Öffnen, dass das Radfahren nicht so exorbitant gefährlich ist, wie es immer dargestellt wird. Dass es jährlich etwa die selbe Anzahl an Todesfällen durch Ertrinken gibt, ist auch eine erstaunliche Zahl. Die im Artikel genannten Todesfälle durch Ersticken beim Essen kannte ich auch noch nicht, musste aber herzhaft lachen.

    Wenn man berechtigterweise davon ausgehen kann, dass die getöteten Radfahrer nicht alle an Kopfverletzungen (bzw. an solchen durch Helme verhinderbare Kopfverletzungen gestorben sind, bleibt absolut betrachtet nicht viel übrig, was diese gesellschaftlich verbreitete Ächtung von Nicht-Helmträgern und die Verteufelung des Radfahrens ohne Helm als soooooooo gefährlich rechtfertigen würde.

  4. Kein Problem,
    die genauere Berechnung findet sich hier:
    http://www.rennrad-news.de/forum/threads/die-gro%C3%9Fe-koalition-der-vertrag-und-die-helmpflicht-f%C3%BCr-radfahrer.124313/page-8#post-3002976

    und nein, Treppensteigen laesst Radfahren im Risiko immer noch weit hinter sich zurueck.

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