Gelber Engel mit abgeknicktem Flügel [mit Ergänzungen]

ADAC-Pannenhilfe (Foto: ADAC)

ADAC-Pannenhilfe (Foto: ADAC)

Im November schrieb Malte Buhse auf Zeit-Online kritisch über den ADAC

Teil dieses erfolgreichen Geflechts ist zum Beispiel der ADAC Verlag, der die ADAC Motorwelt herausgibt. […] Daneben gehören zum ADAC-Konglomerat unter anderem eine Autovermietung, eine Reiseagentur und seit Kurzem auch eine eigene Fernbuslinie. Auch das Finanzdienstleistungs- und Versicherungsgeschäft des ADAC ist zuletzt stark gewachsen und hat die Gewinne steigen lassen. Trotz all dieser erfolgreichen Geschäftszweige ist der ADAC weiterhin ein eingetragener Verein. Dass der Autoklub an dieser Gesellschaftsform festhält, ist umstritten. Der Zweck eines eingetragenen Vereins darf nicht der wirtschaftliche Geschäftsbetrieb sein, schreibt das Bürgerliche Gesetzbuch vor. Vereine sollen ideelle Ziele verfolgen. Immer wieder wurde der ADAC daher für seinen Expansionskurs und den Aufbau konzernähnlicher Strukturen kritisiert.

Diese Struktur als Verein hat je nach Sichtweise Vor- bzw. Nachteile.

Es gibt zum Beispiel keinen Aufsichtsrat oder ähnliche Kontrollmechanismen. “Eine kleine Funktionärsschicht kann den Verein kontrollieren”, sagt der emeritierte Hamburger Wirtschaftsjurist Michael Adams, der den Vereinsstatus des ADAC seit Langem kritisiert und eine bessere Regulierung für derartige Großvereine fordert.

Genau an diesem Punkt setzen aktuelle Forderungen an, wie es nach den verfälschten Zahlen weitergehen soll, berichtet Zeit-Online.

Der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer hält den ADAC mit seiner Organisationsstruktur für gescheitert. “Es gibt keine Kontrolle beim ADAC,” sagte der Professor der Universität Duisburg-Essen […]. Nachdem die Manipulation beim Autopreis Gelber Engel bekannt geworden sind, fordert Dudenhöffer “eine völlig neue Struktur” des Automobilklubs. Ansonsten werde der ADAC sich nicht vom Verlust seiner Glaubwürdigkeit erholen. […] Der Automobilklub ist sowohl Wirtschaftsunternehmen als auch Pannenservice. Nur eine Aufteilung in diese beiden Bereiche könnten den ADAC über die Krise retten. […] “Offensichtlich ist das System ein Nährboden dafür, dass sich Dinge entwickeln, die sich in Unternehmen nicht entwickeln dürfen.”

Der geheiligte ADAC steht nun ziemlich im Regen da, wenn sich selbst treue Weggefärten des inoffiziellen Freundeskreises zur Erhalt der Ideen unbeschränkter Automobilitätv distanzieren, wie ebenfalls Zeit-Online berichtet.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer sagte, er sei von den Manipulationen “nicht überrascht”. Er habe sich auch über andere Zahlen in der Vergangenheit gewundert. “Im Zusammenhang mit der Maut hab ich mich immer gefragt, wie man zu solchen Schlussfolgerungen kommen kann”, sagte Seehofer. Die CSU habe immer andere Zahlen etwa zum voraussichtlichen Aufkommen aus der Maut gehabt. “Ich hab mich dann sehr gewundert, dass der Präsident des ADAC plötzlich eine Mineralölsteuererhöhung für alle vorschlägt”, sagte der bayerische Ministerpräsident. Da sei ihm klar geworden, dass etwas nicht stimmen kann. […] Der konkurrierende Pannenhelfer Auto Club Europa (ACE) warf dem ADAC vor, mit seinen Auszeichnungen nur sich selbst zu dienen. Wer wirklich wissen wolle, welche Wagen am beliebtesten seien, solle auf die Zulassungszahlen des Kraftfahrtbundesamtes schauen, teilte der ACE mit. “Demgegenüber ist alles andere offenbar nur Blendwerk und aufgeblasene Selbstinszenierung.”

Da kann man nur hoffen, dass die Entzauberung bestehen bleibt und in Zukunft Äußerungen und Forderungen des ADAC nicht mehr die Aura der Unangreifbarkeit zuerkannt wird.

In seiner Kritik griff Malte Buhse auch einen anderen Aspekt auf:

Die Rechtsform des Vereins ist auch gut für das Image. Der ADAC inszeniert sich gerne als Klub Gleichgesinnter, der sich einzig für die Interessen der deutschen Autofahrer einsetze. Wo immer es geht, nutzt er den Verweis auf seine 18 Millionen Mitglieder, um sich Einfluss und Gehör zu verschaffen. So ist der ADAC in den vergangenen Jahrzehnten zu einer der mächtigsten Lobbygruppen geworden und kann maßgeblich Einfluss auf die Politik nehmen.

Ob er mit seiner Ablehnung von allgemeinen Tempolimits und der Pkw-Maut wirklich immer im Interesse seiner Mitglieder handelt, ist zumindest fraglich. Viele Autofahrer dürften in erster Linie deshalb die 30 bis 100 Euro Mitgliedsbeitrag im Jahr zahlen, um im Notfall kostenlose Pannenhilfe zu bekommen.

Dr. Karl Obermair, Vorsitzender der Geschäftsführung des ADAC e. V. bei der Preisverleihung des Gelben Engels 2014, als die Verfälschungen noch als böswillige Unterstellungen dargestwellt wurden (Foto: ADAC)

Dr. Karl Obermair, Vorsitzender der Geschäftsführung des ADAC e. V. bei der Preisverleihung des Gelben Engels 2014, als die Verfälschungen noch als böswillige Unterstellungen dargestwellt wurden (Foto: ADAC)

Dieses vermeidliche Argument ist nun deutlichst ramponiert, wie Matthias Breitinger auf Zeit-Online berichtet:

Die Fallhöhe war groß beim ADAC. Über Jahre gab sich der Automobilclub ähnlich unfehlbar wie der Papst und ließ keine Kritik zu […] Nur ein Bruchteil der ADAC-Mitglieder beteiligte sich überhaupt [bei der Abstimmung zum Preis “Der Gelbe Engel”]. 2013 sollen laut SZ 146.000 Stimmen eingegangen sein, davon aber 70.000 ungültige. Gewertet wurden also 76.000 Stimmen, noch nicht mal ein halbes Prozent der damals rund 18,5 Millionen Mitglieder. Bei solchen Teilnehmerquoten sollte der ADAC sich von der Bezeichnung “Lieblingsauto der Deutschen” trennen – die Wahl steht noch nicht einmal für das beliebteste Modell der ADAC-Mitglieder. Am besten wäre es, den fragwürdigen Preis ganz abzuschaffen. Wer wissen will, was das Lieblingsauto der Deutschen ist, muss nur einen Blick auf die Zulassungsstatistik des Kraftfahrtbundesamtes werfen.

Sein Fazit:

Nach allem, was bisher bekannt ist, gibt es keinen Anlass, bei sämtlichen Tests des ADAC – von Crashtests neuer Automodelle bis hin zu den Prüfungen von Winterreifen und Kindersitzen – Mauscheleien zu unterstellen. Aber natürlich hat die Manipulation der Abstimmungszahlen die Glaubwürdigkeit des Clubs  beschädigt. Will er Vertrauen zurückgewinnen, wird er künftig transparenter auftreten müssen. Dazu zählt auch, mögliche Verflechtungen mit der Automobilindustrie, also etwaige Verträge als Dienstleister für bestimmte Hersteller offenzulegen. Die Stiftung Warentest verzichtet auf Anzeigen in ihrer Zeitschrift, um ihre Unabhängigkeit zu wahren. Dieses Prinzip sollte der ADAC für seine Motorwelt übernehmen.

Und schließlich gehört zur Transparenz auch die Frage, wie viele seiner Mitglieder die politischen Thesen, die der ADAC als Lobbyist regelmäßig vorbringt, mittragen: die Ablehnung eines Tempolimits auf Autobahnen, der Kampf gegen die Umweltzonen in Innenstädten, die jüngst vom ADAC-Präsidenten vorgetragene Forderung nach einer höheren Mineralölsteuer.

Der Autoclub gibt sich gern als das Sprachrohr der deutschen Autofahrer. Ob er wirklich die Mehrheitsmeinung vertritt oder nur die der ADAC-Führung – oder schlimmer noch womöglich die Interessen der Autoindustrie –, diese Frage ist bisher kaum gestellt worden. Um sie wird der Club nach der Affäre um den Gelben Engel nicht mehr herumkommen.

Wobei die von ihm gelobte Stiftung Warentest in letzter Zeit immer wieder Kritik ausgesetzt war, wie Michael Gassmann in der Welt berichtet.

In den letzten Monaten hat sich auf breiter Front Unmut gegen die Warentester bei Unternehmen angesammelt, die sich wegen rigoroser Kriterien zu Unrecht an den Pranger gestellt fühlen. Zu einem Aufschrei der Empörung kam es allein im letzten Jahr unter anderem bei Herstellern von Elektrofahrrädern (Vorwurf: Bruch, elektrische Störungen), Autokindersitzen (unsicher, Chemikalieneinsatz), Holzspielzeug (u. a. krebserregende Mittel) oder Adventskalendern (Ölrückstände).

Davon war hier schon von Michael Kleine-Möllhoff berichtet worden: Wer kontrolliert die Kontrolleure – Kommt der Pedelec-Test der Stiftung Warentest unter die Räder?

Was bleibt? Ein zumindestens zeitweise im Regen stehender ADAC, dessen Saubermann-Image ramponiert ist. Das kann dem ADFC Recht sein, aber für Schadenfreude umd Überheblichkeit ist kein Platz, schließlich macht der ADFC seit ein paar Jahren selber eine Professionalisierung durch, die in die selbst Richtung wie die des ADAC geht mit immer mehr Service und Orientierung am Mitgliederwachstum. Es würde also nicht schaden, die Vorgänge im ADAC zu analysiert und die Ergebnisse entsprechend zu berücksichtigen, damit der ADFC von ähnlichen Skandalen verschont bleibt.

Ergänzung 21:40:

Die passende Grafik gibt es auch schon zu bestaunen auf Graphitti-Blog:  Skandale von Bossa.

Ergänzun 22.1. 22:50:

Auf Zeit-Online gibt es lesenswertes Interview mit dem Wirtschaftsjurist Michael Adams zum Thema, dass der aktuelle Fall Folge eines strukturellen Defizits ist.

Die ADAC-Führung sagt jetzt, dass es sich bei dem Skandal um das Fehlverhalten einer Einzelperson handelt. Aber das ist die Folge eines strukturellen Problems aller großen Vereine und Stiftungen. Bei Unternehmen gibt es Kontrollmechanismen, die es bei Vereinen nicht gibt. Sie unterliegen dem Vereinsrecht, nicht dem Handelsrecht. […] Offiziell ist ein Verein ja für Zwecke da, bei denen es nicht ums Geldverdienen geht. […] Zu wenig Transparenz gibt es bei allen Vereinen und auch Stiftungen. Zum Beispiel beim Roten Kreuz, der Gewerkschaft, bei Greenpeace oder der katholischen Kirche. Erst jüngst wurden die Gläubigen durch die erstaunlichen Kosten des Amtssitzes von Tebartz-van Elst verblüfft. Ich sage bewusst provokativ: Die müssen kontrolliert werden wie Aktiengesellschaften – die Kirche und der ADAC.

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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1 Response to Gelber Engel mit abgeknicktem Flügel [mit Ergänzungen]

  1. avatar Robert33 sagt:

    Die Flügel vom Gelben Engel dürften momentan richtig geknickt sein.

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