Menschenopfer für das Auto

Text auf Tafel "Cyclist killed here - Rest in Peace - www. GhostBikes.org""

Gedenktafel für einen getöten Radfahrer (Foto: Beyond My Ken, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Bücher von Theologen stehen in der UB Dortmund normalerweise unter der Signaturgruppe “Bt – Religionswissenschaften und Theologie”, aber kaum unter “Xn –  Bauingenieur- und Verkehrswesen”. Das Buch “Krieg auf unseren Straßen – Die Menschenopfer der automobilen Gesellschaft” von Klaus-Peter Jörns hat es jedoch dorthin geschafft.

Jörns hat sich immer wieder – z. B. in dem Buch “Notwendige Abschiede – Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum” – mit der Opferthematik auseinander gesetzt. In dem Buch “Krieg auf unseren Straßen – Die Menschenopfer der automobilen Gesellschaft” begibt er sich aus religionswissenschaftlicher Sicht auf die Suche nach dem Erbe religiöser Opfervorstellungen im Zusammenhang mit dem Autoverkehr.

Sein Fazit ist deutlich:

Wir können daran ablesen, wie lebensfeindlich wir uns verhalten, wenn wir trotz aller mittlerweile gesammelten verkehrswissenschaftlichen Wissens  zu keinen radikalen Eingriffen in das System bereit sind. Denn das Fazit, das wir ziehen müssen, besagt ja doch, auf einen einzigen Satz gebracht: Wir Menschen sind den Anforderungen nicht gewachsen, die der Straßenverkehr  in seiner jetzigen Form an uns stellt. Er überfordert uns blutig, weil wir uns ein Maß an Selbstbeherrschung zumuten, das wir nicht erfüllen vermögen. […] Die Frage lautet, welche der beiden Größen Automobilität und Schutz des Lebens da, wo sie in Konflikt geraten, einen nicht relativierbaren Vorrang haben soll. Bisher […] hat die Automobilität  diesen Vorrang erhalten. Der Schutz des Lebens wird als zweitrangig behandelt. Schuld daran ist die blutfromme Opferbereitschaft. Doch diese Rangfolge muss geändert werden. Dazu zwingen uns die Selbstachtung, das Grundgesetz und auch das Glaubensbekenntnis, dass wir selber nicht Herren des Lebens sind. (S. 93f.)

Es mag zuerst irritieren, dass die Getöteten im Straßenverkehr in eine Linie mit den religiösen Opfern gestellt werden, aber :

Unsere Umgangssprache spricht von Verkehrsopfern […] und nicht distanziert von “Personenschäden” wie die Statistiken. Indem die Umgangssprache den Begriff Opfer verwendet und ihn mit den getöteten und verletzten Menschen verbindet, weist sie ganz ungeschminkt in einen Bereich, den wir Abendländer weit hinter uns zu haben meinen – irgendwo in der Religionsgeschichte bei denen, die aus religiösen Gründen Menschen geopfert haben. (S. 26)

Tausende von Toten jährlich sind der Tribut an den Fetisch Auto, dessen ungehinderte “Anwendung” archaischen Triebstrukturen der Menschen entgegen kommt. (Klappentext)

Fahrrad liegt auf der Straße, im Hintergrund ein Auto

Das Fahrrad eines tödlich verunglückten Radfahrers (Foto: Frank Schwichtenberg, Lizenz: CC BY 3.0)

Jörns kritisiert, dass der scheinbar säkulare Lebensstil der automobilen Gesellschaft Blutopfer unter Menschen und Tieren fordert zur eigenen Aufrechterhaltung, wie früher die Kirche Opfer forderte, um ihren Machtanspruch zu sichern.

Es wird maschinell und industriell und in Kriegen aller Art mehr Blut vergossen als in irgendeiner anderen Epoche der Menschheitsgeschichte. Die Schlussfolgerung ist unumgänglich, dass wir die archaischen Menschen- und Tieropferbereitschaft  auch als säkularisierte Christenheit nicht losgeworden sind. Offen ist aber die Frage, ob wir uns damit abfinden, oder ob wir der Blutfrömmigkeit aus christlicher oder anderswie begründeter Verantwortung energische Grenzen ziehen wollen. Denn ihre Gefahr besteht ja darin, dass sie, um das Leben zu sichern, Menschenleben opfert, also buchstäblich über Leichen gebt. (78)

Dabei sieht Jörns in dem Beschleunigen und Fahren im Auto ein Ersatzritual zur Befriedigung des Bedürfnisses nach Erfahrungen, die das Bekannte überschreiten, da die tradierten Kulte der Religionen dieses Bedürfnis nicht mehr befriedigen können.


Jörns, Klaus Peter (1992): Krieg auf unseren Straßen – Die Menschenopfer der automobilen Gesellschaft; Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn

Die Rechtschreibung der Zitate wurde an den restlichen Text angeglichen.

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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