StVO-sensibles Formulieren von Pressemitteilungen bei Beteiligung von Radfahrenden und zu-Fuß-Gehenden statt Ursachenverschleierung

Stadtwappen Kassel

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Nicht alles, was neutral und sachlich klingt, ist das auch. Wie schon mehrfach hier thematisiert, trifft das gerne auch auf Pressemitteilungen der Polizei zu. (hier, hier, hier, hier) Aber gerade hier ist die korrekte Formulierung und inhaltliche Akzentuierung wichtig, erwartet man doch insbesondere von der Polizei neutrale und sachliche Informationen.

Auf den ersten Blick wirkt auch die Pressemitteilung “Unfall wegen tief stehender Sonne: Autofahrerin übersieht Radfahrer; 20-Jähriger verletzt und etwa 2.000 Euro Schaden” vom 30. 01. 2014 der Polizei aus Kassel neutral und sachlich:

Die Autofahrerin war mit ihrem Wagen gegen 13.25 Uhr auf der Fuldatalstraße in stadtauswärtiger Richtung unterwegs und bog nach links in den Wolfsgraben ein. Beim Abbiegen übersah sie den auf der Fuldatalstraße in Richtung Stadtmitte fahrenden Fahrradfahrer. Dieser krachte mit seinem Zweirad frontal gegen den rechten vorderen Kotflügel des Autos der 39-Jährigen und anschließend zu Boden. Die Autofahrerin berichtete den an der Unfallstelle eingesetzten Beamten […], dass sie von der Sonne geblendet war und den Radfahrer daher nicht gesehen habe. In Folge des Unfalls entstand nach Einschätzung der Beamten am Auto und am Fahrrad jeweils ein Sachschaden in Höhe von etwa 1.000 Euro

Warum der Radfahrer in der Pressemitteilung nicht zu Wort kommt?

Bei dem Anprall und anschließenden Sturz verletzte sich der Radler und wurde von einem Rettungswagen in ein Kasseler Krankenhaus gebracht.

Unterschwellig wird die Botschaft transportiert, dass die Autofahrerin aufgrund höherer Gewalt (der plötzlich tief stehenden Sonne(?)) gar nicht richtig schuld und selbst ein bisschen Opfer sei. Aber das, was nach unvermeidbar klingt, ist vermutlich die Folge eines Verstoßes gegen elementare Regeln der StVO. Ich war nicht dabei und es kann tatsächlich sein, dass ausgerechnet hier einer der wenigen Fälle vorliegt, bei denen der umsichtigste Autofahrende den Unfall nicht hätte verhindern können. In einer juristischen Klausur an der Uni würde hier die “Regel” gelten “Der Sachverhalt gibt keinen Hinweis darauf, dass hier eine diesbezügliche Ausnahme vorliegt.”

Folglich wäre es angemessen gewesen, in der Meldung darauf zu verweisen, dass es zu einem Verstoß gegen sehr basale und in der Fahrschule zu lernen Regeln bei der Unfallverursacherin kam.

1) Beim Linksabbiegen muss man sich besonders vorsichtig verhalten, denn man ist nach § 9 III StVO wartepflichtig:

Wer abbiegen will, muss entgegenkommende Fahrzeuge durchfahren lassen.

2) Darauf müssen sich andere Verkehrsteilnehmer auch verlassen können. Sollte auf den ersten Blick kein entgegenkommendes Fahrzeug erkennbar sein – z. B. weil Fahrradwege hinter parkenden Autos lang führen – muss man sich – nicht nur in solchen Situationen – immer bremsbereit verhalten und nach § 3 I StVO rechtzeitig anhalten können:

 

Wer ein Fahrzeug führt, darf nur so schnell fahren, dass das Fahrzeug ständig beherrscht wird. Die Geschwindigkeit ist insbesondere den Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnissen sowie den persönlichen Fähigkeiten und den Eigenschaften von Fahrzeug und Ladung anzupassen. […] Es darf nur so schnell gefahren werden, dass innerhalb der übersehbaren Strecke gehalten werden kann.

Da der Zustand des Geblendet-sein das sichere Beherrschen des Fahrzeuges verunmöglicht und man dadurch nicht mehr einen ausreichenden Überblick hat, muss logischerweise umgehend eine (Gefahren-)bremsung durchgeführt werden, um wieder das Fahrzeug sicher zu beherrschen. Im Zweifelsfall kann man dies nur im Stillstand oder mit einer einer weiteren Person zusammen, die einen z. B. einweist.

Keiner der beiden Regelverstöße wird explizit oder implizit benannt. Auch weitere Formulierungen dienen der Verschleierung der Ursache. In der Pressemitteilung wird der Radfahrer zum ursächlich Handelnden im Unfallgeschehen, indem er in das Auto krachte. Nein, die Autofahrerin war die aktiv den Unfall Auslösende, denn sie nahm dem Radfahrer die Vorfahrt. Im oben nicht zitierten Vorspann steht korrekter:

[…] erfasste ihn mit ihrem Auto.

Aber auch das klingt harmloser, als der Sachverhalt ist. Er krachte aber auch nicht aktiv zu Boden, sondern wurde auf den Boden gestürzt durch den Aufprall aufgrund der genommenen Vorfahrt.

Immerhin wurde darauf verzichtet, darüber zu spekulieren, welche Rolle das Tragen bzw. Nichttragen eines Helmes  bei den Unfallfolgen hat.

Einen Tag später – heute – gibt es die nächste Pressemitteilung der Polizei Kassel, in der unsauber und verschleiernd formuliert wird: Harleshausen: Fußgängerin an Ampel von Auto erfasst und verletzt. Auch hier wird ein Unfallopfer aktiver dargestellt, als es ist. Eine angefahrene Fußgängerin wird kaum von sich aus auf den Boden stürzen, sondern sie wird geschleudert, gestoßen oder ähnliches. Sie ist Objekt einer Handlung, nicht Subjekt.

Der Autofahrer […] hielt zunächst an der Rot zeigenden Ampel an der Kreuzung […] an. Nachdem die Ampel führ ihn grünes Licht zeigte, fuhr er an und übersah beim Einbiegen in die Helmarshäuser Straße die Fußgängerin, die ebenfalls bei Grün die Fußgängerfurt in Richtung Harleshausen Mitte benutzte. Der Autofahrer erfasste die 21-Jährige mit dem rechten vorderen Kotflügel, woraufhin die Fußgängerin zu Boden stürzte.

Wer in dieser Situation Vorrang hat, regelt § 26 I StVO eindeutig:

An Fußgängerüberwegen haben Fahrzeuge mit Ausnahme von Schienenfahrzeugen den zu Fuß Gehenden sowie Fahrenden von Krankenfahrstühlen oder Rollstühlen, welche den Überweg erkennbar benutzen wollen, das Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen. Dann dürfen sie nur mit mäßiger Geschwindigkeit heranfahren; wenn nötig, müssen sie warten.

An der Stelle sei auch noch auf § 9 III StVO verwiesen:

Auf zu Fuß Gehende ist besondere Rücksicht zu nehmen; wenn nötig, ist zu warten.

Da es allgemein bekannt ist (sein sollte?), dass gerade beim Abbiegen mit zu-Fuß-gehenden zu rechnen ist, muss hier besonders vorsichtig gefahren werden und notfalls angehalten werden.

Auch in dieser Pressemitteilung verzichtet die Polizei Kassel darauf, auf die zugrundeliegenden Regelverstöße hinzuweisen, weißt aber auch hier auf den für die Nicht-Beteiligten unwichtige Schadenshöhe hin, die zudem auch nur aus dem Bauch heraus von den Polizisten bei der Unfallaufnahme geschätzt wurde.

edit 11. 02.2014 12:02

Der Link zur Pressemitteilung war verschwunden – habe ihn ergänzt.

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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2 Responses to StVO-sensibles Formulieren von Pressemitteilungen bei Beteiligung von Radfahrenden und zu-Fuß-Gehenden statt Ursachenverschleierung

  1. avatar Florian sagt:

    Servus, Ich bin der 20 jährige Radfahrer aus dem Artikel. Durch meinen Helm, der gebrochen ist und die Tatsache das ich mich gegen das Auto gedreht habe, konnte ich mit starken Prellungen an knien und der linken Schulter so wie schrammen an Kopf, Schulter und Knie und Schmerzen an der Wirbelsäule noch von Glück reden.

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