Blogrundschau 7: Internetkommentare nach einem tödlichen Unfall

Text auf Tafel "Cyclist killed here - Rest in Peace - www. GhostBikes.org""

Gedenktafel für einen getöten Radfahrer (Foto: Beyond My Ken, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Malte Hübner unterbricht seine prüfungsbedingte Schreibpause auf seinem Blog Radverkehrspolitik, um sich aus aktuellem Anlass im Post Irgendwie muss Käthe doch mitschuldig sein mit den Kommentaren im Internet zu beschäftigen, die sich auf einen für eine 18-jährige Radfahrerin tödlichen Unfall beziehen. U. a. kommentiert er die Kommentare bei der Hamburger Morgenpost, wo qualifizierte Kommentare wie

Ich bin selbst auch LKW gefahren, 7,5to bis Schwerlast Baumaschinen. Wenn man nichts sieht, darf man nicht fahren. Ganz einfach. Blind zu fahren ist ablolut Fahrlässig. Toter Winkel hin oder her, jeder Fahrer ist verpflichtet, sich zu versichern daß er freie Sicht hat, hat er sie nicht, benötigt er einen Einweiser. Sich lieber mal ein Fahrrad kaufen und das mal selbst erleben, wie man als Arschloch der Nation behandelt wird als Radfahrer hier. Und wenn man dann noch überfahren wird, bekommt man noch mal haue und es wird mit dem Finger gezeigt. Schämt euch!

die absolute Ausnahme sind. So kompliziert ist das mit dem Sichtfahrgebot doch nicht, aber für den durchschnittlichen Internetkommentierer scheinbar schon. Vielleicht hat er aber auch mangels Fahrrad, Führerschein und ÖPNV-Monatskarte einfach auch nur zu viel Zeit und wenig Erfahrung mit der Realität da draußen, wo das Internet nicht aus bunten Bildern und Klicks, sondern aus Kabeln unter der Erde besteht.

Dabei gäbe es genug Dinge, über die man sich wirklich mal aufregen sollte, wie z. B. die Überlegung von berlinradler auf dem Blog Rad Spannerei anregen könnte.

In diesem Zusammenhang habe ich die These aufgestellt, dass es sich insbesondere beim absichtlichen Abdrängen nicht mehr um Verkehrsverstöße, sondern um körperliche Gewalt – also Straftaten – handelt, bei der das Auto als Waffe missbraucht wird. Nur scheint das unter der gesellschaftlichen Wahrnehmungsschwelle zu liegen. Wird ein Fahrgast in der Bahn mit dem Messer bedroht, findet diese Schlagzeile Eingang in alle Nachrichten. Wird ein Radfahrer von der Fahrbahn abgedrängt, so kann er froh sein, wenn er von der Polizei überhaupt ernstgenommen wird, eine Schlagzeile wird daraus nicht.

(via Carl vs. Karl)

Malte Hübners zwischen Wut und Ohnmacht schwankende Zusammenfassung der Kommentare finde ich sprachlich gelungen und fasst X andere Diskussionen genauso gut zusammen, in denen auf immer gleiche Art und Weise auch mit Bauchgefühl, Rechtsunkenntnis und Selbstherrlichkeit kommentiert wird:

[Wenn man die Kommentare liest,] packt einen glatt die Wut, wie viele Verkehrsteilnehmer einfach drauflos schwurbeln, ohne wenigstens die mit drei kurzen Absätzen doch recht leicht zu verarbeitende Meldung zum Unfallhergang zu lesen. Da wird beispielsweise folgendes reklamiert:

– Das wäre nicht passiert, wäre die Schülerin auf der richtigen Straßenseite gefahren.

– Man kennt ja diese Radfahrer, die fahren immer falsch. (Die Schülerin war in der richtigen Fahrtrichtung unterwegs.)

– Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.

– Man lernt doch schon in der Grundschule, nur bei Grün zu fahren. Fazit: Selbst schuld. (Es gab an dieser Stelle keine Lichtzeichenanlage, die Schülerin hatte Vorrecht gegenüber dem abbiegenden Kraftfahrzeug.)

– Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.

– Das wäre nicht passiert, gäbe es ein Verbot für iPhones am Lenker. (Es gibt keine Hinweise, dass die Schülerin mit einem Telefon beschäftigt war — und das wäre übrigens genauso verboten wie die Handy-Nutzung am Steuerrad.)

– Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.

– Das wäre nicht passiert, hätte sie nicht ihre Vorfahrt erzwungen. (Gut, darüber kann man diskutieren. Viel wichtiger wäre allerdings, warum denn der abbiegende Lastkraftwagen nicht angehalten hat.)

– Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.

– Mit Helm wäre sie noch am Leben. (Standardargument, angesichts der Zwillingsreifen und der beeindruckenden Masse des Lastkraftwagens ist das aber eher unwahrscheinlich. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Hamburger Morgenpost erst noch prominent zu berichten wusste, dass die Radfahrerin keinen Helm trug, den Satz dann allerdings nach Beschwerden der Leser gestrichen hat.)

– Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.

– Das kommt davon, mitten auf der Straße anstatt auf dem sicheren Radweg zu fahren. (Die Schülerin fuhr auf dem Radweg.)

– Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.

– Sie war bestimmt in den modischen Trendfarben Schwarz, Dunkelgrau und Grau gekleidet. (Darüber schweigt sich die Polizei aus.)

– Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.

– Ein Kommentator weiß aus eigener Erfahrung zu berichten, dass Schülerinnen in dem Alter meistens betrunken zur Schule fahren. (Auch dafür gibt es keine Indizien — abgesehen davon kann sich auch nüchtern totfahren lassen.)

– Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.

– Das Fahrrad hatte bestimmt keine funktionierende Lichtanlage. (Man darf davon ausgesehen, dass die Polizei so etwas erwähnt hätte.)

– Radfahrer halten sich eh nie an die Verkehrsregeln.

– Ein Kommentator weiß zwar nicht genau, gegen welche Regeln die Schülerin verstoßen hat, aber irgendetwas wird sie sich ja zu Schulden kommen lassen haben, sonst wäre sie ja nicht überfahren worden. (Alles klar.)

Man mag diesen menschenverachtenden Unfug überhaupt nicht mehr lesen. Wenn auch nur die zehn Prozent, die solchen Schwachsinn schreiben, mit diesem Selbstbewusstsein im Straßenverkehr unterwegs sind, wundert man sich gar, warum nicht noch mehr tote Radfahrer und Fußgänger in der Unfallstatistik auftauchen. Das ist ja kaum noch zum Aushalten.

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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