Blogrundschau 10: Augsburg gefährdet Radfahrer wider besseren Wissens [mit Ergänzung]

(Bild: BAST)

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7Saturn berichtet auf dem Blog “Aus dem Leben eines Alltags-Radfahrers” im Beitrag Gerd Merkle kapituliert über die Bürger-Veranstaltung zum Thema Radverkehr und das Projekt “Fahrradstadt 2020” in Augsburg. Er schildert, wie der Verwaltung Bescheid weiß und dann doch anders handelt, weil sie Angst vor Protest hat.

Dort gab es einen längeren Vortrag vom Herrn Dr. Kaulen, indem er darlegte, was man so in nächster Zeit gedenkt zu tun […]. Auch Herr Dr. Kaulen mit seinem Planungsbüro als federführender Planer/Organisator des Projekts “Fahrradstadt 2020” hat in seiner Präsentation ausdrücklich darauf hingewiesen, dass 2/3 aller Unfälle von Radfahrern in Form von Rechtsabbiegerunfällen auf Radwegen stattfinden (an denen nebenbei bemerkt laut seinen eigenen Folien auch in 90% der Fälle der Autofahrer die Schuld trägt […]). Dort wurde dann unter anderem die Frage gestellt, wie man es mit Radwegbenutzungspflichten von Radwegen dann zukünftig so halten möchte. Seine sinngemäße Antwort war: Das stellt man ganz hinten an. Na Super. Ich werde also auf absehbare Zeit weiterhin auf bekanntermaßen gefährliche Wege gezwungen. Wenn das mal nicht Radverkehrsförderung ist…

Die Hauptbegründung für diese Benutzungspflichten ist eine angebliche Verbesserung der Sicherheit, die im Vortrag auch damit verknüpft wurde, dass Tempo 50 anscheinend ausreichend als Gefahrenlage sei, um weiterhin Radwege und ihre verschiedenen Derivate anzulegen […]. Herr Dr. Kaulen hat auch sehr schön ausgeführt, warum Tempo 30 eigentlich eine ausreichende Sicherheitsmaßnahme wäre und wie es daher 1985 zu den heute sehr großflächig vorhandenen Tempo 30 Zonen in Wohngebieten kam. Also auch das ist ihm und damit auch den Planern hier bekannt. Im Weiteren kam dann mindestens zwei mal die sinngemäße Frage aus dem Publikum, wieso man dann nicht einfach Tempolimits dort einführt wo es angeblich gefährlich ist bzw., wo vorhanden, diese mit Blitzern durchsetzt. Die (sinngemäße) Antwort von Gerd Merkle auf diese Frage lautete: Macht man nicht, weils angeblich nichts brächte. Die Autofahrer hielten sich eh nicht ans Tempolimit, Blitzer sind auch sehr bald im Radio zu hören, weswegen man abgesehen von baulichen Maßnahmen wie Fahrbahnverengungen nichts dagegen machen könnte.

Da ist die Planungseuphorie der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts jetzt wohl in eine Planungsresignation umgeschlagen bei den deutschen Planern – zumindest, wenn es um den Abschied von der autogerechten Stadt geht, die (auch) ein Kind der Planungseuphorie ist.

Ergänzung 11. 02. 14 10:25

Etwas anders schildert Velokitchen Augsburg die Aussagen:

die Aussage von Dr. Kaulen war nach meiner Erinnerung: zuerst schließen wir die großen Lücken im Radwegenetz, danach werden die bestehenden Radwege hübsch gemacht (und Radwegbenutzungspflichten aufgehoben).

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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5 Antworten zu Blogrundschau 10: Augsburg gefährdet Radfahrer wider besseren Wissens [mit Ergänzung]

  1. avatar MatserX sagt:

    Schön zu lesen, das es für die Autofahrer keine 30er Schilder gibt, sondern die Straßen so gebaut werden, das man gar nicht schneller als 30 fahren kann.
    Das produziert Unfälle und Gefährliche Situationen haufenweise.
    Auch schön zu lesen, dass die Autofahrer schuld sind an Rechtsabbiegeunfällen. Autofahrer müssen beim Rechtsabbiegen auf Fußgänger und Radfahrer aus Drei Richtungen achten. Ich habe zwar zwei Augen, kann aber trotzdem nur in eine Richtung schauen. Bei Fußgängern mag das funktionieren, bei Radfahren mit bis zu 30 km/h, ist das unmöglich. Die Ampelschaltungen gehören bei stark frequentierten Ampeln geändert geändert. Z.b. Göggingerstraße/Rosenaustraße und Bei Sankt Ursula/Am Vogeltor (hier fahren die Radfahrer übrigens auf der Rechtsabbiegerspur immer gerade aus)

    • avatar Martin W. sagt:

      Naja, es würde ja schon vollkommen langen, wenn man nicht geradeausfahrenden Verkehr rechts vom Rechtsabbieger führen würde. Dann braucht man auch keine extra angepassen Ampelschaltungen, Spiegel, Warnschilder oder sonstigen Kram, den alle anderen Fahrzeugführer auch nie brauchen um sicher fahren zu können. Oder anders ausgedrückt: Wenn Radwege wirklich für die Sicherheit da wären, warum braucht man dann trotzdem ständig noch zusätzliche Maßnahmen um sie sicher zu machen?

      Und das mit dem nicht Anordnen bzw. Durchsetzen von Tempo 30 ist schon ein dickes Brett, weil man damit sinngemäß zugibt, dass man Autofahrern ständig schwere StVO-Verstöße zu Lasten von Radfahrern durch gehen lässt, dafür aber die davon betroffenen Radfahrer illegalerweise an die kurze Leine legt und zusätzlich gefährdet.

      • avatar Norbert Paul sagt:

        Ein CDU-Vertreter hat in Dortmund öffentlich auch die Ansicht vertreten, dass Tempobeschränkungen nichts brächten, weil sich keiner dran halte. Warum man dann nicht durch Kontrollen das Recht durchsetzen will, erschließt sich mir auch nicht.

        • avatar Martin W. sagt:

          Das beste ist ja, wenn man diese Logik einfach mal fortführt: Schwarzfahren in den Öffis ist in Zukunft nicht mehr verboten, weil die Leute ja trotzdem weiterhin schwarzfahren. Wozu Kontrolleure? Einbrüche werden zukünftig auch nicht mehr verfolgt, weil ja weiterhin Leute bei anderen einbrechen. Wozu die KriPo? Wenn man sich auf diesen Standpunkt stellt, der da vertreten wird und das ganze konsequent weiter spinnt, bemerkt man sehr schnell, wir hirnrissig so eine Haltung eigentlich ist.

  2. avatar Kai Teranski sagt:

    Erstens mal ist es schon so, dass sich die meisten Autofahrer ungefähr an die Geschwindigkeit halten. Meist in der Form, dass die geltende Beschränkung um 10-20 km/h übertreten wird. Das bedeutet bei normalen Stadtstrassen Tempi zw. 55 und 70, bei geschwindigkeitsbeschränkten Strassen und Zonen ca. 35-45 km/h. Das kann man hier im Vorort selbst in solchen Tempo 30 -Zonen beobachten, die baulich sehr großzügig angelegt sind.

    Zweitens gehe ich davon aus, dass nach Einführung eines durchgehenden Tempo 30 Limits ein Entspannungseffekt einsetzen wird und die Fahrweise insgesamt noch mal weniger hektisch wird. Da man dann nicht mehr durch eine beschränkte Zone zur nächsten Haupstrasse fährt, um dort wieder beschleunigen zu können, gewöhnt man sich an niedrigere Geschwindigkeiten und unterlässt unnötige Überholmanöver. Diesen Effekt kennt jeder bereits, der mal auf der Autobahn über die Grenze in die Niederlande gefahren ist. Sofort hinter der Grenze, wo die Geschwindigkeit auf 130 begrenzt ist, hören die hektischen Überholmanöver auf und der Verkehr fliesst sehr viel ruhiger und entspannter.

    @MatserX: Wo warst du denn in den letzten 30 Jahren? Tempo 30-Zonen wurden schon in den 80ern eingeführt und haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Zahl der Toten im Verkehr von 20000 auf < 5000 zurückgegangen ist. Und gefährliche Situationen werden umso weniger, je weniger übersichtlich eine Strasse ist. Die wenigsten gefährlichen Situationen gibt es wohl zweifelsfrei in Spielstrassen, wo in der Regel noch nicht mal Bürgersteige angelegt sind.

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