Keine radverkehrspolitischen Visionen für Dortmund – Podiumsdiskussion zur Kommunalwahl

Am 28. Januar haben der ADFC Kreisverband Dortmund und der VCD Kreisverband Dortmund-Unna mit der ersten Podiumsdiskussion zur Kommunalwahl am 25. Mai den Wahlkampf eröffnet. Eingeladen waren alle Fraktionen, von denen bis auf FDP/Bürgerliste alle vertreten waren: Utz Kowalewski (DIE LINKE), Ingrid Reuter (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN), Helmut Harnisch (SPD) und Thomas Pisula (CDU) stellten sich den Fragen des Moderators Oliver Volmerich und des Publikums.

Die Podiumsteilnehmer: Utz Kowalewski (DIE LINKE), Helmut Harnisch (SPD), Ingrid Reuter (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN),und Thomas Pisula (CDU), in der Mitte Moderator Oliver Vollmerich  (Foto: Christian Strupp)

Die Podiumsteilnehmer: Utz Kowalewski (DIE LINKE), Helmut Harnisch (SPD), Ingrid Reuter (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) und Thomas Pisula (CDU), in der Mitte Moderator Oliver Volmerich (Foto: Christian Strupp)

Direkt zu Anfang bezog Ingrid Reuter klar Position, dass sie Dortmund für fahrradfreundlich hält: „Wir müssen dennoch viel mehr tun, um diesem Postulat, dieser Forderung wirklich gerecht zu werden.“ Dabei sieht sie Mängel z. B. bei der City-Querung. Man merkte ihren Aussagen auch im weiteren Verlauf des Abends an, dass sie – wie sie sagte – unabhängig vom Wetter im Alltag Rad fährt. „Fahrradfahrer und Fahrradfahrerinnen werden nicht mehr als Exoten abgetan, aber ich glaube: Man kann aber noch lange nicht davon sprechen, dass die Verkehrsmittel gleichberechtigt sind. Es ist immer noch eindeutig so, dass der motorisierte Individualverkehr bevorteilt wird gegenüber dem Radverkehr. Es gibt immer noch Radwege, wo Radfahrer sich mit Fußgängern den Weg teilen müssen, weil man eben sagt: Man kann dem Autoverkehr keinen Platz wegnehmen.“ Fahrradgerecht ist die die Stadt für sie noch lange nicht.

Auch Helmut Harnisch sieht die Stadt noch ein ganzes Stück von der Fahrradgerechten Stadt entfernt, betonte aber, dass schon viel passiert sei und sie auf dem richtigen Weg ist. „Das ist aber auch eine Erziehungssache“, dämpfte er Hoffnungen auf einen schnellen Wandel, „es gibt verrückte Autofahrer, aber auch verrückte Fahrradfahrer. Man muss ein Mittelding finden.“ Neben mehreren Fahrrädern besitzt er schon seit dem 1. April 1980 eine ÖPNV-Monatskarte, die er viel nutzt. In dem gut ausgebauten ÖPNV sieht er auch einen der Gründe, warum der Anteil des Radverkehrs nicht so stark steigt.

Utz Kowalewski nutzt ebenfalls viel den ÖPNV und fährt insbesondere dann mit dem Rad, wenn die Querverbindungen zwischen den Stadtteilen beim ÖPNV nicht so optimal sind. Er verwies mehrfach auf das lückenhafte Radwegenetz. „Wir haben momentan ein Radwegenetz in der Länge von 645 Kilometer, dem gegenüber steht ein Straßennetz von 1780 Kilometern“.

Lorenz Redicker (VCD) und Werner Blanke (ADFC) begrüßen die Podiumsteilnehmer und die Besucher (Foto: Christian Strupp)

Lorenz Redicker (VCD) und Werner Blanke (ADFC) begrüßen die Podiumsteilnehmer und die Besucher (Foto: Christian Strupp)

Dem widersprach Thomas Pisula, der alle Verkehrsträger vom zu-Fuß-gehen bis zum Flugzeug, häufig auch in Kombination, benutzt. In der Verknüpfung von Verkehrsmitteln sieht er auch in Dortmund die Zukunft, denn Dortmund ist nicht so flach, wie Städte mit einem höheren Radverkehrsanteil, so dass insbesondere Bewohner der südlichen Stadtteile eher nicht mit dem Rad in die Innenstadt fahren wollen. Er will dabei kein Verkehrsmittel zur Glaubenssache hochstilisieren, da es keinen Selbstzweck hat. Er sieht es nicht für erstrebenswert an, in allen Straßen Radwege zu bauen, sodass der Vergleich daher nicht stimmt: „Wir wollen in den Wohngebieten eben Verhältnisse schaffen, in denen sich alle Verkehrsteilnehmer wohl fühlen – natürlich auch der Radfahrer und Fußgänger – und dann muss es zwischen den Ortsteilen entsprechende Lückenschlüsse geben. Immer wenn eine Straße von Grund auf renoviert wird, wird der Radfahrer immer mitgedacht. Ob das immer so ist, wie der Radfahrer es sich wünscht? Das war ja auch verschiedenen Moderichtungen oder planerischen Überlegungen unterworfen. Als ich mit Politik angefangen habe, haben die Planer gesagt: Das muss alles auf den Bürgersteig. Und dann hat man festgestellt, so gut ist das auch nicht. Wir haben aber nicht die finanziellen Möglichkeiten, andauernd die Straßen umzubauen.“

Auf die beschränkten finanziellen Mittel verwiesen die Podiumsmitglieder im Verlauf der zwei Stunden dann immer wieder und wollten sich z. B. nicht darauf festlegen, die Position des Radfahrbeauftragten zu einer Stabsstelle auszubauen. Reuter ging die Position von Pisula nicht weit genug, da es aus ihrer Sicht nicht ausreicht, Radwege mitzudenken. Es sollten auch häufiger vergleichsweise preiswert Radstreifen zu Lasten des MIV markiert werden, forderte sie. Ebenso wie Kowalewski sieht sie Nachholbedarf bei Abstellmöglichkeiten. Ein anderer wichtiger Punkt ist für sie eine vernünftige Alltagswegweisung, z. B. von der City zu TU und FH. „Man muss den Fahrradverkehr in den Vordergrund rücken und überlegt, was da an Infrastruktur nötig ist“, fordert sie. „Entgegen der Aussagen hier, ist es nicht allgemein Konsens, dass wir uns jetzt kraftvoll auf den Weg zur Gleichberechtigung des Radverkehrs machen.“ Viele Anträge der Grünen zum Thema hätten keine Mehrheiten gefunden. „Denken reicht nicht, man muss umsetzen.“

Interessierte Zuhörer (Foto: Christian Strupp)

Interessierte Zuhörer (Foto: Christian Strupp)

Sowohl Harnisch als auch Pisula, zweifelten die Aussagekraft des methodisch solide Radverkehrsbarometers des ADFC an, das die gefühlte Zunahme des Radverkehrs in Dortmund nicht bestätigen konnte, sondern eher auf einen Abnahme in den letzten zwei Jahren hindeutet. Andererseits zeigt Pisula statistisches Verständnis, indem er darauf hinweist, dass in allen Altersgruppen der Radverkehrsanteil steigen kann, aber dass aufgrund des demographischen Wandels der Gesamtanteil trotzdem sinken kann.

Unmut löste dann im Publikum die Äußerungen zum Radschnellweg Ruhr aus. Die Bedenken der CDU sind laut Pisula, dass die Mittel an anderer Stelle in der Fläche fehlen werden, da nur für den RSR mehr Mittel nötig sind, als bisher für den Radverkehr insgesamt aufgewendet werden. Die laut einer ersten Kostenrechnung vom RVR für die Dortmunder Strecke nötigen 34. Mio. Euro sollte der Bund ohne Zweckbindung an die Kommunen auszahlen, damit die erst einmal notwendigeren Themen wie Schulwegsicherheit angepackt werden können, meint Harnisch. Der Radschnellweg Ruhr ist für ihn nur für wenige Leute interessant und kaum jemand würde von Hamm bis Duisburg mit dem Rad fahren. Dass das auf der A40 auch nicht anders sein dürfte, erwähnte er aber nicht. „Auf der Autobahn habe ich einen viel höheren Umsatz an Transportleistung als auf diesem Radschnellweg. Ich habe nichts dagegen, wenn man einen solchen Weg baut; dann muss man es aber so machen, dass man auf die vorhandene Infrastruktur zurückgreift.“ Auch bemängelte er, dass die potenziellen Anwohner im Kreuzviertel nicht gefragt wurden, was sie dazu sagen, und dass der Weg eher durch den Norden von Dortmund geführt werden müsste. Kowalewski hingegen sieht gar nicht ausreichend Infrastruktur vorhanden, auf die man aufbauen könnte und kann es nicht nachvollziehen, dass man bereit ist auf das Geld zu verzichten. Dazu gehört es für ihn, dass man das Umfeld mit betrachten muss. Aber auch Harnisch ist der Netzgedanke wichtig, denn für ihn bringt es nichts, einzelne Fahrradstraßen auszuweisen, wenn sie nach wenigen Metern wieder enden und nicht Teil eines Netzes sind.

Ingrid Reuter warf CDU und SPD bei dem Thema vor, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, denn sie würden auch nicht fordern, die BAB durch die City zu führen. Der Radschnellweg soll Verbindungen zwischen Städten und nicht in den Städten schaffen, erläutert sie. Sie findet es unfair, diese Systeme gegeneinander auszuspielen. „SPD und CDU haben in den letzen Jahren genug Zeit gehabt, die Radverkehrsinfrastruktur hier in Dortmund wesentlich zu verbessern.“ Sie verweist darauf, dass die Machbarkeitsstudie im RVR einstimmig beschlossen wurde und alle Bürgermeister in der Region dafür sind. Oliver Volmerich konnte sich an der Stelle nicht verkneifen, auf die 33 Mio. Euro zu verweisen, die der Stadtbahntunnel an der Ecke B1/Marsbruchstraße als punktuelle Maßnahme kosten würde und regte an, ob man nicht auch mal soviel Geld für ein Großprojekt des Radverkehrs ausgeben könne.

Am Ende der Podiumsdiskussion zweifelte Pisula an, dass Geschwindigkeitsbeschränkungen, an die sich eh keiner halte, mehr zur Verkehrssicherheit beitragen würden. Die Position veranlasste den Vorsitzenden des ADFC Dortmund, Werner Blanke, am Ende des Abends zu deutlichen Worten; er verwies darauf, dass nichts so effektiv die Unfallzahl verringert, wie eine Senkung der Geschwindigkeit.

Während der Diskussion mit den Besuchern zeigten sich alle Podiumsteilnehmer aufgeschlossen, eine Stellplatzsatzung zu verabschieden, die Fahrradstellplätze bei Neubauten verpflichtend vorschreibt. Kowalewski schlug vor, das noch als fraktionsübergreifenden Antrag vor der Wahl umzusetzen.

Am 11. 4. werden VCD und ADFC dann mit den Politikern zu positiven und negativen Beispielen auf Tour gehen. Genauere Infos hierzu gibt es auf unserer Homepage www.adfc-dortmund.de

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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6 Responses to Keine radverkehrspolitischen Visionen für Dortmund – Podiumsdiskussion zur Kommunalwahl

  1. avatar Pedelecer sagt:

    Scheinen ja nur Lippenbekenntnisse zu sein. Jeder schiebt dem anderen Versäumnisse zu und die mögliche Chance etwas zu tun wird zerredet! Es könnte ja sein, das es durch den Radschnellweg Ruhr doch noch mehr Leute auf das Rad steigen. Es soll ja Leute geben, welche Angst auf der Straße haben, aber durch ein solches Angebot könnte ja auch die Anzahl der Radfahrer steigen. Leider lese ich auch immer Radwege, ich frage mich ja immer, warum auf einer Straße nicht genug Platz für Radfahrer und Autos ist? Am Ende müssen wohl alle Radfahrer gegen die Radwege klagen, so wie in Hamburg:
    http://hamburgize.blogspot.de/2014/01/radfahrer-erringt-sieg-gegen.html
    Ich kann eines über das Pedelec schreiben: Es macht sehr viel Spaß und man kommt zügig vorwärts. Auch oder gerade bei Gegenwind. Kleines Beispiel: Früher mit dem Auto 18min zur Arbeit oder nach Hause, heute mit dem Pedelec 22min. Aber: Körperlich leicht angestrengt, keine Schlafprobleme, CO2 Reduktion und ein Wohlbefinden ohne Chemie oder Pharmazeutika.

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