Radfahren in Dortmund – aber sicher! – Ausblick auf 2014

Kinder zeigen den Flyer, im Hintergrunfd Erwachsene

Kampagnenstart von “Radfahren in Dortmund – aber sicher!” mit Verteilung von “Warum parkst du auf meinen Wegen”-Flyern (Foto: Stadt Dortmund)

Wie bei jeder Tätigkeit kann man sich auch beim Radfahren so verhalten, dass das Risiko eines Unfalls höher oder niedriger ist. Beim Radfahren geht aber ein nicht unerheblicher Anteil der Gefahren bei korrekter Fahrweise aktuell von Anderen aus. Das hatte ich in Gefahren für Radfahrer vermeiden – Weihnachtswunsch an die Stadt Dortmund vor ein paar Wochen bereits thematisiert.

Radfahren ist ansich ebenso wie zu-Fuß-gehen eine ziemlich gefahrenarme Angelegenheit im Gegensatz zum Autofahren; dies sieht der Gesetzgeber bekanntlich auch so und hat daher eine Gefährdungshaftung für Halter von Kraftfahrzeugen eingeführt. Anstatt an den Symptomen zu arbeiten und Radfahrern und Fußgängern immer mehr Schutzpflichten aufzuerlegen, sollte dieses zentrale Problem an der Ursache angegangen werden.

Es ist wichtig, dass die Gefahren, die nicht vom Radfahren als solches ausgehen grundsätzlich verringert werden und nicht die Radfahrer in die Pflicht genommen werden für eine Gefährdung ihrer selbst, die gar nicht von ihnen selbst ausgeht. Ich finde es als engagierter Bürger bedenklich, wenn Radfahren immer so dargestellt wird, als ob es an sich primär um eine gefährliche Aktivität handelt, die besondere Schutzvorkehrungen bedarf wie Kampagne für Helme, Westen etc. immer subtil mitkommunizieren. Damit trägt man nicht zur Stärkung des Radverkehrs bei – was die Stadt Dortmund ja lobenswerter Weise will – sondern erzeugt eher eine Vermeidungshaltung bei den Bürgern. […]

Ich würde es sehr begrüßen, wenn dieser Aspekt 2014 eine Rolle spielt neben den anderen wichtigen Themen wie Geisterradfahrer und fehlende bzw. falsche Beleuchtung von Rädern.

Ich hoffe, dass deutlich wird, dass ich meine, dass auch Radfahrer sich korrekt verhalten müssen und sich teilweise unnötig selber gefährden, z. B. durch Fahren auf Bürgersteigen oder ohne Licht. Schwarz-weiß-Bilder sind nicht so mein Ding.Am 8. 1. habe ich auch eine längere Antwort von der Stadt Dortmund bekommen und zwar sogar vom Leiter des Ordnungsamtes, Ingo Moldenhauer, persönlich. In diesem Schreiben betont er zu recht:

Radfahrerinnen und Radfahrer gehören neben Fußgängerinnen und Fußgängern zu den am wenigsten geschützten Verkehrsteilnehmern und bedürfen daher einer besonderen Fürsorgepflicht. Aus diesem Grund wurde gemeinsam von der
Polizei und dem Ordnungsamt der Stadt Dortmund das Projekt „Radfahren in Dortmund – aber sicher!“ initiiert.

Auch an den Zielen der Kampagne und dem Themenspektrum im ersten Jahr gibt es nicht wirklich etwas auszusetzen.

Als Themenschwerpunkte der Projektarbeit wurde festgelegt für das Radfahren zu werben, eine breite Akzeptanz des Radverkehrs in Dortmund nachhaltig zu sichern und die Unfallzahlen mit Beteiligung von Rad fahrenden
Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmern senken.

Dazu wurden im vergangenen Jahr vielfältige Aktionen durchgeführt. Dabei handelte es sich um die Schwerpunkte
·  Parken auf Radwegen
·  E-Bikes und Pedelecs
·  Radwegbenutzung entgegen der Fahrtrichtung
·  Unfallauffällige Bereiche
·  „Ja zum Helm“ und „Verkehrsicheres Fahrrad, verkehrssichere Bekleidung“.

Thematisch werden sowohl rechtliche und technische Aspekte, als auch Eigen- und Fremdgefährdung der Radfahrenden aufgegriffen, was zu einer ausgewogenen Themenwahl gehört. Durch den Weggang des ursprünglichen Koordinators lief das Projekt leider nicht wirklich richtig an und war vermutlich nur Insidern bekannt und die einzelnen Themenfelder beliefen sich meines Wissens nach auf einzelne Aktionen (s. “Warum stehst du auf meinem Weg? “- Flyer der Stadt Dortmund). oder fielen ganz flach (z. B. Geisterradfahrer).

Auf diese Kampagne den Rückgang an Fahrradunfällen im letzten Jahr zurückzuführen, wie es Günther Overbeck, Leiter der Direktion Verkehr der Polizei Dortmund, laut dem heutigen Bericht “Sicher unterwegs” von Oliver Volmerich in den Ruhr Nachrichten Dortmund (nicht online) macht, ist mehr als mutig. Das wochenlang der Fahrradverkehr ausgremst wurde, weil es bei Schnee und Eis kein stadtweites Radroutennetz gibt, spielt sicherlich eine größere Rolle als eine Kampagne unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Das der Stadtverwaltung wirklich etwas am Thema Radverkehr liegt (auch wenn sie vielleicht anderer Ansicht ist als ich ;-)), zeigt sich für mich daran, dass man dieses Jahr trotz beschränkter personeller und finanzieller Ressourcen wieder einen Anlauf startet, die Kampangne mit Leben zu füllen, wie mir Moldenhauer schreibt.

Auch in diesem Jahr sind weitere Aktionen geplant. Unter dem Motto: “Radfahren in Dortmund, aber sicher!“ präsentieren die Projektinitiatoren am 28.03.2014 Wissenswertes und Informatives rund um das Thema Sicherheit beim Radfahren.

Pünktlich zum Beginn der Fahrradsaison laden die Veranstalter gemeinsam mit zahlreichen Kooperationspartnern in die Berswordthalle ein. Ab 10.00 Uhr haben alle interessierten Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, sich über Sicherheit im Straßenverkehr zu informieren, Wissenswertes über lichtreflektierende Fahrradbekleidung zu erfahren und auszuprobieren, wie ein Helm wirklich richtig sitzt.

Zahlreiche Attraktionen rund um das Thema Fahrradsicherheit bieten einen informativen und unterhaltsamen Start in die Fahrradsaison. Neben den auf die Zielgruppe abgestimmten kostenfreien Angeboten soll auch die allgemeinen Sicherheit und Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmerinnen und Teilnehmer Berücksichtigung finden. Neben dem Ordnungsamt und der Polizei haben auch externe, fachkundige Kooperationspartner ihre Mitwirkung an der Veranstaltung angekündigt.

Als jemand der vom 1.1. bis 31.12. in Dortmund Fahrrad fährt, irritiert mich immer wieder die Rede von einer Fahrradsaison. Die gibt es nicht, wie es auch keine Autosaison gibt. Es gibt nur eine Fahrradtourismussaison. Aber das ist ein anderes Thema und ich verzichte auf eine weitere Erörterung dieses Problems an dieser Stelle und möchte den Blick nochmal auf die Themenwahl lenken.

Schon wieder soll das Thema Fahrradhelm thematisiert werden, obwohl Fahrradhelme nur bei vergleichsweise harmlosen Stürzen eine beschränkte Schutzwirkung entfalten können. Wenn ein Autofahrerin mit Tempo 50 einen Radfahrer erwischt, wenn ein LKW-Fahrer beim Abbiegen eine Radfahrerin übersieht und überfährt etc. – also bei den lebensgefährlichen und tödlichen Unfällen – hilft ein Helm auch nicht. Und selbst wenn die Unfallfolgen gemildert werden, wäre es immer noch besser, wenn es gar nicht erst zu einem Unfall käme. Entsprechend ist es im deutschen Recht auch so, dass bei der Gefahr und nicht bei dem Gefährdeten angesetzt werden muss. Nochmal: Regelkonformes Radfahren ansich ist keine gefährliche Sache (vom Fahren auf manchen immer noch rechtswidrig ausgeschilderten Radwegen abgesehen), so dass jegliche Diskussion einer moralischen oder juristischen Helmpflicht Nebelkerzenzünden ist, um von den eigentlichen Gefahren abzulenken, wie z. B. dem hohen Tempo im Stadtverkehr. Nach einem Bericht der Ruhr Nachrichten vom 29. 1. 2014 ist eine Raserquote von 13,8 Prozent bei Geschwindigkeitskontrollen in einer Tempo 50-Zone völlig normal in Dortmund. Also für mich gibt es da deutlichen Handlungsbedarf.

Helme erhöhen vielleicht noch das Sicherheitsempfinden des Trägers und der Autofahrer (“Der ist ja durch einen Helm geschützt”), weswegen diese dann (unbewusst) weniger Rücksicht nehmen, was im schlimmsten Fall in der Summe zu einem Verlust an Fahrqualität und Sicherheit führt. Ähnlich ist das Problem, wenn es um helle Kleidung geht. Wer im hellen Licht eines Autoscheinwerfers eine Person in dunklen Kleidern nicht sieht, wird sie auch höchstwahrscheinlich in heller Kleidung auch nicht sehen. Wenn ich nicht wahrgenommen werde, kann ich das nicht dadurch ändern, dass ich was anderes anhabe.

Auch in dem Bericht in den Ruhr Nachrichten Dortmund heißt es, dass an dem Aktionstag die Radfahrer angehalten werden sollen, selbst die primäre Verantwortung für ihre Sicherheit zu übernehmen – obwohl durch einen Helm kein Übersehen werden verhindern werden kann und er auch kein Auto abbremst. Hier werden Verantwortlichkeiten verlagert. Derjenige, der andere gefährdet, muss die Gefahr beseitigen. Der Zoo baut ja auch den Zaun um das Löwengehege und nicht jeder Hausbesitzer einen Zaun um sein Grundstück, falls der Zoo-Löwe mangels Zaun im Zoo vorbeischaut. Daneben kommuniziert dieses beständige Mantra “Verantwortungsbewusste Radfahrerende tragen Helm” immer auch mit, dass Radfahren gefährlich sei (sonst bräuchte es ja keine Helme wie auf einer Baustelle oder beim Wildwasser-Kanu oder in einem Bergwerk).

Ein gut sitzender Helm, ausreichende Beleuchtung und gute Bremsen – Radfahrer können selbst viel für die eigene Sicherheit tun.  […] Und selbst, wer vorbildlich einen Fahrrad-Helm trägt, […] Tipps für die richtige Helmeinstellung sind dann auch ein wichtiges Thema beim Aktionstag.

Und dann werden da noch mehr Nebelkerzen in dem Artikel gezündet, was mich wundert, da der Autor Volmerich ansonsten sehr kompetent über das Thema Radverkehr berichtet.

Ein eher jüngeres Problem ist das Thema Hör- und Sichtbehinderung. Dahinter verbirgt sich die Unsitte, dass immer mehr Radler während der Fahrt Musik per Kopfhörer hören.

Gibt es demnächst auch Aktionen gegen Autoradios von der Stadt Dortmund? Die Anlagen in motorisierten Fahrzeugen übertreffen jeden mp3-Player bei weitem an Lautstärke und Fahrer von geschlossenen Fahrzeugen hören durch Metall, Glas und Kunststoff sowie bei mehr Fahrgeräuschen eh schon weniger als Radfahrende, so dass dort ein Verbot von Musik zuerst kommen müsste, wenn man eins bei Radfahrenden wollte. Im Gegensatz zur Nutzung des Handys außer mit der Freisprecheinrichtung ist Musikhören zudem beim Radfahren genauso wenig verboten wie es beim Autofahren nicht verboten ist.

Wichtiger sind Themen wie das im letzten Jahr angegangene Thema der zugeparkte Radwege. Dem Bericht in den Ruhr Nachrichten zufolge gibt es da Fortschritte:

Vor allem Fahrer von Lieferdiensten nehmen inzwischen Rücksicht auf die Radwege und halten eher auf der Fahrbahn. PKW-Fahrer scheinen da schwerer erreichbar zu sein, stellen die Experten von Polizei und Stadtverwaltung fest.

Das wichtige Wort eher sollte man nicht überlesen, denn es sind nur einzelne Lieferwagen, die korrekt auf der Fahrbahn halten und nicht auf dem Radweg und/oder Bürgersteig. Ich warte dabei immer noch darauf, dass ich endlich mal einen der grünen städtischen Wagen korrekt auf der Fahrbahn oder auf Parkplätzen parken sehe, wenn die städtischen Arbeitstrupps etwas erledigen.

Ich würde es begrüßen, wenn dieses Jahr nicht das Helmthema schon wieder dran kommt. Das ist nur eins von vielen möglichen Themen. Dem Bericht der Ruhr Nachrichten zu folge, soll es dieses Jahr auch darum gehen, dass viel Menschen nach Jahren ohne Radfahren auf ein Pedelec umsteigen und dann das flott fahrende Rad nicht wirklich beherrschen. Wie ich finde, ist das auch ein legitmes Thema.

Ein bisschen kommt die Freude und das Positive bei all dem Kreisen um die Versuche jegliches Risiko zu minimieren, dass man scheinbar aufheben kann, zu kurz.

Eine ausgewogener Themenkanon für dieses Jahr könnte z. B. sein:

  • Wiedereinsteiger und Pedelec – Vorschlag der Stadt
  • Zu dichtes Überholen von Radfahrern (Kontrollschwerpunkt der Polizei) – mehr dazu demnächst im Blog
  • StVO-korrektes Fahrrad (mit entsprechenden Kontrollen natürlich)
  • Benutzungspflichtige und nicht benutzungspflichte Radwege (da kennen sich ein Großteil der Bevölkerung nicht aus), s. z. B. Neujahreswunsch
  • Das richtig geparkte Dienstauto der Stadt als Vorbild
  • Fahrrad und Film (in Zusammenarbeit mit dem internationalen Fahrrad Filmfestival in Herne)
  • Sonntagsausflug ins Grüne – Die Dortmunder BuGa-Touren
  • Fahrräder sicher abstellen

So würden die beiden Dimensionen des “… aber sicher!” zum Tragen kommen.

Ergänzung 05. 02. 2014 01:40

Wie sicher Radfahren ist, zeigen Statistiken, die auf cyclehelmets.org gesammelt wurden.

Corrigenda 05. 02. 2014 12:10

Bei “Benutzungspflichtige und nicht benutzungspflichte Radfahrer” soll es natürlich Radwege heißen. Danke an Karsten für den Hinweis. Ist korrigiert.

 

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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5 Kommentare zu Radfahren in Dortmund – aber sicher! – Ausblick auf 2014

  1. avatar Karsten Obrikat sagt:

    Danke für diesen exzellenten Artikel, er trifft den Nagel auf den Kopf.

    Nur “benutzungspflichtige Radfahrer” musst Du mir noch erklären. 😀

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