Straßen NRW: Absteigen um Grün anzufordern ist zumutbar für Radfahrende

Links Radweg, rechts Fußweg - Ampel mit Anforderungsknopf steht rechts vom Fußweg

Anforderungsknopf an Bedarfsampel unerreichbar – Straßen NRW-Planung 2013 an der Anschlussstelle Dortmund-Barop (Foto: Norbert Paul)

Der Neubau der Schnettkerbrücke und der Bau der Anschlusstelle Dortmund-Barop bieten viel spannendes Anschauungsmaterial für diesen Blog zum Themenbereich fahrradunfreundliche Planung und Planungsfehler.

So gibt es an einer Stelle eine Fußgänger- und Radfahrer-Bedarfsampel, die vom Rad aus beim besten Willen nicht erreichbar ist, da sie rechts neben dem rechts gelegenen Fußweg steht.

Man muss also entweder

a) illegal über den Fußweg fahren zum Anforderungstaster

oder

b) illegal bei rot fahren

oder

c) warten bis zufällig einer der fast nie anzutreffenden Fußgänger_innen kommt und Grün anfordert

oder

d) absteigen und zum Anforderungsknopf gehen

Ich erwarte ja nicht gleich eine vorbildliche Lösung wie in Assen, aber alltagstauglich und rechtssicher sollte es schon sein.

(Via Verkehrswende Mönchengladbach – treehugger.com)

Auf Anfrage für adfc-blog.de erklärt mir Straßen NRW:

…, dass ähnliche Situation an so gut wie an jedem Übergang, der mit Radfahrerfurten und einer barrierefreien Gestaltung für Seh- und Gehbehinderte ausgestattet ist, wiederzufinden ist.
Die Größe der Furt erschwert die Standortfestlegung des Signalmastes, da zum einen die Anforderungmöglichkeit für den Sehbehinderten anhand der Leitelemente gegeben sein muss und zum andern für Gehbehinderte (Rollatorfahrer/Rollstuhlfahrer) gut zugänglich sein muss. Infolgedessen werden an solchen Übergängen die schwächeren Personengruppen bevorzugt behandelt, womit der Maststandort und die Anforderungsmöglichkeit nach deren Bedürfnissen festgelegt wird. Die Radfahrer müssen leider in solchen Fällen absteigen und zum Anfordern gehen.

(Um Tippfehler korrigiert)

Meine Damen und Herren, darf ich bitten … :-)

Das Problem würde erst gar nicht existieren, wenn Straßen NRW bei der Planung die Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen (RASt 06) als Standardwerk berücksichtigt hätte:

Zur Überquerung von Knotenpunktarmen werden straßenbegleitende Radwege und Radfahrstreifen auf nicht abgesetzten Radfahrerfurten geführt. […] Die Signalisierung erfolgt gemeinsam mit dem Kraftfahrzeugverkehr. (S. 112)

Oder konkreter findet man bei Beispielsituationen die Hinweise:

Der Radverkehr wird in der Knotenpunktzufahrt auf die Fahrbahn geführt und erhält einen Radfahrstreifen mit vorgezogener Haltlinie zum direkten Linksabbiegen. (S. 66)

Der Radweg wird in der Knotenpunktzufahrt in einen Radfahrstreifen mit vorgezogener Haltlinie überführt. Linksabbiegen für Radfahrer kann dann optional indirekt erfolgen. (S. 66)

Der Radweg wird in der Knotenpunktzufahrt in einen Radfahrstreifen mit vorgezogener Haltlinie überführt. (S. 66)

Der Radweg wird in der Knotenpunktzufahrt in einen Radfahrstreifen mit vorgezogener Haltlinie überführt, Linksabbiegen für Radfahrer kann optional indirekt erfolgen. (S. 68)

Der Radverkehr hätte eigentlich anders geführt werden müssen. Aber selbst wenn wir das bei Seite lassen, ist das nicht richtliniengerecht: Ein Taster ist bei einer Bedarfsampel nicht die erste Wahl für den Radverkehr. Induktionsschleifen für Radfahrer sind nach den Richtlinien für Lichtsignalanlagen (RiLSA 2010) als der aktuell gültigen Richtlinie für die Errichtung und den Betrieb von Ampeln der empfohlene Standard:

Radfahrer werden durch schmale Induktivschleifen mit Richtungserkennung in schräger Anordnung erfasst. Aufgrund des geringen Metallanteils moderner Fahrräder kann es auch sinnvoll sein, Radfahrer über Taster oder andere Detektoren zu erfassen. (S. 38)

Mit einer Induktionsschleife müsste keiner absteigen, um Grün anzufordern. Vermutlich kann ich risikolos eine hohe Belohnung aussetzten für den, der mir eine von Straßen NRW zu verantwortende Ampel zeigt, bei der Autofahrer aussteigen müssen, um Grün anzufordern, weil dies dem Schutz von schwächeren Verkehrsteilnehmern dient. :-D

Zudem wäre eine getrennte Signalisierung von Fuß- und Radverkehr hier bei den gegebenen baulichen Umständen nach den RASt 06 eh überlegenswert, denn diese wird  an großräumigen Knotenpunkten empfohlen. (S. 113) So wäre eh eine getrennte Anforderung nötig und man könnte den Taster – wenn es denn ein Taster sein soll – links vom Radweg aufstellen. Dabei soll den Radfahrenden

 … die Überquerbarkeit von Inseln ohne Zwischenhalt ermöglicht werden (S. 113)

Ampelanlage an der Anschlusstelle Dortmund-Barop der A 40 - nördliche Seite - Rotphase (Foto: Philipp R.)

Ampelanlage an der Anschlusstelle Dortmund-Barop der A 40 mit Bedarfsampel mitten auf dem Fußweg und abseits vom Radweg (Foto: Philipp R.)

Ähnlich sehen es die RiLSA 2010, die eine Grüne Welle für Radfahrer beim Überqueren der Kreuzung empfehlen (S. 44). Generell empfehlen sie, bei der Planung von Grünen Wellen für den Autoverkehr den Radverkehr mit zu berücksichtigen trotz der großen Geschwindigkeitsunterschiede der Radfahrenden. (S. 46)

Weil es so schön ist, gibt es in der Gegenrichtung eine ähnlich gelungene Planung (s Bild rechts).

Und dann empfehlen die RASt 06 außerdem:

Borde an Radfahrerfurten sind nach Möglichkeit auf 0 cm abzusenken. (S. 114)

Schön wär’s.

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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3 Antworten zu Straßen NRW: Absteigen um Grün anzufordern ist zumutbar für Radfahrende

  1. avatar Christoph S sagt:

    Eine Frage der Prioritäten:
    Mit der eigenen Begründung:
    “Infolgedessen werden an solchen Übergängen die schwächeren Personengruppen bevorzugt behandelt, womit der Maststandort und die Anforderungsmöglichkeit nach deren Bedürfnissen festgelegt wird.”

    könnte Straßen NRW auch folgendermaßen weitermachen:
    “Die KFZ-Fahrer müssen leider in solchen Fällen aussteigen und zum Anfordern gehen.”

  2. Pingback: Grüne Welle für Fußgänger | ADFC Blog

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