Unfallstatistiken und ihre Tücken [mit Update]

(Foto: Tom Nero, Lizenz: CC BY-NC-ND 3.0)

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Das mit der richtigen Lektüre von Statistiken ist gar nicht so kompliziert und wird trotzdem immer wieder falsch gemacht. Malte Hübner kommentiert auf radverkehrspolitik.de aus aktuellem Anlass eine offensichtlich fehlerhafte Statistik-Analyse.

Man wird allerdings auch nicht so richtig aus der Aussage des Innenmisters schlau: Offenbar zielt er mit seiner Aussage auf die Wirksamkeit des Fahrradhelmes ab und möchte suggerieren, dass ein wesentlicher Teil der getöteten Radfahrer ihren Unfall mit Kopfschutz überlebt hätte. Nun beträgt die ungefähre Tragequote des Fahrradhelmes bundesweit insgesamt etwa zehn Prozent. Wenn siebzig Prozent der getöteten Radfahrer keinen Helm trugen [wie der Minister beklagt], waren also umgekehrt dreißig Prozent der getöteten Radfahrer mit einem Fahrradhelm unterwegs. Dieser Unterschied von immerhin zwanzig Prozentpunkten ist deutlich mehr als eine statistische Ungenauigkeit, das muss etwas zu bedeuten haben. Wenn ein Fahrradhelm tatsächlich lebensrettend eingreift, dürften doch eigentlich nur grob geschätzte fünf Prozent der tödlich verunglückten Radfahrer einen Helm getragen haben, dann wäre immerhin jeder zweite dank seines Kopfschutzes noch am Leben. Vielleicht ist das Risiko, mit einem Fahrradhelm tödlich zu verunglücken, deutlich höher als ohne Fahrradhelm.

Für eine korrekte Interpretation bräuchte man, wie er richtig anmerkt, genauere Daten. Aber der gezogene Schluss des Ministers ist ganz sicher nicht korrekt.

Update 01. 03. 2014 00:47

Im Artikel “Helm, erwähnt aber machtlos (20)” analysiert der PresseRadler die Statistik noch detaillierter:

30% der getöteten Radfahrer trugen einen Helm. Im PDF findet man folgende Aussage: 2012 trugen über alle Altergruppen hinweg 13% der Radfahrer einen Fahrradhelm. […] Verlässt man sich auf die Zahlen, so scheinen diese eher dafür zu sprechen, dass Radfahrer mit Helm einem höheren Risiko ausgesetzt sind und sogar eher sterben, als sie dies statistisch gesehen überhaupt dürften.

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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2 Responses to Unfallstatistiken und ihre Tücken [mit Update]

  1. avatar Heribert Adamsky sagt:

    Sehr gut herausgearbeitet! Angenommen, der erhöhte Anteil von Helmträgern bei den tödlich Verunglückten sei wirklich statistisch signifikant, dann könnte eine mögliche Erklärung sein, dass die Risikogruppen Kinder und Senioren eine höhere Helmtragequote haben als der Rest der Radfahrer. Das ist eine Hypothese, die man mit statistischen Untersuchungen prüfen oder widerlegen kann. Über die Schutzwirkung von Helmen wäre damit aber noch nichts gesagt. Denn Statistik kann Aussagen über die Korrelation von Merkmalen machen, nicht aber über kausale Zusammenhänge. (Gedankenexperiment: Wenn alle Radfahrer blaue Räder führen, dann träfe das auch auf jeden töglich verunglückten Radfahrer zu. Daraus folgt aber nicht, dass blaue Fahrräder tödliche Risiken bergen.)

    Jede statistisch ermittelte wenn-dann-Aussage muss mit realwisschenschaftlichen Untersuchungen überprüft werden. Bei Helmen etwa medizinisch. Doch selbst dann ist Vorsicht angesagt. Aber selbst wenn ein Helm das medizinische Risiko tödlicher Kopfverletzungen bei einem Unfall verringern sollte, würde das noch nicht bedeuten, dass mit steigender Helmtragequote die Zahl an tödlichen Köpfverletzungen gestorbener Radfahrer sinkt. Denn Helmtragen könnte ja die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Unfalls erhöhen (Risikoverhalten von Radfahrern und Autofahrern) und eine Helmpflicht den Radfahreranteil auf den Straßen senken mit der Folge, dass sie weniger sichtbar sind und fahrradfreundliche Verkehrsraumgestaltung niedrigere priorisiert wird, was wiederum das Unfallrisiko für Radfahrer erhöhen könnte.

    Ich hoffe, ich habe deutlich machen können, wie kompliziert es ist, seriöse Aussagen über den Nutzen des Helmtragens zu machen. Persönlich glaube ich, dass die Frage nicht zu beantworten sein wird. Für mich ist das ein hinreichender Grund, von einer Helmpflicht die Finger zu lassen. Denn sie würde das Radfahrern unattraktiver machen, und das will hier wohl keiner. Statt einen Teil unserer Energie auf eine Helmpflichtdebatte zu verschwenden, sollte unsere Gesellschaft sich darauf konzentrieren, unsere Städte lebenswerter zu machen. Das geht nur mit weniger Autos und mehr Rad- und Fußverkehr.

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