Wie der Helm regelmäßig in die Polizei-Pressemitteilungen kommt – eine zufällig gefundene Erklärung

Freizeitbad Heveney (Foto: Frank Vincentz, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Freizeitbad Heveney (Foto: Frank Vincentz, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Der sich regelmäßig kritisch zu Medienberichten äußernde Blog radverkehrspolitik.de ist wohl nach erneut drohenden juristischen Auseinandersetzungen mit kritisierten Medien offline. Vor dem Hintergrund sehen sich die Macher_innen von PresseRad darin bestärkt, anonym zu bloggen.

Und es dient uns leider gleichzeitig als Bestätigung dafür, mit der für dieses Blog gewählten Anonymität die sicherere Vorgehensweise gewählt zu haben.

Die Jungs und/oder Mädels vom PresseRad-Blog bewegt die aus ihrer Sicht erstaunlich undifferenzierte, Fakten verzerrende und häufige Erwähnung von Fahrradhelmen in Presseartikeln und den ihnen zugrundeliegenden Pressemitteilungen der Polizei. Daher äußern sie regelmäßig ihren Unmut über den starken Fokus auf das Helmtragen bzw. Helmnichttragen, während andere, mutmaßlich wichtige Aspekte häufig keine Erwähnung finden. Auch mich irritierte vor einigen Wochen die Helm-Thematisierung in einem Bericht von derwesten.de (via PresseRad – Radverkehrspolitik). Wie es die journalistische Sorgfalt erfordert, begann ich mit der Recherche, um nicht aufgrund eines einzelnen Artikels zu spekulieren und zu schimpfen. :-)

Derwesten.de berichtete, dass die Freizeitzentrum Kemnade GmbH nach einem Unfall zwischen einer Inlineskaterin und einer Fahrradfahrerin eine Helmpflicht in dem Freizeitgebiet rund um den See prüfen lassen wolle. Nach dem Unfall wird es aber auf jeden Fall Maßnahmen geben, kündigte der Geschäftsführer Wilfried Perner gegenüber derwesten.de an: „Wir werden Schilder aufstellen, auf denen stehen wird: Bitte Helm tragen.“ Da es nicht erwartbar ist dass Menschen einen Helm mitsich führen, falls sie plötzlich gebeten werden einen zu tragen, klingt das Schild mehr nach dem Versuch sich rechtlich abzusichern. Auch wenn die Schilder – hoffentlich – bedeutungslos sind, erhöhen sie den sozialen Druck, einen Helm zu tragen, und verstärken – was ich viel bedeutsamer finde – die Ansicht, Fahrradfahren sei überdurchschnittlich gefährlich und deshalb nur in Reservaten (aka Fahrradwege – natürlich von den Autofahrern finanziert) mit Schutzausrüstung möglich (und somit eine Beschäftigung für risikofreudige Zeitgenossen, die als Kampfradler sicherheitsbewusste Autofahrende und Fußgänger_innen gefährden.). Von der grundsätzlichen Problematik abgesehen, bekommt das Ganze noch eine besondere Bedeutung dadurch, dass das Gelände frei zugängliche ist und dabei auch noch ein wichtiges Naherholungsgebiet ist, durch das auch der Ruhrtalradweg führt. Vorangegangen war der Überlegung auch die Beschwerde eines einzelnen Bürgers über zu hohe Geschwindigkeiten, so derwesten.de

Der Unfall ereignete sich, so derwesten.de, an einer Stelle, an der die übliche Trennung von Fußgängern, Radfahrern und Inlinern nicht möglich ist. Schilder bitten um gegenseitige Rücksichtnahme.

Den Grund des Zusammenpralls mag [Pern]er dennoch nicht begreifen: „An der Unfallstelle ist der Weg etwa 20 Meter breit. Mir ist es ehrlich gesagt ein Rätsel, wie man dort zusammenstoßen kann.”

Auf Anfrage für adfc-blog.de erklärt Perner: “Nach unserer Kenntnis gab es in der Vergangenheit glücklicherweise kaum schwere Unfälle auf den Wegen am Kemnader See.” Im Bericht von derwesten.de wird auch erwähnt, dass beide beteiligte Frauen keinen Helm trugen. Wie der Helm den Zusammenstoß verhindern hätte können, wird leider nicht berichtet. Auch die Art der Verletzung geht nicht aus dem Bericht hervor, der vermutlich auf der Pressemitteilung der Polizei beruht. Auf Anfrage für adfc-blog.de berichtet Kristina Räß, Pressesprecherin der zuständigen Polizeidirektion Bochum:

Eine Beteiligte ist bei dem beschriebenen Unfall auf den Hinterkopf gefallen, was leichte Verletzungen nach sich zog. Dies wäre mit dem Tragen eines Helmes vermutlich vermeidbar gewesen.

Genau bei solchen vergleichsweise glimpflichen Unfällen kann ein korrekt getragener Fahrradhelm Unfallfolgen im Kopfbereich mildern – nicht mehr, aber auch nicht weniger.  Zu mehr Sicherheit im Verkehr trägt ein getragener Helm aber nicht bei*. Ob eine verunglückte Person einen Helm trug oder nicht, ist aus meiner Sicht nicht für die Sicherheit relevant. Von Bedeutung ist hingegen, ob sich der Unfall ereignet oder eben nicht ereignet. Sicherheit bedeutet die größtmögliche Abwesenheit von Gefahren als potenzielle Unglücke und sich in tatsächlichen Unglücken konkretisierten Gefahren. Die Frage der Sicherheit hängt ganz stark davon ab, ob alle verbindlichen Regeln insbesondere aus der StVO von allen eingehalten werden. (s. dazu den Post Polizei Essen: Unfallflucht des Radfahrers thematisiert, mutmaßlicher mangelnder Abstand der Autofahrerin nur indirekt erwähnt). Die Nutzungsquote von Unfallfolgenmilderungshilfen hingegen sagt nichts über die Sicherheit aus. Selbst die Frage der Oberflächenbeschaffenheit ist für die Frage der Sicherheit bedeutungsvoller, denn sie kann u. U. Stürze verursachen. Ein Helm kann dann nur noch die Folgen mildern.

Obwohl, so Räß optimistisch, das Tragen eines Helmes schwerwiegende Verletzungen nicht gänzlich verhindern könne und es

zum Thema Sicherheitshelm [sic!] oder nicht, […] diverse Gerichtsurteile, divergierende Meinungen und Rechtsprechungen [gibt],

ist die Polizei Bochum der Ansicht, dass

vordergründige Verletzungen des Kopfes durch das Tragen eines Schutzhelmes soweit wie möglich zu vermeiden [sind].

Diese Sicht

leitet sich mithin am gesunden Menschenverstand und Erfahrungswerten ab (Ein Eishockeyspieler geht auch nicht ohne Helm ins Spiel, da ein Puck Verletzungen hervorrufen kann…- was in diesem Fall auch verboten wäre),

erläutert Räß auf die Frage nach rechtlichen Grundlage der Quasi-Helmpflicht hin die Haltung der Polizeipressestelle. Das Erwähnen des nicht getragenen Helms begründe sich einerseits aus dieser sich aus der Sache selbst genuin herleitenden Helmpflicht und anderseits daraus, dass die Polizeipressestelle sich per Erlass dazu gehalten sehe in Veröffentlichungen über getragene Helme und Schutzvorrichtungen zu informieren.

Wir informieren unter Beachtung des geltenden RdErl. d. Ministeriums für Inneres und Kommunales – Az. 401 – 58.02.05 v. 15.11.2011 für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Polizei Nordrhein Westfalen, ob eine Schutzvorrichtung getragen wurde oder nicht.

In dem Erlass heißt es unter <4.1.2 Inhalt der Presseauskünfte> ohne das dort oder anderswo Helme explizit thematisiert werden:

Über Vorfälle im Zusammenhang mit dem Straßenverkehr wird nach Möglichkeit so berichtet, dass die Mitteilungen an die Medien zugleich verkehrssicherheitsfördernd und -aufklärend wirken.

Dadurch sieht sich die Pressestelle der Polizei Bochum verpflichtet, nicht getragene Fahrradhelm zu erwähnen, obwohl dort nichts von Unfallfolgenmilderungshilfen – zu denen wie gesagt der Helm gehört –  steht.


* Indirekt kann es einen Einfluss auf die Verkehrssicherheit geben, wenn das Helmtragen das Verhalten von Radfahrer_innen oder auch das von Autofahrer_innen verändert indem z. B. risikoreicher gefahren wird oder mit geringerem Abstand überholt wird, weil der Radfahrende vermeitlich sicher sei.

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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6 Antworten zu Wie der Helm regelmäßig in die Polizei-Pressemitteilungen kommt – eine zufällig gefundene Erklärung

  1. avatar mkorsakov sagt:

    Sehr schade, dass die verkehrssicherheitsfördernde PMs sich immer nur auf die ›schwächeren‹ Verkehrsteilnehmenden beziehen, statt auch mal verkehrsaufklärend an die ›stärkeren‹ motorisierten Teilnehmer zu appellieren.

  2. avatar Markus MK sagt:

    Die Halswirbelsäule gehört auch zum Kopfbereich. Ich möchte selbst aus dem Stand nicht mit dem spitzen nach hinten zulaufenden Fahrradhelm auf den Hinterkopf fallen.
    @mkosakov: also Radfahrende sind aber nicht die “schwächeren” Verkehrsteilnehmenden. Wie hieß es beim VCD… “Hirn an, Motor aus” oder so ähnlich…?

  3. Pingback: Gothaer2Know | Brauchen wir eine Helmpflicht für Radfahrer?

  4. avatar Markus MK sagt:

    Es ist doch verwunderlich, dass ausgerechnet auf der ADFC-Blog-Seite ein Pingback vom Blogs eines Versicherungskonzerns erscheint. Welch gruseliges Eigenleben! ;-)
    Natürlich brauchen wir keine Helmpflicht – auch nicht durch die Hintertür via Rechtsprechung.
    Es ist sicher nicht Intention des ADFC-Blogs, Unfallverursachenden und ihren Versicherungen eine Plattform zu verschaffen, die nicht mehr als ihr Konto schützen wollen und unschuldige Radfahrende auf ihrer Teilschuld sitzen zu lassen.
    Die Schutzwirkung für den Kopf macht mit theoretischen 2 % den Kohl nicht fett.
    Kopfverletzungen sind alle Verletzungen oberhalb der Schulter. Was der Fahrradhelm dort schützt, ist nicht viel. Und die Story mit dem Motorradhelm ist ja wohl ein schlechter Witz.

  5. Pingback: Ein flüchtendes Auto und andere eigenmächtig handelnde Kraftfahrzeuge in Mitteilungen der Polizei Dortmund | ADFC Blog

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