Radverkehr in Zahlen 1: Die “Fahrradfahren in Deutschland”-Studie

Ende April hat der Rose Versand zum Beginn der Fahrradsaison – btw: Warum spricht selbst der Fachhandel nicht korrekterweise von Fahrradtourismussaison? – seine dritte “Fahrradfahren in Deutschland”-Studie veröffentlicht. In der Überschrift der Pressemitteilung hieß es: “Radhelme werden in fünf Jahren Standard sein / Gesetzliche Helmpflicht wird mehrheitlich abgelehnt”. Klingt nach dem Ergebnis einer Hochrechnung der Helmtragequote in der Studie, oder?

Spätestens in fünf Jahren, so prognostiziert knapp jeder dritte Deutsche (29 Prozent), wird ein Helm auf dem Asphalt genauso zur Standardausrüstung gehören wie ein Skihelm im Schnee. Der Grund: 38 Prozent der Befragten haben Angst vor Kopfverletzungen, fast die Hälfte (44 Prozent) möchte Kindern ein Vorbild sein und 84 Prozent fühlen sich mit Helm sicherer. Jeder Sechste (17 Prozent) trägt einen Helm, weil er tatsächlich schon einmal einen Radunfall hatte.  […] Für die nachwachsende Generation wird es ganz normal sein, einen Helm zu tragen – genau wie auf der Skipiste“, kommentiert Thorsten Heckrath-Rose, Geschäftsführer der Rose Versand GmbH.

Ach nee, jeder fünfte Befragte erwartet das nur. Gefragt worden war ausweislich der selektiven Studiendokumentation

  • Beim Skifahren ist ein Helm inzwischen Standard und man sieht nur noch selten Skifahrer ohne Helm. Was schätzen Sie, wann sich dieser Trend auch auf dem Asphalt durchsetzen wird?

Die Frage – auf der ja die Prognoseaussage aufbaut – halte ich aufgrund der Gleichsetzung von Fahrrad- und Skihelm für die Sicherheit und dem unbewiesenen Postulat, dass es irgendwann so kommen werde, nicht für gelungen. Auch legt sie nahe mit einem kurzen Zeitraum zu antworten. Und dann wird in der Pressemitteilung den Befragten auch noch die Frageeinleitung als Meinung in den Mund gelegt.

Oder wurde ein helmaffines Publikum befragt, das von sich auf andere schließt? Das ist möglich, da die Studie nicht als repräsentative Studie bezeichnet wird. Auch die Durchführung als Online-Befragung spricht gegen Repräsentativität. Eine Anfrage für diesen Bericht zur Repräsentativität hat Rose nicht beantwortet.

Entsprechend wurden auch bei der Helmtragequote mit der Studie überraschend hohe Werte ermittelt.

[…] Aktuell schützen sich bereits 38 Prozent der Deutschen mit einem Helm. Dabei sind es insbesondere die Männer, die regelmäßig einen Helm tragen (42 Prozent – bei den Frauen sind es 34 Prozent). Genau wie die Sportfahrer: Hier fahren 59 Prozent nicht mehr ohne Helm. Das sind Ergebnisse aus der dritten Auflage der Studie „Fahrradfahren in Deutschland“.

(Abbildung: ROSE Versand GmbH)

(Abbildung: ROSE Versand GmbH)

Anderseits gibt es in der statistischen Forschung das Problem, dass viele Befragte dazu neigen auf Fragen wie die gestellten Fragen

  • Tragen Sie beim Fahrradfahren einen Helm?
  • Warum tragen Sie einen Helm?

nicht wirklich ehrlich zu antworten sondern sich dabei von den Annahmen, welche Antworten erwünschter sein könnten, unbewusst leiten lassen. Dieser Effekt könnte auch bei der ersten Frage eine Rolle gespielt haben, denn die gesellschaftliche Großwetterlage sieht im Helmtragen ein positives Verhalten. Welcher Helmträger ist nicht schon mit einem “Sogar vorbildlich mit Helm …” begrüßt worden? Das Phänomen wird vermutlich auch bei der in der Studie gestellten Frage “Warum ziehen Sie das Rad dem Auto vor?” aufgetreten sein; dort wurden “Ist gesund” und “umweltfreundlich” am häufigsten genannt. Genau zu dieser Thematik schrieb vor kurzem Andrea Reidl auf Velophil völlig zu Recht aus meiner Sicht.

Haupttriebkraft sei der Wunsch, “mehr Gutes für uns und die Umwelt zu tun”. Ich bezweifle, dass dieses lobenswerte, aber eben auch sehr nüchterne Argument Menschen wirklich aufs Rad zieht. Einfach, schnell und bequem muss Radfahren sein, dann setzen sich die Menschen auf Fahrrad.

(Via PresseRad@Twitter)

Inhaltlich nicht nachvollziehbar finde ich zudem, warum die Frage nicht “Warum tragen Sie einen bzw. keinen Helm?” lautet.

Das die Studie neben diesen drei weitere 24 Fragen umfasste, erwähnte die Pressemitteilung übrings nicht. Einen halben Monat später gab es dann eine weitere monothematische Pressemitteilung:

Die Sonne lässt sich endlich wieder blicken und viele Deutsche schwingen sich wieder häufiger aufs Rad. Die perfekte Gelegenheit jemanden kennen zu lernen – denn Radfahren macht attraktiv. Insbesondere Männer teilen diese Ansicht: Jeder Vierte (25 Prozent) findet Frauen auf Fahrrädern charmant. Bei den Frauen sind es 18 Prozent. Das ist das Ergebnis [sic!] der Studie “Fahrradfahren in Deutschland 2014” der Rose Versand GmbH unter 1.006 Deutschen. Doch nicht jedes Rad verleiht seinem Fahrer oder seiner Fahrerin den gleichen Zauber: Während Mountainbikes und Hollandräder den Fahrer besonders attraktiv wirken lassen, sind Klappräder eher eine Flirtbremse.

Weitere Assoziationen, die mit Fahrradfahrern verbunden werden, sind laut Studie Umweltbewusstsein (55 Prozent), Sportlichkeit (37 Prozent) und eine gesunde Lebensweise (29 Prozent).

(Abbildung: ROSE Versand GmbH)

(Abbildung: ROSE Versand GmbH)

In dem ersten Absatz werden wohl die Fragen

  • Wenn Sie einen Mann oder eine Frau auf dem Fahrrad sehen, was denken Sie?
  • Welche Fahrräder machen Ihrer Ansicht nach den Fahrer oder die Fahrerin besonders attraktiv?

Auf welche Frage sich der zweite Absatz bezieht, lässt sich nicht rekonstruieren.
In eine ähnliche Richtung geht die Frage “Warum ziehen Sie das Rad dem Auto vor?” zurück. Das ist aber eine andere Frage als die Frage nach den Assoziationen, auf die auch mit “Kampfradler”, “langsam” etc. hätte geantwortet werden können. Auch sind in der Dokumentation bei dieser Frage andere Zahlen genannt.

In der Dokumentation werden alle gestellten Fragen aber leider nur zu einem Teil der Fragen die Ergebnisse genannt. Aber ein Blick in Dokumentation ist trotzdem interessant. In der Zusammenfassung heißt es z. B.

  • Die Top-fünf-Faktoren, die nach Meinung der Deutschen das Radfahren sicherer machen würden: 1. von der Straße getrennte Radwege; 2. gegenseitige Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer; 3. durchgängige Radwege; 4. Helmpflicht; 5. reine Fahrradstraßen.

Auf Seite 4 erfährt man im Kleingedruckten, dass es nur 11 vorgegeben Antworten gab aus denen die drei Favoriten ausgewählt werden sollten und nur 11% der Stimmen auf die Helmpflicht entfielen. Unter den Antwortmöglichkeit war mit “Fahrrad-Ampel” eine Option, an die ich bei der Frage ganz sicher nicht als erstes denken würde, hingegen gab es die Antwort “Tempo 30 in der ganzen Stadt” o. ä. nicht. Von hier leitet sich sicherlich die Aussage in der Überschrift der Pressemitteilung postulierte Ablehnung der Helmpflicht her (die im eigentlichen Text der Pressemitteilung übrings gar nicht mehr vorkommt); nur wurde gar nicht danach gefragt ob die Helmpflicht abgelehnt werde.

Wenn die Ergebnisse repräsentativ wären, wären sie erschreckend, denn bei dieser Frage “Welche Faktoren würden aus Ihrer Sicht das Fahrradfahren sicherer machen? Sortieren Sie Ihre drei Favoriten nach persönlicher Wichtigkeit.“  bevorzugten die Befragten – siehe die Top-5-Liste – Radwege, deren Sicherheitsgewinn längst umstritten ist.

Zur Einordnung der Ergebnisse wäre interessant gewesen, zu wissen, ob teilweise eine freie Antwort möglich war oder ob und welche Antwortmöglichkeiten vorgegeben waren. Auch auf die diesbezügliche Frage reagierte Rose nicht. Zumindestens bei einem Teil der Fragen muss es vorgegeben Antworten gegeben haben.

Nach welchen Kriterien die präsentierten Fragen in der veröffentlichten Auswertung ausgewählt wurden, ist nicht erkennbar. Auch gibt es in der Liste der zentralen Ergebnisse “Erkenntnisse” ohne Aussagegehalt:

Die am häufigsten beobachtete Verkehrswidrigkeit von Radfahrern: Abbiegen ohne Handzeichen (von 82 Prozent der Deutschen schon mindestens einmal gesehen).

Wenn man das einmal im Leben sieht, ist das ein seltenes Vergehen, sieht man das täglich, ist es ein häufiges Vergehen. Das die Meisten so etwas schon mal gesehen haben, hätte ich auch ohne Studie sagen können, bei der das ein zentrales (!) Ergebnis ist.

Basis tiefer, solider Erkenntnisse kann die Studie also für mich nicht sein – zumindestens solange die Fragen zum Untersuchungsdesign offen bleiben. Bestimmt werden Zahlen von Journalisten, Bloggern, Politikern, … unreflektiert aufgegriffen werden und dann kursieren sie und schaffen Ansichten und die beeinflussen dann Entscheidungen von Privatpersonen und politischen Gremien. Das in der Dokumentation sich übrings auf Seite 7 eine Kreisdiagramm befindet, dessen Prozentwerte sich auf 110% und nicht auf 100% aufaddieren, wird wohl den wenigsten auffallen. 😉

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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Ein Kommentar zu Radverkehr in Zahlen 1: Die “Fahrradfahren in Deutschland”-Studie

  1. avatar ElGato sagt:

    “Einfach, schnell und bequem muss Radfahren sein, dann setzen sich die Menschen auf Fahrrad.”

    – Genau so ist es. Daß Rad fahren auch Spaß macht ist nicht bei allen so, oft reift diese Erkenntnis langsam, man muß aber erstmal rauf aufs Rad.
    Solange aber dauernd suggeriert wird, man müsse sich mit Lycraklamotten, Helm, Handschuhen und laufunfähigen Schuhen ausstatten wird das nix. Als Kinder haben wir uns einfach draufgesetzt und los gings. So muss das.
    Mache ich – außer bei längeren Touren – heute noch so. Bis auf den Helm, zu dem mich Frauchen verdonnert hat… (War aber auch schon einmal froh, ihn zu haben!)

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