Schutzwirkung eines Fahrradhelms

Jens2 weißt netterweise auf die Urteilsbegründung des Urteils hin, das hier in den Kommentaren und anderswo gerade heftig diskutiert wird.

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a) Das Nichttragen eines Schutzhelmes war kausal für das Ausmaß der Kopfverletzungen, die die Klägerin durch den Unfall vom 07.04.2011 erlitten hat. So ist schon mit der herrschenden Meinung […] davon auszugehen, dass der Anscheinsbeweis für einen Kausalzusammenhang zwischen Nichtbenutzung des Helmes und der eingetretenen Kopfverletzung spricht, wenn ein Radfahrer bei einem Unfall – wie im vorliegenden Fall – Kopfverletzungen erleidet, vor denen der Schutzhelm gerade schützen soll.

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Zudem steht der Kausalzusammenhang nach dem Ergebnis des vom Senat eingeholten schriftlichen Sachverständigengutachtens des Facharztes für Neurologie Dr. G vom 26.11.2012 und seinen ergänzenden Erläuterungen vom 08.03.2013 fest. Der Sachverständige hat nachvollziehbar und überzeugend ausgeführt, dass die Verletzungsfolgen mit Blutungen innerhalb und außerhalb des Schädels, sowie die Hirnverletzung des Scheitellappens und beider Schläfenlappen und insbesondere die Schädelbrüche auf eine massive Gewalteinwirkung auf den Kopf der Klägerin hindeuteten mit dem Ergebnis eines mittelschweren bis schweren Schädel-Hirn-Traumas. Das Verletzungsmuster spreche dabei für eine überwiegend lineare Akzeleration und Krafteinwirkung in Längsrichtung des Kopfes.Gerade bei linearen Krafteinwirkungen mit entsprechenden Hirnquetschungen an den Grenzen des Schädels und bei Schädelbrüchen böten Fahrradhelme (im Gegensatz zu Verletzungen durch Rotationsbeschleunigungen des Kopfes oder durch penetrierende Gewalteinwirkung) den größten Schutz. Die Helme hätten die Funktion einer Knautschzone, welche die stumpf einwirkenden Energien absorbierten. Die Kraft des Aufpralls würde auf eine größere Fläche verteilt und dadurch abgemildert.

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Damit wäre die Wahrscheinlichkeit eines Schädelbruchs verringert und die Bewegung des Gehirns gebremst, das auf der gegenüberliegenden Seite eine weniger starke Quetschung erführe (sog. Contre-coup-Verletzung). Da Fahrradhelme naturgemäß ihre größte Schutzwirkung bei leichten bis mittelgradigen Traumen entfalten würden und beim Fahrradsturz der Klägerin nach Art und Schwere eine starke Krafteinwirkung auf den Kopf stattgefunden habe, hätte ein Helm das Trauma zwar nicht verhindern, aber zumindest in einem gewissen Umfang verringern können.

(Hervorhebungen durch mich)

Ich denke, dass das meine Ansicht untermauert, dass ein Fahrradhelm bei richtiger Anwendung bei bestimmten Unfallsituationen eine – wie auch immer stark ausfallende – Minderung der Unfallfolgen bedeuten kann und je nötiger diese Minderung wäre (also je schwer die Verletzung), desto weniger bringt einem der Helm etwas.

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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4 Responses to Schutzwirkung eines Fahrradhelms

  1. Da der ADFC die Klägerin unterstützt hat, sollte es ihm möglich sein, das Gutachten zu beschaffen. Einfach freundlich bei der Klägerin anfragen. Angesichts des doch recht breiten Interesses und seiner Bedeutung sollte es an die Öffentlichkeit. Es ist ja schließlich auch für ein öffentliches Gerichtsverfahren angefertigt worden.

    Schauen Sie doch mal, ob Sie da was tun können.

  2. avatar Markus Koßmann sagt:

    Wenn, wie bei den Studien zur Hempflicht in Australien und Neuseeland im Mittel keine Schutzwirkung des Helms beobachtet wurde, heißt das nicht, das es dort keine Einzelfälle gab, bei denen der Helm eine Schutzwirkung zeigte. Sondern nur, das es dann auch Einzelfälle gab, bei denen der Helm die Unfallfolgen verschlimmert.Und sich Schutzwirkung und Schadwirkung ausgeglichen haben.

  3. avatar Markus MK sagt:

    …also z. B. eine Schadwirkung auf den unteren Bereich des Kopfes, die Halswirbelsäule…
    Ausgehend davon, dass handelsübliche Fahrradhelme nicht auf Stürze auf den Hinterkopf getestet werden, dürfen wir ja erwarten, dass eine mechanische Betrachtung des Aufpralls stattgefunden hat.

  4. Pingback: Helmkritik und Helmempfehlung [mit Updates und Ergänzungen] | ADFC Blog

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