Ein flüchtendes Auto und andere eigenmächtig handelnde Kraftfahrzeuge in Mitteilungen der Polizei Dortmund

Symbolbild: Polizei Dortmund im Einsatz (Foto: Polizei Dortmund)

Symbolbild: Polizei Dortmund im Einsatz (Foto: Polizei Dortmund)


In dieser Woche wurde ein Radfahrer schwer verletzt, als eine Autofahrerin seine Vorfahrt missachtete. In der Polizeimeldung vom 08.07.2014 wird aber in der Überschrift der aktive Part mit dem passiven Part vertauscht.

Radfahrer schwer verletzt: Kollision mit Pkw auf der Overgünne

Das klingt nach “Radfahrer fährt aus Unachtsamkeit oder Böswilligkeit gegen ein Auto”. Nach dem in der Pressemitteilung geschilderten Sachverhalt liegt aber kein Vergehen des Radfahrers vor, so dass korrekter gewesen wäre: “Radfahrer schwer verletzt: Von Autofahrerin angefahren.” Und ganz wichtig: der Radfahrer wurde nicht von dem PKW angefahren sondern von der Autofahrerin. Man mag das haarspalterisch finden, denn außer den Betroffenen und ihren sozialen Umfeldern haben das ja eh alle bald vergessen und für alle anderen ist es einer von vielen Unfällen, aber wenn bestimmte Dinge immer wieder gleich unscharf ausgedrückt werden, verändert das die Wahrnehmung und Deutung. Die Macht der Formulierung kann man gezielt nutzen. Mit Unachtsamkeit im Umgang mit Sprache, indem man z. B. gewohnte Formulierungen nicht reflektiert, kann man auch viel Schaden anrichten. Nach der Shoa in Deutschland noch davon zu reden, etwas bis zur Vergasung zu tun, ist z. B. sehr fragwürdig. (dazu siehe: hier, hier). Sprache ist eben nicht neutral.

Wer in den Pressemitteilungen der Polizei Dortmund nach Rad sucht, findet für das letzte Jahr 14 Meldungen, davon zehn zu Unfällen mit Radfahrenden, in denen sich viele Sätze nach dem Schema “Autofahrer A stieß mit dem Auto B zusammen.” finden. Wenn ich nicht davon spreche, dass ein Autofahrer, eine Autofahrerin aufgrund eines Regelverstoßes eine Radfahrerin, einen Radfahrer angefahren hat o. ä., entlaste ich den Autofahrenden subtil von seiner Schuld und Verantwortung und mache den Unfall zu einem unabwendbarem Schicksalsschlag für das Unfallopfer. Ein unabwendbarer Schicksalsschlag ist aber wohl keiner der zehn geschilderten Unfälle gewesen. Daher sollten Meldungen der Polizei auch klar benennen, wer Täter und wer Opfer ist; das hätte auch den Nebeneffekt, dass dafür sensibilisiert wird, wie wichtig es ist, sich als Autofahrender an die Regeln zu halten und sich nicht in Sicherheit zu wiegen. Das ist übrings auch Aufgabe der Pressemitteilungen der Polizei (s. u.).

Sprachlich sauber spricht die Mitteilung dann auch davon, dass zwei Fahrzeuge zusammengestoßen sind.

An der Einmündung der Admiralstraße in die Overgünne in Dortmund-Wellinghofen ist es […] zu einem Zusammenstoß zwischen Pkw und Fahrrad gekommen.

    [Alle Hervorhebungen in den Zitaten nicht im Original]

Im Vergleich zu den anderen Meldungen aus dem Jahr, sind die Formulierungen dann auch im weiteren Verlauf in Bezug auf die Beteiligten ordentlich.

Eine 38-jährige Dortmunderin war […] mit ihrem Auto auf der Admiralstraße unterwegs und wollte rechts auf die Overgünne abbiegen. Dabei sah sie den 25-jährigen Dortmunder zunächst offenbar nicht. Er befuhr mit seinem Rad die Overgünne in Richtung Dortmund-Benninghofen. […] Die Autofahrerin hatte sich nach Zeugenangaben zum Abbiegen langsam in die Overgünne vorgetastet, da die Einmündung der Admiralstraße in einer Kurve liegt. Laut ihrer ersten Aussage konnte sie den Zusammenstoß mit dem plötzlich von links herannahenden Radfahrer nicht mehr verhindern.

Plötzlich auftauchende Radfahrer sind auch ein häufiges Phänomen in Pressemitteilungen der Polizei neben den Ungenauigkeiten bei den Beteiligten, um mutmaßlich schuldige Autofahrende zu entschuldigen und die mutmaßlich unschuldigen Radfahrenden zu den einzigen aktiv am Unfallgeschehen Beteiligten zu machen. Subtiles Futter für die Behauptung, Radfahrende seien regelignorierende Kampfradler. Man liest schließlich nur von Radfahrenden, die aktiv an Unfällen zwischen “Autos” und Radfahrenden beteiligt sind.

Wenn man sich die zehn Meldungen anschaut, berichtet nur eine Meldung vom 04.07.2014, dass ein Radfahrer die Vorfahrt einer Autofahrerin missachtete, aber auch hier ist es sprachlich anfangs holperig.

POL-DO: Fahrradfahrer von Auto erfasst und leicht verletzt

Hier wäre ausnahmsweise mal “Radfahrer kollidiert mit Auto richtig gewesen”, wie die weitere Meldung zeigt.

Ein Fahrradfahrer ist heute […] von einem Auto erfasst und hierdurch leicht verletzt worden. Zur Unfallzeit war ein 35-jähriger Dortmunder mit seinem Rad auf der Chemnitzer Straße in Dortmund-Mitte in Richtung Norden unterwegs. Im Kreuzungsbereich zur Sonnestraße sah er, nach eigenen Angaben, eine von rechts kommende 47-jährige Dortmunderin in ihrem VW Touran zu spät. Das vorfahrtsberechtigte Auto erfasste den Fahrradfahrer, der sich leicht verletzte.

Am 18.04.2014 wird dann zur Abwechslung mal die Unfallflucht eines Fahrradfahrers gemeldet. Einen Unfall zwischen Radfahrenden meldete die Polizei dann am 28.06.2014 . Bei allen anderen gemeldeten Fällen sind nicht die Radfahrenden die Schuldigen.

Vor genau einem Jahr am 12.07.2013 gab es die erste der anderen sechs Meldungen:

Eine junge Fahrradfahrerin ist […] mit einem Pkw zusammengestoßen und leicht verletzt worden. Nach Angaben von Zeugen fuhr zur Unfallzeit der Fahrer eines silbernen BMW aus der Hofeinfahrt der Mallinckrodtstraße 140 heraus. Zeitgleich radelte eine 13-jährige Dortmunderin auf dem Radweg und wurde plötzlich von dem aus der Ausfahrt fahrenden Pkw überrascht. Der BMW stieß dabei mit dem Mädchen auf dem Rad zusammen.

Auf die verzerrenden Darstellung zu Ungunsten der verunglückten Radfahrerin gehe ich –wie gesagt – nicht weiter ein, auch wenn sie hier sehr deutlich ist.

Am 15.08.2013 heißt es dann:

POL-DO: Radfahrerin in Lünen von Pkw erfasst
[…] Eine Radfahrerin ist […] von einem Pkw erfasst und leicht verletzt worden. Zur Unfallzeit war eine 56-jährige Fahrradfahrerin aus Lünen gerade auf der Jägerstraße unterwegs, als aus einer Einfahrt eine 51-Jährige Lünerin mit ihrem VW Golf kam.

So ist es richtig: Person trifft auf Person. Aber dann geht es wieder falsch weiter.

Aus noch unbekannter Ursache stieß das Auto mit der bevorrechtigten Radfahrerin zusammen, die daraufhin gegen den Renault eines 40-jährigen Lüners prallte.

Am 12.12.2013 war dann die Sonne schuldig, die plötzlich in den Verkehr eingriff.

Offensichtlich wurde der Autofahrer zur Unfallzeit von der Sonne geblendet.

Das erwähnt auch die Überschrift:

POL-DO: Autofahrer von Sonne geblendet – Pkw erfasst Radfahrer

Die Kausallogik der Überschrift besagt, dass Subjekt 1 (Autofahrer) geblendet wird, woraufhin Subjekt 2 (PKW) aktiv wird. Das Subjekt 2 das Mittel zum Handeln (erfassen) durch Subjekt 1 ist, wird damit verschleiert.

So geht es dann auch im Text weiter:

Ein Radfahrer ist […] von einem Pkw erfasst und schwer verletzt worden.

Aber auch hier geht es dann halbwegs richtig weiter, bevor es wieder falsch wird.

Nach ersten Zeugenangaben stand ein 73-jähriger Dortmunder […] mit seinem Fahrrad auf der Grävingholzstraße. Zur gleichen Zeit bog ein 56-Jähriger […] mit seinem Peugeot von der Grävingholzstraße nach links in die Forsthausstraße ein. Hierbei übersah er nach eigenen Aussagen den auf der Straße haltenden Radfahrer, aufgrund der blendenden Sonne. Der Peugeot erfasste den 73-Jährigen, sodass er vom Rad stürzte und sich schwer verletzte.

Die Polizei weist wie immer nicht auf die missachteten Verkehrsregeln hin, obwohl sie angehalten ist gemäß des RdErl. d. Ministeriums für Inneres und Kommunales – Az. 401 – 58.02.05 v. 15.11.2011 für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Polizei Nordrhein Westfalen über Vorfälle im Zusammenhang mit dem Straßenverkehr nach Möglichkeit so zu berichten, dass die Mitteilungen an die Medien zugleich verkehrssicherheitsfördernd und -aufklärend wirken. Immerhin gibt es dies eine Mal ein paar mahnende Worte am Schluss:

Ihre Polizei rät:
– Passen Sie Ihre Geschwindigkeit den Witterungsverhältnissen an
– Blendet Sie die Sonne, fahren Sie langsamer, nutzen Sie die
Sonnenblenden des Fahrzeugs oder schützen sich mit einer Sonnenbrille
– Halten Sie Ihre Windschutzscheibe von innen und von außen
dringend sauber

Positiv festzustellen ist an dieser Stelle aber, dass in den untersuchten Meldungen darauf verzichtet wurde, das Tragen von Helmen und Schutzwesten zu propagieren.

In Bezug auf die hier analysierte Problematik ist die Meldung vom 20.03.2014 mit einer richtigen Überschrift versehen, jedoch flüchtet laut der Überschrift ein Auto und auch im Text ist das Auto wieder selbstständig am Unfall beteiligt. Während das Auto die Radfahrerin erfasst, ist der Autofahrer mit anderen Dingen beschäftigt – er flieht nämlich vor seinem Auto, dass sich evon ihm manzipiert hat.

POL-DO: Auto stößt mit Fahrrad zusammen und flüchtet […]
Eine 20-jährige Fahrradfahrerin ist […] von einem Auto erfasst worden. Der Fahrer flüchtete von der Unfallörtlichkeit. Laut Zeugenaussagen befand sich die Lünerin mit ihrem Rad auf der Fahrradstraße Am Katzbach und fuhr in Richtung Stadtmitte. An der Kreuzung Hagebuttenweg bog ein schwarzer Kleinwagen auf die Fahrradstraße ein und stieß mit der Radfahrerin zusammen. Die 20-Jährige stürzte zu Boden und verletzte sich leicht. Der unbekannte Autofahrer setzte seine Fahrt in Richtung Schulstraße fort.

Immerhin am Ende sind eindeutig zwei Personen beteiligt.

Wieder etwas skuril wird es in der Meldung vom 10.06.2014
.

Zu einem Verkehrsunfall unter Beteiligung eines Pkw und eines Radfahrers kam es am gestrigen Pfingstmontag […]. Obwohl beide Fahrzeuge sich nicht berührten[,] wurde der Radfahrer schwer verletzt, als er nach einem Bremsmanöver vom Rad auf die Fahrbahn stürzte.

Da haben wir es. Radfahrer sind Fahrzeuge! Das erklärt so einiges. Nach dieser Erklärung, geht es dann aber wieder korrekt weiter.

Zur Unfallzeit befuhr ein 60-jähriger Dortmunder mit seinem Fahrrad die Baurat-Marx-Allee in Richtung Oberschlesierstraße. In diesem Moment wendete eine 49-jährige Dortmunderin ihren Pkw KIA auf der Fahrbahn der Oberschlesierstraße.

Besonders interessant ist es dann, dass der Radfahrer den Pkw der Autofahrerin abbremste.

Sie bremste ihren Pkw, ebenso wie der Radfahrer, ab.

Von einem weiteren Unfall mit Fahrerflucht des Unfallverurachers berichtet die Polizei am 27.06.2014.

Zur Unfallzeit fuhr die 46-jährige Dortmunderin mit ihrem Fahrrad von der Rheinischen Straße an die Kreuzung “Westentor” heran. Nach eigenen Angaben überquerte sie die Ampelkreuzung bei Grün nach links in Richtung Königswall, hier wollte offenbar gerade auch ein Transporter einfahren. Augenscheinlich wollte der unbekannte Transporter, nach Angaben der Dortmunderin, vom Hohen Wall in den Kreuzungsbereich in Richtung Rheinische Straße fahren. […] Ohne mit der gestürzten Fahrradfahrerin oder der Polizei Rücksprache zu halten, entfernte sich der unbekannte Fahrzeugführer in seinem Transporter vom Unfallort.

Hinweis zur Methodik:
Um nicht alle Meldung händisch zu durchsuchen, wurde das gewählte Schlagwort spontan für die Suche verwendet. Nach Abschluss der Untersuchung wurde exemplarisch die Suche nach “Radfahrer” getestet mit der dann weitere thematisch passende Meldungen gefunden werden konnten. Eine stichprobenartige Überprüfung bestätigte das Analyseergebnis (hier, hier). Eine vollumfängliche Analyse war aus Zeitgründen nicht möglich.

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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