Broschüre des Deutsche Städte- und Gemeindebund zur Förderung des Radverkehrs

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) gibt als kompakte Darstellung eines kommunal relevanten Themas die DStGB Dokumentationen heraus. Zielgruppe der Reihe sind die kommunalpolitischen Entscheider. Der DStGB verfolgt dabei das Ziel, Bewusstsein zu schaffen und im besten Fall politische Initiativen auszulösen. In den letzten Ausgaben ging es z. B. um die Besuchersicherheit bei kulturellen Veranstaltungen (Nr. 115), Bürgerbeteiligung bei kommunalen Vorhaben und in der Stadtentwicklung (Nr. 117) oder Windenergie (Nr. 120). [1]

doku124Der DStGB ist die Interessenvertretung der kommunalen Spitzenverbände auf Bundesebene, der in dieser Reihe eine im Diskurs gewonnene Position darlegen möchte. Die Veröffentlichungen dienen dabei der Information über Sachverhalte und Positionen und geben aus der Sicht des Verbandes eine Auswahl gute Beispiele wieder. Es handelt sich dabei also nicht um ein Regelwerk und die Veröffentlichungen erheben auch nicht den Anspruch, den Stand der Technik oder die anerkannten Regeln der Technik wiederzugeben. Themen, die es in diese Reihe schaffen, spiegeln also eher das wider, was Kommunen gerade bewegt. Daher ist es erfreulich, dass nun als Nr. 124 das Heft „Förderung des Radverkehrs in Städten und Gemeinden“ erschienen ist, das in Zusammenarbeit mit dem ADFC entstanden ist.

Dank des inhaltlichen Inputs des ADFC gibt es inhaltlich an der Stoßrichtung nichts auszusetzen, so dass man das Heft jedem Kommunalpolitiker zur Lektüre empfehlen kann, der sich erstmalig mit dem Thema auseinandersetzen möchte oder den Stand der Diskussion in kurzer Zeit kennen lernen möchte. Durch die Verweise auf die Regelwerke in den Texten wird auch deutlich vermittelt, dass es längst formulierte Standards gibt, und der Lesende erfährt, wo er nähere Informationen bekommt. Auch auf andere Hilfsmittel wie die Förderfibel des Nationalen Radverkehrsplans wird verwiesen.

Für den einen oder anderen Politiker ist es sicherlich eine Herausforderung, dass sein Verhalten Teil der Radverkehrsförderung ist. „Eine Kampagne ‚Fahrradfahren ist prima und macht Spaß‘ der Kommune kann nicht glaubwürdig sein, wenn der Bürgermeister mit dem Auto zum Kampagnenstart kommt. Allerdings gehören auch andere Personengruppen zu den Vorbildern: Arbeitgeber, lokale Prominente und ganz besonders Lehrer.“ (S. 13)

Auch bei anderen Themen scheuen die Autoren nicht vor klaren Positionen. „Für eine gute Radverkehrsinfrastruktur ist wie bei jeder Verkehrsinfrastruktur eine regelmäßige Wartung und Instandhaltung unabdingbar. Zur Wartung gehört auch ein regelmäßiger und frühzeitiger Winterdienst. Insbesondere bei Schutz- und Fahrradstreifen auf der Fahrbahn ist darauf zu achten, dass diese nicht als Schneeablagefläche bei der Fahrbahnräumung missbraucht werden.“ (S. 21) Konkrete Beispiele machen deutlich, was die Empfehlungen vor Ort bedeuten können. So wird z. B. eine Mängelplattform des Schwarzwald-Baar-Kreises vorgestellt. „Die Bürgerbeteiligungsplattform des Landkreises macht die Ortskenntnisse der Nutzer für die Ermittlung von Problemstellen zu jeder Tages- und Jahreszeit möglich. So können z. B. Problemstellen erkannt werden, die nur zu bestimmten Tages- oder Jahreszeiten auftreten.“ (S. 18)

Radverkehr wird in der Broschüre eben nicht auf sommerliche Ausflüge reduziert, sondern in seinen vielfältigen Formen dargestellt und in den vielen Dimensionen des Themenfeldes entfaltet. So wird selbst der mir wichtige, kaum diskutierte Aspekte der sozialen Teilhabe erwähnt. „Für finanziell schwache Haushalte gewährleistet das Fahrrad darüber hinaus Teilhabe und verhindert, dass hohe Mobilitätskosten zu sozialer Ausgrenzung führen.“ (S. 6) Die Autoren erwähnen auch, dass der Radfahreranteil und besser verdienenden und ausgebildeten Menschen überdurchschnittlich hoch ist und sie so eine wichtige Zielgruppe des Einzelhandels sind. (s. S. 27).

Dem Kostenvorteil und den Finanzierungsmöglichkeiten wird ein eigenes Kapitel gewidmet. So erfährt der Lesende, dass man anstelle 16 Autoparkplätzen auch 500 Fahrradbügel für 1.000 Räder aufstellen kann. Für den dafür nötigen Betrag von 50.000 Euro kann man auch 1,5 Jahr eine(n) Radverkehrsbeauftragte(n) finanzieren, 35 km als Radwegenetz beschildern oder 50-100 Leihräder anschaffen. (s. S. 7). Auch für viele noch unvorstellbare Fördermöglichkeiten haben den Weg in die Broschüre geschafft. In Oldenburg werden die Radwege entlang von Tempo-50-Straßen nach und nach aufgepflastert, um den Vorrang vor dem ein- und ausbiegenden Verkehr optisch zu untermauern. (s. S. 9f). Ohne anzuklagen kommen in den Ausführungen auch durchaus die gegenwärtigen Defizite zur Sprache. „Bei Unfallschwerpunkten im Radverkehrsbereich entspricht die Radverkehrsführung in vierzig Prozent der Fälle nicht den Empfehlungen der Regelwerke. Zur Steigerung der Verkehrssicherheit ist daher der Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur nach den Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA) der FGSV von 2010 unabdingbar.“ (S. 11)

[1] s. www.dstgb.de/dstgb/Home/DStGB-Dokumentationen

Die Broschüre kann auf http://www.dstgb.de > DStGB-Dokumentationen kostenlos als PDF heruntergeladen werden.

Diese Rezension ist ein bis auf die Überschrift unveränderter Vorabauszug aus der Ausgabe 3/2014 der Zeitschrift Mobilogisch, die Mitte August erscheinen wird. Das Heft kann für 5 Euro im Online-Shop erworben werden. Ältere Probehefte gibt es gratis.

 

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.

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