Bei freier Sicht nicht hingeschaut

Anstatt den Abend mit schönen Dingen zu verbringen, habe ich gerade eine E-Mail geschrieben, weil mir mal wieder die verharmlosende Wortwahl in einem Bericht zu einem Unfall aufgefallen war.
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Sehr geehrter Herr Christian,

vor wenigen Stunden fuhr ich an einer Stelle vorbei,  an der ich mich über die Unfallmarkierungen wunderte, denn die Lage ist an der Stelle sehr übersichtlich. Nun lese ich gerade Ihren Bericht auf ruhrnachrichten.de.

Wenn ich den Artikel lese, fällt mir sofort auf, dass die handelnde Person an der entscheidenden Stelle nicht benannt wird sondern die Sache (das Auto) die für die Handlung genutzt wird, zum handelnden Subjekt wird. Sie schreiben “Das Auto rammte den 46-Jährigen frontal”. Das ist schon sprachlich schief, inhaltlich aber erst recht falsch. denn das Auto ist nicht eigenmächtig aktiv geworden, sondern die Autofahrerin hat den Radfahrer mit dem Auto umgefahren. Und dann fällt mir sofort auf, dass Sie die verharmlosende Formulierung “übersah den Radfahrer” verwenden.

Unfallberichte gehören sicherlich nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen von Journalisten. Sicherlich sind Sie meiner Meinung, dass man auch dort Sorgfalt walten lassen sollte.  Diese Formulierungen liest man immer wieder, aber dadurch werden Sie auch nicht richtig.

Warum störe ich mich an diesen beiden Wendungen? Am Verkehr darf man nur teilnehmen, wenn man sein Fahrzeug sicher beherrscht und man darf nur so am Verkehr teilnehmen, dass man andere nicht gefährdet (was auch für Radfahrende gilt). Vom Führen eines Autos gehen bekanntlich besondere Gefahren aus, weswegen der Gesetzgeber auch eine Gefährdungshaftung dafür vorsieht. Wenn man sich an die Regeln hält, kann man nicht ausversehen einen Radfahrer umfahren, was das “übersehen” kommuniziert. Radfahrende sind klar und deutlich zu erkennen, wenn sie sich halbwegs regelkonform verhalten. Medizinische Notfälle (z. B. Herzinfarkt beim Autofahren) und grob fahrlässiges Verhalten von Radfahrenden (z. B. plötzlich hinter einem parkenden LKW hervorfahren ohne zu schauen) mal beiseite gelassen, kann es nur durch grobe Pflichtverletzung (nicht hinsehen) zum An- und Umfahren von Radfahrenden kommen. Es ist kein unabwendbares Schicksal, dass Autos Radfahrende umfahren. Es sind immer Menschen, die ihre Pflichten ignorieren und entsprechend so handeln, dass andere geschädigt werden.

Ich finde es bedenklich, dass in deutschen Medien systematisch schwerwiegende Fehler bagatellisiert werden und die Folgen für die Opfer zu unabwendbaren Schicksalsschlägen umgedeutet werden, womit den Tätern geholfen wird, sich der Verantwortung zu entziehen.

Sicherlich ist Ihnen als Journalist bewusst, welche Wirkung Worte haben. Klar sind diese Formulierungen beim einmaligen Gebrauch kein Problem, aber in ihrer ständigen Wiederholung werden sie zu unerwünschten Folgen führen. Ganz praktisch können Sie diese Folgen tagtäglich in Dortmund auf dem Rad erfahren, wenn Autofahrer meinen, nicht genügend Rücksicht auf regelkonform fahrende Radfahrende wie mich nehmen zu müssen und z. B. beim Überholen auf den Sicherheitsabstand verzichten.  Es fehlt das Bewusstsein dafür, dass man auf Radfahrende achten muss.

Mit freundlichen Grüßen

Norbert Paul

Immerhin wird berichtet, dass der Führerschein wegen dem Verdacht auf Unfallflucht beschlagnahmt wurde und auf das Nebenthema Fahrradhelm wurde nicht erwähnt.

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Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
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2 Antworten zu Bei freier Sicht nicht hingeschaut

  1. avatar Carsten Christian sagt:

    Sehr geehrter Herr Paul,

    vielen Dank für Ihre Kritik und Rückmeldung. Zu Ihrer ersten Anmerkung: Ich verstehe, was Sie meinen, wenn Sie schreiben, dass das Auto nicht eigenmächtig tätig geworden ist. Dennoch hat nicht die Autofahrerin als solche den Radler mit ihrem Körper gerammt, sondern eben mit ihrem Wagen. Sicher kann man über eine genauere Formulierungsweise nachdenken.

    Zu Kritikpunkt zwei: Dass die Frau den Radfahrer übersah war zum gestrigen Zeitpunkt der Kenntnisstand, den die Polizei nach Zeuggenaussagen mitteilte, wie es auch in der Berichterstattung steht. Alles Weitere ist pure Spekulation, die den Ermittlungen vorgreifen würde.

    Inwieweit die Autofahrerin ihre Sorgfaltspflicht nicht berücksichtigt hat war unklar, auch, ob sie fahrlässig gehandelt hat. Gleiches gilt für den Radfahrer.

    In keinem Fall soll die Formulierung “übersehen” eine Verhamlosung darstellen – und das ist sie nach unserer Meinung auch nicht.

    Gerne können Sie mich zukünftig bei Kritik direkt kontaktieren und mir Ihre Anmerkungen persönlich mitteilen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Carsten Christian

    • avatar Norbert Paul sagt:

      Sehr geehrter Herr Christian,

      ich bedanke mich für die schnelle und umfangreiche Antwort.

      Bevor ich nochmal ein paar Sätze schreibe, möchte ich vorneweg schicken, dass die Ruhr Nachrichten Dortmund in den Berichten den Radverkehr deutlich fundierte behandeln, als viele andere Zeitungen.

      Die parallel gestrickten Formulierungen “Der Schlagring schlug das am Boden liegende Opfer.” bzw. “Das Messer stach die Ehefrau.” oder “Der Knebel fesselte den Juwelier” fänden Sie vermutlich auch komisch. Ich glaube, dass man bei “Das Auto rammte den Radfahrer.” etc. nur deshalb nicht stutzt, weil Polzeipressestellen diese Wendung systematisch verwenden. Wenn ich die Berichterstattung auf dem Blog presserad.wordpress.com verfolge, dessen Autoren bei weitem kritischer sind als ich, ist die Polizei in Dortmund noch vergleichsweise neutral, jedoch ist das Problem auch hier existent, wie eine kleine Untersuchung von mir zeigte (https://adfc-blog.de/2014/07/fluechtendes-auto/).

      Wenn Sie schreiben wollen, dass das Auto erfasst, sollte meines Erachtens nach dann aber auch das Fahrrad erfasst werden. Auch hier ein ähnlich gestricktes Beispiel, dass das Problem verdeutlicht. “Das Auto A stieß mit dem Autofahrer B zusammen.” Hier habe ich nur Autofahrer durch Radfahrer ersetzt und schon klingt es komisch.

      Ich gebe Ihnen Recht darin, dass man mit Vermutungen vorsichtig sein muss. Das trifft auch auf Polizei-Pressemitteilungen zu. Jedoch ist es so, dass bei den meisten Unfällen mit Beteiligung von Radfahrenden die Allein- oder Hauptschuld eben nicht bei diesen liegt und man davon ausgehen kann, dass entsprechende Hinweise von den Polizei kommuniziert werden. In Anbetracht dessen, dass Radfahrende nicht unauffällig sind wie Tipfehler, ist es mir schleierhaft, wie man Radfahrende einfach so übersehen kann, wenn man sich an § 4 Abs. 1 StVO hält. Als ich meine Führerscheine gemacht habe, habe ich gelernt, dass man innerhalb der einsehbaren freien Strecke anhalten können muss. Von Sonderfällen wie plötzlich auf die Straße tretenden Fußgänger etc. abgesehen, kann es also nur zu Unfällen kommen, wenn man regelwidrig fährt (gilt bei Radfahrenden natürlich umgekehrt auch so). Für mich ist es keine Spekulation, darüber nachzudenken, was dazu geführt hat, dass “übersehen” wurde. Und erst recht schleierhaft ist es mir, wie das an einer gut einsehbaren Einmündung in eine Hauptstraße passieren können soll.

      Mit freundlichen Grüßen

      Norbert Paul

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