WDR sucht Unfallopfer, das die Schuld bei sich sieht

Obwohl es meines Wissens keinen empirischen Beleg dafür gibt, dass die getragene Kleidung einen relevanten Einfluss auf die Sicherheit von Radfahrenden hat (s. z. B. hier), sucht eine Produktionsfirma aktuell jemand, der die Schuld für das Übersehenwerden bei sich sucht, weil er sich nicht an zweifelhafte moralische Apelle gehalten hat, die implizieren, dass Radfahren etwas genuin gefährliches wäre. Ist es aber nicht. Gefährlich wird es erst, wenn Autofahrende in ihreren tonnenschweren Gefährten ins Spiel bzw. genauergenommen in die Nähe kommen. Herauskommen soll ein wdr-Beitrag zum Thema „Fahrradsicherheit – Sehen und gesehen werden“.

Dabei liegt der Fokus auf sicherer erkennbarer Radbekleidung mit Reflektoren, Warnwesten und Ähnlichem. Allerdings bräuchten wir noch einen Fall, bei dem ein Radfahrer, aufgrund schlechter Sichtverhältnisse oder zu wenig Beleuchtung am Rad oder zu wenigen Reflektoren am Körper, beispielsweise von einem PKW angefahren wurde. […] Es ist also ein stressfreier Dreh für die gute Sache!

Man soll den Beitrag nicht vor der Ausstrahlung kritisieren, aber man kann erahnen, worauf es hinauslaufen wird, wenn es darum gehen soll, dass Radfahrende sich “sichtbarer” zu kleiden hätten, anstatt dass es darum geht, dass der Autoverkehr so gestaltet werden muss, dass von ihm keine Gefahr für den Radverkehr ausgeht.

avatar

Über Norbert Paul

Norbert Paul ist seit Jahren ehrenamtlich journalistisch und verkehrspolitisch aktiv. Neben dem Engagement im ADFC war er auch schon über 10 Jahre Mitglied im Bundesvorstand von FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland. Von Dezember 2012 bis August 2013 war er Geschäftsführer des ADFC Dortmund, schilderte aber auch in dieser Zeit wie alle anderen Blogger hier in seiner Freizeit seine persönliche Sicht der Dinge. Er ist Redaktionsmitglied von Mobilogisch.
Dieser Beitrag wurde unter Gesundheit, Infrastruktur, Radverkehr abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Responses to WDR sucht Unfallopfer, das die Schuld bei sich sieht

  1. avatar ElGato sagt:

    Es geht auch um Licht. Gerade getzt nerven mich als Radfahrer auch wieder die vielen nicht beleuchteten Geisterfahrer. Neulich hab ich beihnshe soveinen mit dem Rad hops genommen. Es sind nicht immer die bösen autofahrer.
    Ich trage in dieser Jahreszeit auch einen reflektorgürtel im Dunkeln. Gerade weil ich auch Auto fahre und daher weiss wie leicht Radfahrer übersehen werden.
    Die gerade bei vielen ADFC Mitgliedern so neliebten Westen sind mir aber zu albern…

  2. avatar Markus MK sagt:

    Auch aus Überbeleuchtung, Blendung u. Teilzeiterblindung erfolgen schlechte Sichtverhältnisse. So wurden auch schon sämtliche hell erleuchtete und blinkende Einsatzfahrzeuge verschrottet.
    Meine Vermutung ist auch, dass hier wieder versucht wird, die Verantwortung grundwätzlich auf “weniger gefährdende Verkehrsteilnehmer” abzuwälzen.
    Warum muss eine natürliche Fortbewegungsart so verkompliziert werden?…

  3. avatar Christoph S sagt:

    hab ich beihnshe soveinen mit dem Rad hops

    Bitte mehr Sorgfalt im Straßenverkehr als beim Posten. Und bitte nicht beides gleichzeitig.

    Bei wie vielen Unfällen mit Beteiligung von Radfahrern waren Beleuchtungsmängel unfallursächlich? 2%?

    Warum eigentlich wird beim Radverkehr das Thema “Persönliche Schutzausrüstung”* so überbetont? Wird von den Ursachen möglicher Gefährdungen abgelenkt und die Verantwortung recht einseitig verteilt?

    *Ich habe absichtlich diesen Begriff aus dem Arbeitsschutz verwendet, weil dort eine PSA nur bei Gefährdungen zulässig ist “…die durch andere Maßnahmen (technisch oder organisatorisch) nicht verhindert werden können”. Ich darf Angestellten keine Gasmaske verordnen, um einen Chemikalienabzug zu sparen.​

    Aber eben diese “anderen Maßnahmen” werden im Straßenverkehr häufig nicht oder nur halbherzig angegangen. (50 km weiter westlich jenseits einer kaum noch sichtbaren Grenze scheint da mehr möglich zu sein).
    Möglicherweise liegt das -neben dem fehlenden politischen Willen- an der mittlerweile verhärteten Meinung, “der Radfahrer” schütze sich schon selbst.

  4. avatar Thorsten Boehm sagt:

    Die Nachfrage des WDR spiegelt eine verbreitete Auffassung wieder, 
    nämlich die, dass Beleuchtungsmängel am Fahrrad oder nicht reflektierende Kleidung eine signifikante Ursache für Verkehrsunfälle seien. 

    Diese Hypothese lässt sich mit polizeilich erhobenen Zahlen nicht untermauern, so dass Beleuchtungsmängel in erster Linie eine Ordnungswidrigkeit und evtl. eine Rücksichtslosigkeit sind. 

    In der Tat sind bei etwa 2% der Rad-Kfz-Unfälle technische Mängel (jedweder Art und bezogen auf alle beteiligten Fahrzeuge!) unfallursächlich. Bei rd. 2/3 der Rad-Kfz-Unfälle sind es Abbiege-/Vorfahrtfehler.

    Ein Einwand sei aber doch erlaubt: Bei Abbiegeunfällen in Dämmerung und Dunkelheit hilft der Schulterblick des Kfz-Fahrers u.U. nicht, einen Unfall zu verhindern, wenn das Fahrrad kein wahrnehmbares Scheinwerferlicht hat. Reflektierendes Beiwerk an Rad und Radfahrer(in) hilft in einem solchen Fall auch nicht – wie immer, wenn sie sich nicht im Scheinwerferlicht des Kfz befinden. Aktive Fahrradbeleuchtung hat schon deshalb ihren Sinn.

  5. avatar Markus MK sagt:

    Wenn der Schulterblick nicht zur hemmungslosen Sorglosigkeit beitragen kann, ist es durchaus sinnvoll darüber nachzudenken, in Schrittgeschwindigkeit abzubiegen und sich so um die Kurve herumzutasten.
    Das passt nur nicht so gut zu der entspannenden Tätigkeit, womit Autofahren beworben wird. Dabei werden schnell wichtige Dinge oder Personen eine Weile lang ausgeblendet.
    Vielleicht kann der WDR die weitverbreitete Auffassung mit einer Berichterstattung eindämmen, die das wesentlich höhere Gefährdungspotenzial und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen des motorisierten Verkehrs insbesondere in der dunklen Jahreszeit unterstreicht. Das würde meine Empörung über einen geplanten Sendebeitrag erheblich mildern.
    Hier im Blog sind unzählige Bilder und Berichte von so “komischen Stellen” an Radwegen oder Verkehrshindernisse sonst wo, an denen manche absteigen oder langsam, bedacht und vorsichtig fahren müssen. Diese Art der Verkehrsberuhigung ist überwiegend den Radfahrern gewidmet.

  6. avatar Rainer Frohnhoff sagt:

    Da ich sowohl hier im Blog wie auch auf fb bei den Kölner Radfahrern kundgetan habe, dass ich z.T. aus Sicherheitserwägungen aber auch um etwaigen Autofahrerausreden vorzubeugen, auch tagsüber mit Licht fahre, habe auch ich eine Einladung für den genannten WDR-Beitrag bekommen.
    Ich war etwas überrascht, da ich auf fb eigentlich klargestellt hatte, dass ich mich keineswegs als Tagfahrlichtmissionar sehe. Ich hatte dort auch einen Fall geschildert, bei dem alles nichts genützt hat.
    Auch bei meiner Einladung hatte man „den guten Zweck“ herausgestellt – die scheinen ihren Hajo Friedrichs schon vergessen zu haben. Da man schon mehrere Absagen bekommen hätte, müsste der Beitrag sonst „beerdigt werden“.
    Eingedenk der bisherigen WDR-Beiträge zum Thema sicheres Radfahren – Victim Blaming reinsten Wassers – habe ich abgelehnt und die schon vom WDR angedachte Alternative vorgeschlagen.
    Untote Ratschläge gibt es schon genug!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.