Tod eines Fahrrades – authentischer Bericht

An dieser Stelle geben wir den auf einem Gutachten basierenden Bericht des Vaters einer im Kölner Straßenverkehr von einem LKW getöteten Radfahrerin als Gastbeitrag unverändert wieder.

Ein LKW gibt an, dass er vor einer Ampel gewartet habe und bei Grün weiterfuhr,
um rechts auf ein Grundstück zu fahren. Auf einmal hätte es geruckelt.
Ein Fahrrad habe er nicht gesehen.

Ein Zeuge sagt, dass er hinter dem LKW gefahren sei. Ein Fahrrad mit gelbem Schal sei parallel auf dem Radweg gefahren. Als der LKW nach rechts auf das Grundstück abbog, sei es zum Zusammenstoß gekommen. Das Fahrrad hat sich im Bereich des Beifahrerfensters vom LKW weg gedrückt

Ein Zeuge sagt, er sei zu seinem Auto gegangen und habe ein Geräusch gehört.
Als er sich umdrehte, habe er einen LKW gesehen zwischen dessen Reifen ein Fahrrad mit gelbem Schal lag.

Die Ablaufanalyse ergab:

Der LKW näherte sich dem Unfallort mit etwa 46 km/h, verlangsamte seine Geschwindigkeit auf 1 km/h, hielt aber nicht an, sondern beschleunigte auf etwa 17 km/h und bog rechts über den Fahrradweg auf das Grundstück ab. Bis zum Stillstand des LKW in der Endlage fand eine leichte Verzögerung ohne starke Bremsung statt.

Parameter der Analyse:

Fahrrad konstant 10km/h
LKW Fahrverlauf entsprechend digitalem Kontrollgerät

20 Sek vor Kollision:
Der LKW bremst leicht etwa 30 km/h fahrend. Das Rad mit dem gelben Schal fährt dem roten Radweg ca. 16 m vor dem LKW rechts.
Es ist im mittleren Frontscheibenbereich vollständig sichtbar.

18 Sek vor Kollision:
Der LKW bremst leicht etwa 15 km/h fahrend. Das Rad mit dem gelben Schal fährt auf dem roten Radweg ca. 10 m vor dem LKW rechts.
Es ist im mittleren Frontscheibenbereich vollständig sichtbar.

16 Sek vor Kollision:
Der LKW bremst leicht etwa 15 km/h fahrend. Das Rad mit dem gelben Schal fährt auf dem roten Radweg ca. 7 m vor dem LKW rechts.
Es ist im mittleren Frontscheibenbereich vollständig sichtbar. Der Gepäckträger des Rades wird von der A-Säule des LKW leicht verdeckt.

14 Sek vor Kollision:
Der LKW bremst leicht etwa 15 km/h fahrend. Das Rad mit dem gelben Schal fährt auf dem roten Radweg ca. 6 m vor dem LKW rechts.
Das Rad ist kurzfristig leicht verdeckt.

12 Sek vor Kollision:
Der LKW langsam rollend ca. 1-3 km/h. Das Rad mit dem gelben Schal fährt auf dem rot markierten Radweg vollständig sichtbar ca. 8 m vor dem LKW rechts.
Es ist im rechten Frontscheibenbereich vollständig sichtbar.

10 Sek vor Kollision:
Der LKW beschleunigt. Das Rad mit dem gelben Schal fährt auf dem rot markierten Radweg 11 m vor dem LKW rechts. Es ist im rechten Frontscheibenbereich vollständig sichtbar.

08 Sek vor Kollision:
Der LKW hat auf ca. 17 km/h beschleunigt. Das Rad mit dem gelben Schal fährt auf dem rot markierten Radweg ca. 11 m vor dem LKW rechts.
Es ist im rechten Frontscheibenbereich vollständig sichtbar.

06 Sek vor Kollision:
Der LKW fährt langsam verzögernd auf ca. 17-15 km/h. Das Rad mit dem gelben Schal fährt auf dem rot markierten Radweg ca. 9 m vor dem LKW rechts.
Es ist im rechten Frontscheibenbereich vollständig sichtbar.

05 Sek vor Kollision:
Der LKW fährt langsam verzögernd mit ca. 15 km/h. Das Rad mit dem gelben Schal fährt auf dem rot markierten Radweg ca. 7 m vor dem LKW rechts.
Es ist im rechten Frontscheibenbereich fast vollständig sichtbar.

04 Sek vor Kollision:
Der LKW fährt langsam verzögernd mit ca. 15 km/h Das Rad mit dem gelben Schal fährt auf dem rot markierten Radweg ca. 6 m vor dem LKW rechts.
Es ist teilweise durch die A-Säule verdeckt in der rechten Ecke der Frontscheibe sichtbar.

03 Sek vor Kollision:
Der LKW fährt langsam verzögernd mit ca. 14 km/h. Das Rad mit dem gelben Schal fährt auf dem rot markierten Radweg ca. 5 m vor dem LKW rechts.
Es ist teilweise durch die A-Säule verdeckt in der rechten Ecke der Frontscheibe teilweise sichtbar.

02 Sek vor Kollision:
Der LKW fährt langsam verzögernd mit ca. 13 km/h. Das Rad mit dem gelben Schal fährt auf dem rot markierten Radweg ca. 7 m vor dem LKW rechts.
Das Rad ist in der rechten Türscheibe zu sehen.

01 Sek vor Kollision:
Der LKW fährt langsam verzögernd mit ca. 13 km/h. Das Rad mit dem gelben Schal fährt auf dem nicht mehr rot markierten Radweg ca. 8 m rechts neben dem LKW.
Das Rad ist im rechten Seitenfenster des LKW zu sehen.

Kollision:
Der LKW fährt langsam verzögernd mit ca. 12 km/h. Das Rad mit dem gelben Schal ist im Bereich der Grundstückszufahrt auf dem nicht mehr rot markierten Radweg rechts neben dem LKW.
Das Rad ist im rechten Bordsteinspiegel und Frontspiegel und dem rechten Seitenfenster des LKW zu sehen.

Der LKW hört das Überrollen des Rades fährt weiter. Der LKW zerstört mit dem rechten Hinterrad die rechte Seite des Fahrradlenkers multiflexibel, mit dem linken Hinterrad profiliert er die linke Seite des Fahrradlenkers. Das Rad bekommt zahlreiche Lackschäden und Verbrennungen. Nach 9,6 Sekunden zerstört der LKW den Scheinwerfer des Rades und legt das Scheinwerferglas 30 cm neben den verbogenen Rahmen des Rades ab. Der Gelbe Schal ist jetzt rot.

Nach 10,5 Sek hält der LKW an, schaut zurück und sagt: Ich hab geglaubt, ich bin über eine Mülltonne gefahren.

Das Urteil:
Der LKW erhielt 6 Monate auf Bewährung wegen Uneinsichtigkeit.
Ein Fahrverbot wurde nicht verhängt.

Nur ein Viertel der Beerdigungskosten wurden bisher erstattet.

© 05/2015 W. Hartmann, 74389 Cleebronn

Hintergrund zum Unfall:

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Über Christoph Schmidt

Ich bin seit einiger Zeit radverkehrspolitisch in Köln tätig und kam über die Critical Mass Köln und das Thema Radverkehr zum ADFC Köln. Dort bin ich Vorsitzender des Kreisverbands mit gut 3.000 Mitgliedern. Neben dem ADFC-Blog schreibe ich auch für unsere Zeitschrift fahrRAD! und die Sozialen Medien unseres Kreisverbands. Im Berufsleben bin ich IT-Unternehmer und dort fast ausschließlich mit Bahn und Rad unterwegs.
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26 Kommentare zu Tod eines Fahrrades – authentischer Bericht

  1. avatar Thomas sagt:

    Die verlinken Artikel am Ende zeigen wie viel Leid ein Unfall auslösen kann. Es kommt weit mehr als nur ein Mensch zu Schaden, es trifft auch alle Verwandten, Freunde, Bekannte.

    Wenn die technischen System noch nicht so weit sind, dass ein LKW sicher von einem Fahrer bewegt werden kann, dann sollte es auch nicht erlaubt sein. Alle LKW plötzlich zu verbieten ist zwar nicht möglich, ohne das alles zusammen bricht, aber eine Beifahrerpflicht wäre möglich.

    Da soll der Sprecher vom Bundesverkehrsministerium mal bitte ehrlich sein, dann würde die Aussage vom ihm so lauten: “Aber: Solche Systeme seien derzeit erst in der Entwicklung und hätten „noch nicht den nötigen technischen Reifegrad“ für einen Einsatz in Lastwagen. Bis es so weit ist, dass wir ohne unsere Schmiergeldgeber zu verärgern etwas gegen diese Gefahren tun können sind uns die Profite der Speditionen und Firmen wichtiger als ein paar Menschenleben.”

  2. avatar Elmar sagt:

    Beim Lesen stellen sich mir die Nackenhaare auf und eine Gänsehaut überzieht meinen Körper. Ich kann nicht glauben, dass mit so wenig Aufmerksamkeit und über eine solche Strecke ein Fahrrad nicht wahrgenommen wird.
    Die Rechtssprechung in Deutschland verstehe ich in vielen Fällen schon lange nicht mehr. Auch hier ist mir vollkommen unklar, wie sich so ein Urteil begründen lässt. Der Radfahrer als Freiwild? Nicht mehr als ein Tier vor dem Gesetz, welches als Sache gilt?
    Ich bin erschüttert!

  3. avatar Pedelecer sagt:

    Solange Politiker und Verantwortliche nicht mehr für Radfahrer tun, wird sich an dem Dilemma nichts ändern. Was glaubt Ihr, wie oft mir die Vorfahrt genommen wird? Trotz Tagfahrlicht wird aus der Grundstücksausfahrt heraus gefahren. Die schauen mich sogar an und fahren trotzdem. Überholen mich und biegen vor mir rechts ab. Wenn man sich an der nächsten Ampel beschwert, bekommt man noch eine freche Antwort! Radfahrer zählen eben nicht zum Verkehr, gleichberechtigt schon gar nicht.

  4. avatar Norbert Paul sagt:

    Und wie bekommt man Trucker dazu, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass sie etwas gefährliches tun?

    • Es gibt einige Fahrradaktivisten, die immer wieder das Gespräch suchen, z.B. mit den sogenannten Transportbotschaftern. Aber leider sind die weitgehend unerreichbar für Argumente. Es gibt dort immer wieder Tote-Winkel-Kampagnen, in denen Spiegel entfernt, falsch eingestellt oder abgeklebt werden. Diese sollen dann beweisen, dass man ein ganzes Universum im toten Winkel verstecken könnte…

      Leider wird Verkehrssicherheit in Deutschland zu großen Teilen von der Deutschen Verkehrswacht und dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat vermittelt. Schaut man genauer hinter diese Organisationen, muss man leider erkennen, dass dies nichts als eine verkappte Autolobby ist.

      Statt einer Kampagne für eine Beifahrerpflicht im LKW, eine Bitte, Radfahrer nur zu Überholen, wenn es Sinn macht, Spiegeleinstellschulungen oder die Forderung nach sichereren Fahrzeugen (Verändertes Fahrerhaus, elektronische Assistenzsysteme, Transparente Türen – das könnte es alles schon am Markt geben!) macht man lieber Aufkleber nach dem Motto, “Ich nehme Dir die Vorfahrt, egal ob ich Dich sehe!”. Das gilt dann bei Nutzfahrzeuglenkern gern als Generalabsolution für rücksichtsloses Fahren. Nein, eine wirkliche Idee, wie man hier die Trucker erreicht, habe ich leider auch nicht.

      Bevor das falsch bei einem Leser ankommt: Bitte niemals neben oder dicht vor einen LKW stellen. Nur die Schuldumkehr solcher Kampagnen ist mein Kritikpunkt.

      • avatar Norbert Paul sagt:

        Aber das ist das Entscheidende: Das Bewusstsein ändern. Da brauchen wir eine Idee, wie das gehen kann.

      • avatar Krampfradler sagt:

        Bitte niemals neben oder dicht vor einen LKW stellen.

        Wohlgemerkt: Der Radfahrer soll…, nachdem er auf einem vom ADFC verlangten oder bejubelten Radweg in den toten Winkel gezwungen wurde. Viel einfacher und glaubwürdiger wäre, Fahrbahn zu empfehlen.

        • Es handelt sich hier um ein Blog, in dem ADFC-Mitglieder schreiben. Diese Artikel geben nicht zwangsläufig die Meinung des ADFC wieder.

          Vor zwei Wochen warf eine Autorin dieses Blogs in einem Artikel dem ADFC vor, dass er das Fahren auf der Straße propagiere. Im Kommentar hier, wird dem ADFC vorgeworfen, er propagiere Radwege. Die Wahrheit liegt wohl eher in der Mitte: Position des ADFC zu Radverkehrsführungen.

          Ich selbst bin der Meinung, dass sehr viele Radwege – vor allem innerorts – nicht sicher sind und das Fahren auf der Straße dort besser ist. Dennoch werde ich hier keine Empfehlung aussprechen, benutzungspflichtige Radwege nicht zu nutzen.

          Wenn wir wirklich den Modal Split auf Dauer in Richtung des Umweltverbunds (Fuß, Rad, ÖPNV) verschieben wollen, werden wir um eine gut gemachte (!) Separation auf vielen Straßen nicht drum herum kommen. Dazu gehört dann aber neben Mindestbreiten etc. auch eine getrennte Grünphase zur Vermeidung von Rechtsabbiegeunfällen.

          • avatar Krampfradler sagt:

            Beides ist mir bewußt, lenkt aber ab von “Bitte niemals neben oder dicht vor einen LKW stellen.”, genau so wie der Modal Split.

            > werden wir um eine gut gemachte (!) Separation auf vielen Straßen nicht drum herum kommen

            Wie man daran noch nach 80 Jahren Lug und Betrug glauben kann, ist mir schleierhaft.

            • Ich verstehe den Kommentar nicht. In den Niederlanden und Dänemark gibt es durchaus Separation, die funktioniert. Das geht nur mit viel breiteren Radwegen und einer vollständig unterschiedlichen Ampelregelung. Was ist daran konkret falsch?

              • avatar Krampfradler sagt:

                Radwege kosten Leben, Geld und Nerven. Also ist die einzig richtige Frage: Was ist daran konkret richtig?

                > gibt es durchaus Separation, die funktioniert

                Ich vernahm, das Autofahrer dort noch vehementer ihr Revier verteidigen, als das hier das Fall ist. Es funktioniert also nicht. Und wie siehts dort mit “Bitte niemals neben oder dicht vor einen LKW stellen.” aus?

                • Grün NUR für geradeaus fahrende Radfahrer = Rot für Rechtsabbiegende LKW. Wo ist da noch das Problem?

                • avatar Norbert Paul sagt:

                  Ich kann es nicht belegen, finde es aber sehr plausibel, dass viel Seperation dazu führt, dass damit der Anspruch auf verkehrsartenreine Verkehrsräume steigt und die Kompetenz im Umgang mit nicht verkehrsarten reinen Räumen sinkt.

          • avatar Krampfradler sagt:

            Behauptungen aufstellen, Fragen dazu nicht beantworten.

            > Die Wahrheit liegt wohl eher in der Mitte

            Nein. Die Süddeutsche belegt mit einem neuem Interview, daß der ADFC weiterhin Todeswege will.

            • avatar Norbert Paul sagt:

              Genau genommen gibt es ja nicht den einen ADFC. Der ADFC besteht aus lauter selbstständigen Vereinen vor Ort. Und wenn ein Vorsitzender in der Provinz meint, er wisse alles besser und macht, was er will, könne LV und BV den nicht einfach zurückpfeifen etc.

              Interessant wäre, mal zu untersuchen, ob folgende These belegbar ist: Je älter (durchschnittliches Aktivenalter) und/oder touristischer der OV/KV, desto mehr befürwortet die ADFC-Gliederung Radverkehrsförderung zu Gunsten von Fußverkehr (Gehweg – Radfahrer frei entlang von Straßen) und Bordsteinradwege.

              • avatar Krampfradler sagt:

                > Genau genommen gibt es ja nicht den einen ADFC.

                Das dient nur als Ausrede, um nicht gegen Verstöße gegen Beschlüsse vorgehen zu müssen und Erkenntnisse ignorieren zu können.

                > desto mehr befürwortet

                Es gibt kein Mehr oder Weniger. Ich hatte mal 1/3 aller damaligen ADFC-Webseiten daraufhin untersucht, ob man sich grundsätzlich für oder gegen Radwege ausspricht. Nur 2 oder 3 hatten was gegen Wegelchen, bei einigen war es nicht ersichtlich. Alle anderen waren dafür, bejubelten teils sogar offensichtlichen Schrott.

                > Bordsteinradwege

                Das unterscheide ich nicht, da die Folgen dieselben sind. Ghetto bleibt Ghetto.

                • avatar Norbert Paul sagt:

                  > Genau genommen gibt es ja nicht den einen ADFC.

                  Das dient nur als Ausrede, um nicht gegen Verstöße gegen Beschlüsse vorgehen zu müssen und Erkenntnisse ignorieren zu können.

                  Ich glaub kaum, dass diese Struktur deswegen entstanden ist. In der Rückperspektive kann man das als Nutzen der Struktur so sehen. Aber ich bin kein Vereinshistoriker, aber ich finde es wenig plausibel, dass man einen Verein gegründet hat, der so organisiert ist, dass man nicht einer Meinung sein muss.

                  > desto mehr befürwortet

                  Es gibt kein Mehr oder Weniger. Ich hatte mal 1/3 aller damaligen ADFC-Webseiten daraufhin untersucht, ob man sich grundsätzlich für oder gegen Radwege ausspricht. Nur 2 oder 3 hatten was gegen Wegelchen, bei einigen war es nicht ersichtlich. Alle anderen waren dafür, bejubelten teils sogar offensichtlichen Schrott.

                  Warum soll es zwischen weiß und schwarz nicht Grauschattierungen geben?

                  Wann war “mal”?

                  > Bordsteinradwege

                  Das unterscheide ich nicht, da die Folgen dieselben sind. Ghetto bleibt Ghetto.

                  Es ist eben nicht wirklich das Gleiche, da schon die Rechtslage eine andere ist. Da ist ein Geheweg-Radfahrer noch schlechter als ein Bordsteinradweg. Auch aus Fußverkehrssicht, ist Gehweg-Radfahrer frei ein großes Problem.

  5. avatar Danny sagt:

    Danke Christoph! In wenigen Sätzen auf den Punkt gebracht, wofür ich ganze Romane gebraucht habe. Das macht wohl den Unterschied zwischen Profi und Hobbyschreiber.

    Warum werden Organisationen wie DEKRA, Verkehrswacht und DVR selbst in weiten Journalistenkreisen so vorbehaltlos als unabhängige Experten akzeptiert und jederzeit zitiert, obwohl ihre Verflechtungen doch für jeden frei im Internet zugänglich sind? Warum dürfen die völlig ungehindert eine Art von Propaganda betreiben, die in meinen Augen gelegentlich hart an der Grenze zur Volksverhetzung kratzt? Und in letzter Konsequenz durch die gezielte Beeinflussung des Bewusstseins von Otto Normalkraftfahrer immer mehr Tote fordert statt weniger. Es wäre zu schön, wenn jetzt endlich die überfällige öffentliche Diskussion zu dem Thema in Gang käme.

    Im Übrigen ziehe ich an dieser Stelle meinen Hut vor den “fanatischen Radaktivisten” in den Truckerforen, die beharrlich weiter auf Granit rumkauen!

    • avatar Norbert Paul sagt:

      Aber wer ist schon unabhängig? Der ADFC z. B. genauso wenig, weil auch er ein Klientel vertritt.

      Naja, ich würde das Verbreiten zweifelhafter Thesen nicht mit Volksverhetzung gleichsetzten, auch nicht ansatzweise. Das hat doch eine andere Qualität.

    • Danke für die Blumen. Profi bin ich auch nicht, ich schreibe hier wie alle anderen als Ehrenamtlicher.

      Ich denke, Du beziehst Dich auf meinen Kommentar? Der Text im Artikel selbst ist von Werner Hartmann, der nach wie vor mit den Mühlen der Politik, Verwaltung, Justiz und Versicherungen kämpft. Den Text habe ich beim Ride of Silence in Köln am Mittwoch neben Kerstins Geisterrad vorgelesen.

      Volksverhetzung passt nicht, aber ich verstehe, was Du meinst. Als ADFC sind wir natürlich eine interessengesteuerte Lobby, wie Norbert richtig anmerkt. Gegen Millionenbudgets hilft nur Öffentlichkeitsarbeit und der Versuch eines Gegenpols.

      • avatar Danny sagt:

        Sorry Christoph, hatte vergessen, den Antwort-Button zu drücken. Natürlich bezog sich das auf deinen Beitrag. Und ignorier den Satz mit Profi, der klingt ohnehin schleimig! 😉

        Christoph und Norbert: Die Formulierung mit der Volksverhetzung hätte ich nachträglich gern editiert, wenn das möglich gewesen wäre. Selbst in meiner vorsichtigen Wortwahl war das unangemessen. Nur fehlt mir die rechte Bezeichnung, wenn unter dem Deckmantel der Aufklärung Radfahrer pauschal als wahnsinnige Lemminge dargestellt werden, die sich jederzeit heimtückisch von hinten in den Blindbereich verantwortungsbewusster LKW-Fahrer schleichen, wenn diese schon klar und deutlich ihre Absicht abzubiegen anzeigen oder gar bereits mitten im Abbiegevorgang sind.

        Dagegen ist bei den allermeisten der tödlichen Abbiegeunfälle der Radfahrer erst vom LKW passiert und dann überfahren worden – wie Kerstin. Das hat mit dem toten Winkel nicht das Geringste zu tun, dennoch ist genau das in den letzten Jahren der Bevölkerung sehr erfolgreich in den Kopf gehämmert worden. Bei Polizei und Redakteuren heißt es inzwischen standardmäßig “typischer Toter-Winkel-Unfall”, und in den Kommentarbereichen häufen sich Statements wie “Das war doch blanker Selbstmord!” oder “Wie kann man nur so dumm sein?”. Vielleicht wäre “Gehirnwäsche” ein passender Begriff?

        Mit dem Abschieben der kompletten Verantwortung auf die ach so dummen Unfallopfer werden die tatsächlich erforderlichen Maßnahmen zur Problemlösung blockiert (was mich als Ingenieurin allein schon wütend macht!) und damit weitere vermeidbare Opfer zumindest billigend in Kauf genommen. Wenn Kerstins sinnloser Tod wenigstens eine breite öffentliche Diskussion zu diesem Thema anstoßen könnte, die den Verantwortlichen endlich mal echten Druck machen würde…!

        Dass gemeinnützige Organisationen niemals komplett unabhängig von Wirtschaftsunternehmen sind und sein können, ist völlig klar. Da sehe ich auch gar kein Problem drin. Wo sonst sollte die nötige Fachkompetenz herkommen? Der Dreh- und Angelpunkt ist die offene und transparente Kommunikation dieser Abhängigkeiten. Und die umfasst mehr als eine pauschalisierte Veröffentlichung der Mitglieder auf der eigenen Homepage. Entweder bemüht man sich tatsächlich nach bestem Wissen und Gewissen um Neutralität, oder man markiert seine Aktivitäten klar und deutlich:

        “Wir klären auf zum Thema Verkehrssicherheit in Diensten und im Sinne u.a.
        des Verbands der Automobilindustrie,
        zahlreicher namhafter Automobilhersteller und -zulieferer,
        der deutschen Transportunternehmen,
        des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft.”

        Dann wüsste jeder Bescheid und könnte alle Aussagen entsprechend einordnen. Sich jedoch als unabhängig zu bezeichnen, wenn man in Wahrheit systematische Lobbyarbeit betreibt, ist Etikettenschwindel!

  6. avatar Hoffi sagt:

    Sehr eindrucksvoller Bericht, den ich gerne als Argument in den berüchtigten Diskussionen verwenden würde, in denen den Opfern vorgeworfen wird, ihre Vorfahrt erzwungen zu haben.
    Nur eine Frage: Warum wurde mit 10 km/h für die Radfahrerin gerechnet? Das erscheint mir arg langsam.

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