Radverkehr im Kölner Bürgerhaushalt 2017

Beim Kölner Bürgerhaushalt können die Bürger Vorschläge machen, die dann positiv und negativ bewertet und kommentiert werden können. Die 10 am besten bewerteten Vorschläge pro Bezirk werden dann in der jeweiligen Bezirksvertretung, also dem zuständigen Stadtteilparlament, diskutiert. Das Gremium ist dann frei in seiner Entscheidung, welche Vorschläge es mit einem Gesamtbudget von 100.000 Euro unterstützen will. Zusätzlich gibt es auch eine Top 10 für bezirksübergreifende Vorschläge.

Auch in diesem Jahr haben die Menschen wieder einmal gezeigt, welche Themen ihnen am Herzen liegen. Für uns nicht überraschend, ist der Fuß- und Radverkehr ganz vorne dabei. Wir haben uns die jeweiligen Top 10 angesehen.

Bezirksübergreifende Vorschläge

In den bezirksübergreifenden Vorschlägen fordern die Kölner Bürger die Einrichtung eines ernstzunehmenden Ordnungsamts, dass sich um die Behinderung und Gefährdung durch Falschparker kümmert. Auch das Thema Falschparken ist schon ein ein Evergreen im Bürgerhaushalt. Hier verwies man im letzten Jahr auf geplante Aktionstage. Auch wenn konzertierte Aktionen gegen das Parken auf Radwegen zu begrüßen sind, bedarf es dennoch einer Haltungsänderung im Amt 32. Der primäre Fokus auf Parktickets ist ein Hindernis für das Wachstum des Radverkehrs in unserer Stadt. Der gesetzliche Regelfall wäre es, Falschparker auf Radwegen abzuschleppen, statt nur hin und wieder ein Knöllchen zu verteilen.

Außerdem wird von sehr vielen Bürgern die Einführung des sogenannten Idaho-Stops für Radfahrende im Rahmen eines Verkehrsversuchs gefordert. Dabei wird eine rote Ampel für den Radverkehr zum Stopp-Schild und ein Stopp-Schild zu einem Vorfahrt achten. Mit einem Ursprung im US-Bundesstaat Idaho wurde dies schon in vielen Ländern eingeführt – ohne dass sich dabei die Unfallzahlen negativ entwickelt hätten. Hintergrund ist, dass die Ampelschaltungen ausschließlich auf den Kfz-Verkehr ausgelegt sind und Radfahrende daher auf Strecken mit vielen Ampeln sehr häufig halten müssen. Würde man den Radlern hier den Idaho-Stop ermöglichen, würde das aus Sicht der Befürworter nicht nur den Radverkehr attraktiver machen, sondern durch die Entzerrung der Kreuzungsquerung auch Vorteile für den Autoverkehr bringen. Eine Ähnliche Regelung – das legale Rechtsabbiegen bei Rot – wurde vor einiger Zeit vom ADFC angeregt und auch auf Antrag der damaligen Piraten in der Politik beschlossen, aber leider von der Verwaltung nicht als Verkehrsversuch in Düsseldorf und Berlin beantragt.

Die schnelle Einführung von Radschnellwegen wird in einem weiteren Vorschlag gefordert, der breite Zustimmung findet. Radschnellwege sind auch schon lange eine Forderung der Kölner Radverkehrsverbände. Im letzten Jahr verwies die Verwaltung hier auf die Planung des kürzesten Radschnellweg Deutschlands von Frechen bis zum Grüngürtel. Ein richtiges Netzkonzept steht jedoch immer noch aus. Das Gleiche gilt für das innerstädtische Radwegenetz, welches nach einem weiteren Vorschlag ausgebaut werden soll. Die derzeitigen viel zu schmalen und hinter Autos versteckten Radwege sind ebenso nicht ausreichend, wie die zugeparkten Streifen auf den Fahrbahnen.

Vorschläge für den Bezirk Chorweiler

Auch in Chorweiler sind immerhin drei der zehn meistunterstützten Vorschläge für den Radverkehr. So wird ein Radschnellweg von der Innenstadt bis nach Chorweiler vorgeschlagen. Dies ist übrigens auch der einzige Wunsch, den Chorweilers Bezirksbürgermeister vor wenigen Wochen auf einer Veranstaltungsbühne äußerte. Er erhofft sich wie zahlreichen Bürger mit einem Radschnellweg eine bessere Anbindung seines Bezirks an das Zentrum und eine Entlastung der Infrastruktur.

Außerdem soll nach dem Willen der Bürger der Rad- und Fußweg an der Neusser Landstraße saniert werden, da dieser insbesondere von Berufspendlern genutzt wird. Auch Besucher des Fühlinger Sees würden sich sicher darüber freuen. Vielleicht können diese beiden Vorschläge kombiniert werden.

Zusätzlich wird für Chorweiler eine Ansiedelung eines Leihradsystems gefordert. Insbesondere Pendler würden die Räder sicher gerne nutzen, um zumindest einen Teil des Weges mit dem Rad zurückzulegen und das eigene Fahrrad nicht an einer Haltestelle stehen lassen zu müssen.

Vorschläge für den Bezirk Ehrenfeld

Der fahrradaffine Bezirk Ehrenfeld hat im Bürgerhaushalt erwartungsgemäß mehrheitlich Fahrradthemen in die Top 10 gewählt.

Ein wichtiges Thema ist den Ehrenfeldern die Venloer Straße. Hier erhoffen sich die Bürger, dass die Venloer Straße sicherer und komfortabler für Fußgänger und Radfahrende wird, in dem diese z.B. in eine Einbahnstraße gewandelt wird. Der gewonnene Platz könnte so dem nichtmotorisierten Verkehr zugeordnet werden. Entsprechend könnte die Subbelrather Straße die Gegenrichtung bilden. Ähnlich machen es ja auch viele Städte in den USA. Ebenso wird die Anbindung der Venloer Straße an der Inneren Kanalstraße kritisiert, da hier die Wegführung sehr unübersichtlich ist.

Aber auch der Gürtel ist ein Thema in den Vorschlägen, die es in die Top 10 geschafft haben. Die Bürger erhoffen sich hier eine bessere Anbindung an Lindenthal und die Aachener Straße. Etwas weiter geht ein Vorschlag, der dem Gürtel in Ehrenfeld einen anderen Querschnitt geben will. Die beiden Fahrstreifen des Gürtels sollen so aufgeteilt werden, dass dem Autoverkehr und dem Radverkehr jeweils ein eigener Fahrstreifen zusteht und das Hochboard den Fußgängern bleibt. Der bei den Bürgern beliebte Vorschlag sieht hier das Potential für einen geschützten Radschnellweg durch den Bezirk.

Nicht zuletzt wird in einem der am höchsten bewerteten Vorschläge gefordert, die Fahrradwege- und spuren an der Venloer und im ganzen Bezirk von Falschparkern freizuhalten. Außerdem werden wesentlich mehr Fahrrad- statt Autostellplätze gefordert, da die Mehrheit der Ehrenfelder schon lange nicht mehr mit dem Auto unterwegs ist.

Vorschläge für den Bezirk Innenstadt/Deutz

Für den Bezirk Innenstadt geht es bei neun von zehn Themen um den Fuß- und Radverkehr. Hier sieht man wieder einmal, welche Bedeutung der Radverkehr in der City hat, zumal auch viele Bürger aus den anderen Bezirken mit dem Rad in die Stadt rein oder durch die Stadt pendeln.

So wurde die seit einem Vierteljahrhundert geforderte Nord-Süd-Verbindung für den Radverkehr erneut mit weitem Abstand auf den ersten Platz aller Vorschläge im gesamten Bürgerhaushalt gewählt. Im letzten Jahr versuchte die Verwaltung in ihrer Stellungnahme zum Bürgerhaushalt die Öffnung der Hohen Straße als neue Nord-Süd-Achse zu verkaufen. Die Radfahrenden wollen aber ganztägig vorankommen und benötigen eine zeitnahe Lösung z.B. durch eine Protected Bike Lane auf der Nord-Süd-Fahrt und eine Öffnung des Rheinufertunnels für den Radverkehr. Ein weiterer Vorschlag in der Top 10 wünscht sich eine Radwegmarkierung am Rheinufer vor der Altstadtpanoramazeile.

Der zweitplatzierte Vorschläge im Kernbezirk will den Autoverkehr aus der Ehrenstraße / Breite Straße weitgehend herausgenommen werden, da in diesen Straßen der Fuß- und Radverkehr dominieren.

Für die Innenstadt wird ein möglichst flächendeckendes Tempo 30 gefordert. Hierfür hat der Gesetzgeber allerdings deutliche Hürden gesetzt, die die Verwaltung gerne möglichst ausreizt. Aber durch die letzte StVO-Novelle wurde die Anordnung von Tempo 30 – auch auch Hauptverkehrsstraßen – deutlich vereinfacht. Wenn man rund um jede Kita, jede Schule und jede Senioreneinrichtung Tempo 30 einführt, wie es die StVO nicht nur erlaubt ist, sondern erfordert (!) wird, ist bereits ein großer Teil der Innenstadt abgedeckt. Wir hoffen, dass die Stadt dies bei ihrer Stellungnahme berücksichtigt.

Die Ausweitung des Miniaturpiloten für #RingFrei auf die gesamten Ringe wird ebenso gefordert, wie eine verbesserte Querung, im Idealfalle sogar weitgehende Befreiung des Neumarkts vom Autoverkehr. Und auch für die Querung des Rudolfplatzes – einerseits auf der Ost-West-Achse, andererseits auch für die kommende Fahrradstraßenroute Wälle – wollen die Bürger eine Lösung sehen.

Vorschläge für den Bezirk Kalk

In Kalk geht es in mehreren Vorschlägen um die Trimbornstraße. Die Bürger fordern eine Verkehrsberuhigung und die Reduktion des Parkraums, um mehr Sicherheit und Platz für Fußgänger und Radfahrende zu schaffen. Insbsondere rund um die gleichnamige Haltestelle geht es bislang eng zu. Eine Lösung könnte es sein, die Unterführung unter den Bahngleisen für den Autoverkehr zu sperren und so den Durchgangsverkehr aus der Straße zu bekommen.

Der am höchsten bewertete Vorschlag fordert die Sanierung des Radwegs an der Rösrather Straße, der derzeit in einem sehr schlechten Zustand ist und Rath mit Ostheim verbindet.

Vorschläge für den Bezirk Lindenthal

Auch in Lindenthal werden in mehr als der Hälfte der Vorschläge Fahrradthemen vorgeschlagen.

Zum einen wurde von vielen Bürgern für die Ausweitung der Sperrung der Zülpicher Straße gestimmt, aber auch teils emotional in den Kommentaren diskutiert. So soll der Bereich bis zum Zülpicher Platz vergrößert werden und der Grüngürtel durch eine Entsiegelung der Flächen weitestgehend geschlossen werden.

Für die Berrenrather Straße und die Luxemburger Straße wünschen sich die Bürger Radverkehrsinfrastruktur. Für die Berrenrather ist diese bereits von der Stadt in Form von „Schutzstreifen“ geplant, allerdings ist hier zu erwarten, dass diese ähnlich der Venloer oder Neusser Straße zugeparkt werden, zumal nicht einmal ein Halteverbot angeordnet werden soll.

Für den Gürtel wird vorgeschlagen, einen der beiden Fahrstreifen in einen geschützten Radfahrstreifen zu wandeln, da der Gürtel eine große Bedeutung für den Radverkehr hat und die Bezirke miteinander verbindet.

Weitere Vorschläge in den Top 10 fordern Fahrradstraßen für Sülz, um insbesondere die Schulwege besser zu gestalten, sowie generell mehr Radwege im Stadtbezirk.

Vorschläge für den Bezirk Mülheim

Auch in Mülheim hat es ein Radverkehrsthema auf Platz 1 geschafft. Ein Bürger hat hier einen Radschnellweg nach Bergisch Gladbach entlang der S-Bahn-Strecke mit Anschluss an die Mülheimer Brücke gefordert. Dieser würde den Pendlerverkehr sicher erheblich entlasten. Allerdings wurde die Führung eines Radschnellwegs über die Brücke vom Amt für Brückenbau im vergangene Jahr ohne Beteiligung der Politik leider aktiv verhindert.

Ein anderer Vorschlag erhofft sich eine Rampe an der Mülheimer Brücke auf Mülheimer Seite, um den Clevischen/Bergischen Ring unterqueren zu können. Dies würde Radpendlern mehrere Minuten ersparen. Diese Idee haben wir bereits im letzten Jahr mit der Verwaltung diskutiert, allerdings gibt es hier einen Flächenkonflikt mit einem Sportplatz. Hoffen wir, dass der Bürgervorschlag dieses Thema noch einmal auf die politische Agenda bringt, denn der Radverkehr wurde bei der anstehenden Sanierung der Mülheimer Brücke sträflich vernachlässigt..

Ein weiterer Vorschlag fordert einen Radweg am vielbefahrenden Kalkweg zwischen Dünnwald und Dellbrück. Und einige andere Bürgerideen wünschen sich eine deutlichere Einhaltung der Tempolimits im Bezirk durch eine verbesserte Kennzeichnung von Tempo-30-Zonen und Geschwindigkeitskontrollen.

Vorschläge für den Bezirk Nippes

Im Bezirk Nippes steht wenig überraschend die Neusser Straße auf Platz 1 der Wunschliste. Die Bürger fordern hier deutliche Verbesserungen für den Radverkehr und kritisieren die völlig unzureichenden städtischen Pläne für die Umgestaltung. Es wird mehr Sicherheit und mehr Platz für Radfahrende gefordert. Außerdem haben es gleich zwei Vorschläge für eine Reduktion des Tempos auf 30 km/h in die Top 10 geschafft.

Darüber hinaus soll es nach Wunsch der Bürger eine Radschnellwegverbindung von Ehrenfeld durch Nippes bis Mülheim entlang des Gürtels geben. Durch Umwandlung einer „Autospur“ in eine Protected Bike Lane und eine Fortführung durch den Niehler Gürtel bis zur Mülheimer Brücke würde vielen Menschen das Pendeln mit dem Fahrrad vereinfachen und den Verkehr im Bezirk Nippes deutlich entlasten.

Auch für die Niehler Straße werden im Bürgerhaushalt Verbesserungen gefordert. So soll auf der Niehler Straße mehr Aufenthaltsqualität und durch breite Radwege und Fußwege mehr Platz für den nachhaltigen Verkehr geschaffen werden. Und für die Kreuzung Innere Kanalstraße / Krefelder Straße werden in einem weiteren Vorschlag bessere Querungsmöglichkeiten gefordert.

Wie jedes Jahr fordern die Bürger auch in 2017 wieder die Freigabe des gegenläufigen Radverkehrs in den Nippeser Einbahnstraßen. Wie jedes Jahr wird die Bezirksvertretung dieses Ansinnen wohl leider wieder ablehnen. Während in anderen Bezirken der Radverkehr durch die weitgehende Einbahnstraßenöffnung einen Schub bekommen hat, hinkt hier Nippes immer noch hinterher.

Vorschläge für den Bezirk Porz

Die Porzer Bürger wünschen sich eine bessere Anbindung von Poll an die Poller Wiesen für alle, die mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs sind. Für verschiedene Straßen im Bezrik wurde darüber hinaus Radverkehrsinfrastruktur gefordert. Der Vorschlag, einen weitgehend kreuzungsfreien Radschnellweg von der Innenstadt nach Porz zu bauen stieß ebenso auf breite Zustimmung.

Einige Porzer wünschen sich die Ausdehnung der Leihradsysteme auf Porz. Da die Stadt über die Verkehrsbetriebe am nextbike/KVBrad beteiligt ist, sollte dieser Vorschlag umsetzbar sein.

Vorschläge für den Bezirk Rodenkirchen

Im Bezirk Rodenkirchen wird im Bürgerhaushalt die Sanierung des Gürtelradwegs gefordert. Dieser ist derzeit in einem extrem schlechten Zustand und entspricht darüber hinaus auch nicht mehr den heutigen Anforderungen an Sicherheit und Komfort. Ebenso sollen die Radwege an der Brühler Landstraße und der Alteburger und der Schönhauser Straße saniert werden. Zwischen den Ostteilen Meschenich, Rondorf und Godorf sollen neue Radwege geschaffen werden.

Darüber hinaus haben die Bürger für einen Radschnellweg durch den Bezirk Rodenkirchen nach Bonn gestimmt. Dieser würde zahlreichen Pendlern aus den Umlandgemeinden die Fahrt zur Uni oder Arbeit sicher deutlich vereinfachen.

Außerdem wünschen sich die Bürger verkehrsberuhigende Maßnahmen in Rondorf, die auch dem Radverkehr zugutekommen. Und die an Platz 1 geforderte Luftmessstation am Verkehrsknoten Bonner Straße / Brühler Straße würde sicher auch die eine oder Konsequenz haben, da dort die Grenzwerte wohl eher nicht eingehalten werden.

Ein zynischer Kommentar sei abschließend erlaubt: Wir sind auf die jedes Jahr immer wieder kreativen Ablehnungsbegründungen der Stadtverwaltung bereits gespannt! 😉

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Über Christoph Schmidt

Ich bin seit einiger Zeit radverkehrspolitisch in Köln tätig und bin im Vorstand des Kölner ADFC für das Thema Radverkehr zuständig. Neben dem ADFC-Blog schreibe ich auch für unsere Zeitschrift FahrRad! und betreue die Sozialen Medien unseres Kreisverbands. Außerdem bin ich ein großer Fan der Critical Mass Köln, bei der jeden letzten Freitag im Monat bis zu Tausend Radfahrende durch unsere Stadt fahren. Im Hauptberuf bin ich IT-Unternehmer und dort fast ausschließlich mit Bahn und Rad unterwegs.

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