Ride of Silence Köln 2018

Gestern Abend, am 16. Mai, fand in Köln zum vierten Mal der Ride of Silence zum Gedenken an im Straßenverkehr getötete und verletzte Radfahrerinnen und Radfahrer statt.

Miriams Geisterrad am Auenweg

Foto: Paul Hense

Mit 270 Teilnehmenden war unserer erster Halt am Auenweg. Dort erinnert ein Geisterrad an die 19-Jährige Miriam, die 2015 auf dem Radweg fahrend von einem Autofahrer, der bei einem illegalen Rennen mit über 100 Stundenkilometern die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor, überfahren und tödlich verletzt wurde. Sowohl der Unfall als auch die endlose Kette der Gerichtsverfahren haben in der Bevölkerung große Betroffenheit ausgelöst. Das Urteil wurde im laufenden Jahr zu Haftstrafen ohne Bewährung angepasst. Einer der beiden Beteiligten nahm dieses jedoch nicht an. Kurz nach dem Start hatte starker Regen eingesetzt, der allgemein als ‚Der Himmel weint mit uns‘ interpretiert wurde.

Ein Geisterrad für Monika

Zum Gedenken an die vor erst drei Wochen an einem freilaufenden Rechtsabbieger an der Boltenstern-Straße von einem LKW überrollte und getötete 56-jährige Monika wurde anschließend an der Unfallstelle ein Geisterrad für Sie aufgestellt. „An freilaufenden Rechtsabbiegern passieren immer wieder tödliche Unfälle weil hier der KFZ-Verkehr an einer Stelle beschleunigt wird, an der er besonders langsam sein müsste, damit Autofahrer in den komplexen Abbiegevorgängen alles im Blick halten können.“ erläuterte Christoph Schmidt. „Wir fordern von der Stadt schon seit langem den Rückbau aller freilaufenden Rechtsabbieger. Bisher ist aber noch nichts geschehen.“

Ansprache von Christoph Schmidt zur Geisterradaufstellung an der Boltensternstraße:

Genau an dieser Stelle kam es am 24. April dieses Jahres zu diesem schlimmen LKW-Unfall, den wir alle aus der Presse in Erinnerung haben. Der LKW stand ungefähr da, wo jetzt mein blaues Lastenfahrrad steht. Er hat quasi vor der Radfuhrt gewartet, sagen Zeugen und der LKW-Fahrer. Er stand da, weil von dahinten, wo jetzt die beiden Polizei-Bullis stehen, Linksabbieger kamen, in zwei Reihen. Die haben ja an der Stelle, wo ich jetzt stehe, Vorfahrt. Und er LKW ist da vorne stehen geblieben, weil er sah, dass er hier nicht durchfahren kann. Er hat daher den Zebrastreifen freigehalten. Und da kam es zu diesem verhängnisvollen Missverständnis, dass die Radfahrerin den stehenden LKW sieht und an ihm vorbeifährt. In diesem Moment, als sie vorbeifährt, ist der LKW leider wieder angefahren. Das sind die Unfälle, die mich immer am Meisten schockieren, weil auch ich immer sage, fahrt um Gottes Willen nicht an LKWs vorbei, die sich bewegen. Aber an einem stehenden LKW wäre ich wohl auch vorbeigefahren.

Auenweg – Foto: Julian Busch

Was hier hier haben, ist ein sogenannter freilaufender Rechtsabbieger. Das ist die Spur, wo hier der Zebrastreifen ist, zwischen mir und meinem Lastenrad. Ein freilaufender Rechtsabbieger ist im Grunde so eine Art Beschleunigungsspur, auf der man den motorisierten Verkehr, egal ob Auto oder LKW schnell und ohne Ampel durch eine Kreuzung durchleiten kann. Wir sehen ja, hier steht keine Ampel, d.h. der Autoverkehr kommt hier einfach durch. Im Grunde beschleunigt man den motorisierten Verkehr an einer Stelle, wo man ihn eigentlich entschleunigen müsste, wo alle Verkehrsteilnehmer die höchste Aufmerksamkeit benötigen, damit es nicht zu solchen Unfällen kommt.

Wir haben extrem viele von diesen freilaufenden Rechtsabbiegern in unserer Stadt. Vor einem Jahr gab es einen sehr sehr ähnlichen Unfall an der Subbelrather Straße. Hier kommt es für den Autoverkehr natürlich darauf an, den Schulterblick zu machen und die Spiegel richtig eingestellt zu haben. Wenn man sich mal hier hinstellt und den Verkehr beobachtet, stellt man fest, dass bestimmt die Hälfte der PKW keinen Schulterblick macht und die, die den Schulterblick machen, machen den erst, wenn sie die Radfuhrt schon überfahren haben, also erst vor dem Zebrastreifen. Kontrolliert wird das Thema bisher nicht richtig aktiv. Aber wir müssen ran an dieses Thema. Aber wir müssen auch darauf achten, dass der LKW-Verkehr lernt, wie man die Spiegel richtig einstellt. Das ist noch nicht gut genug. Das ist nicht einfach für einen LKW-Fahrer, so einen Abbiegevorgang zu machen. Ich möchte nicht in einem LKW sitzen und durch die Stadt fahren. Nichtsdestotrotz gibt es einige handwerkliche Dinge, wie zum Beispiel, dass man hier parallel zum Radweg steht. Das gibt es ganz tolle Dokumente von der Berufsgenossenschaft Verkehr, es wird nur kaum geschult.

Für uns Radfahrer heißt das: Können wir der Straßenverkehrsordnung noch vertrauen? Also müssen wir aufpassen, mit aufpassen letztendlich, weil wir eben nicht darauf vertrauen können, dass sich alle richtig verhalten. Auch die Infrastruktur ist nicht fehlertolerant. Wir müssen mit aufpassen. Ich mache zum Beispiel an allen Kreuzungen immer einen Schulterblick, um zu gucken, ob ich gesehen werde und wahrgenommen werde. Das geht natürlich nicht an jeder Einfahrt und gerade am freilaufenden Rechtsabbieger ist es oft sehr schwierig.

Wir haben jetzt hier noch die Möglichkeit, Kerzen aufzustellen und Blumen abzulegen für Monika, wer sie mitgebracht hat, und noch einen Moment im Stillen der Monika zu gedenken.

Regen, Regen und noch mehr Regen

Leider hatte sich der anfängliche Regen bis zur Boltensternstraße in ein Gewitter verwandelt. Darum musste aus Sicherheitsgründen die geplante Weiterfahrt zu den Geisterrädern an der Subbelrather Straße, der Aachener Straße und am Gottesweg abgesagt werden. Dennoch wollen wir zumindest in diesem Artikel an die jeweiligen Unfälle erinnern.

Mülheimer Brücke – Foto: RADKOMM/verenaFOTOGRAFIERT

Geisterrad an der Subbelrather Straße

Foto: Paul Hense

Am 15. Mai 2017 wurde ein 51jähriger Radfahrer an der Kreuzung Subbelrather Straße / Innere Kanalstraße von einem LKW getötet. Der Unfall kam auf einem freilaufenden Rechtsabbieger zustande, einer ampelfreien Abbiegespur zum schnellen Rechtsabbiegen. Diese Infrastruktur trägt neben dem rücksichtslosen Verhalten der motorisierten Verkehrsteilnehmer maßgeblich zu Unfällen bei.

Gianlucas Geisterrad an der Aachener Straße

Foto: Paul Hense

Am 8. Juli 2016 lieferten sich zwei Autofahrer ein Rennen durch die Kölner Innenstadt. An der Kreuzung Aachener Straße / Universitätsstraße, die wie ein Autobahnkreuz ausgebaut wurde, kam Gianluca, ein nur 26 Jahre Radfahrer, ums Leben, weil ein Autofahrer mit über 100 km/h die Kontrolle über seinen Mietwagen verlor. Für Gianluca haben wir vor zwei Jahren ein Geisterrad aufgestellt.

Abdollahs Geisterrad am Gottesweg

Foto: Paul Hense

An der Kreuzung Rhöndorfer Straße / Gottesweg fanden am 19. und 20. Dezember 2016 jeweils gegen 10 Uhr morgens zwei beinahe identische Unfälle statt. Ein Radfahrer wurde schwer verletzt, der andere wurde getötet. Beiden Radfahrern wurden von linksabbiegenden Kraftfahrzeugen die Vorfahrt genommen. Das Geisterrad für den 80jährigen Abdollah haben wir im letzten Jahr aufgestellt.

Danke!

Wir bedanken uns bei allen, die trotz Regen beim Ride of Silence mitgeradelt sind. Ein Dank geht auch an die Polizei und insbesondere an die Kolleginnen und Kollegen der Fahrrad- und Motorradstaffeln die sich bei der Absicherung des Ride of Silence nass regnen ließen.

Zusätzlich zur begleitenden Polizei war auch die polizeiliche Verkehrsunfallprävention (in zivil) dabei, um unser gemeinsames Anliegen zu unterstützen. Vertreter der Stadtverwaltung wurden zwar von uns eingeladen, aber nicht gesichtet.

Aber unser Dank gilt auch allen Aktiven und Freunden des ADFC Kölns, die diese Veranstaltung erst möglich gemacht haben oder sich vorher um die bestehenden Geisterräder gekümmert haben: Alex, Carolin, Christian, Christoph, Claudi, Heinz, Ilse, Julian, Lisa, Marc, Michael, Norbert, Paul, Utah und Verena.

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Presse

Autoren: Alexander Bühler, Carolin Ohlwein, Christoph Schmidt

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Über Christoph Schmidt

Ich bin seit einiger Zeit radverkehrspolitisch in Köln tätig und kam über die Critical Mass Köln und das Thema Radverkehr zum ADFC Köln. Dort bin ich Vorsitzender des Kreisverbands mit gut 3.000 Mitgliedern. Neben dem ADFC-Blog schreibe ich auch für unsere Zeitschrift fahrRAD! und die Sozialen Medien unseres Kreisverbands. Im Berufsleben bin ich IT-Unternehmer und dort fast ausschließlich mit Bahn und Rad unterwegs.
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2 Kommentare zu Ride of Silence Köln 2018

  1. avatar Norbert Paul sagt:

    Ich tue mich schwer damit, eine Ride of Silence oder einen Ghost Bike-Aufstellung mit verkehrspolitischen Forderungen zu verknüpfen, weil ich Todesfälle nicht instrumentalisieren möchte. Gerade beim Radverkehr gibt es zudem so unterschiedliche Vorstellungen, die vor allem aus unterschiedlichen “Weltanschauungen” abgeleitet werden, dass der Tod vor lauter Aufeinanderprallen von Vorstellungen in den Hintergrund rücken kann.

    Ich sehe freie Rechtsabbieger ebenfalls kritisch. In Dortmund und Lünen waren die tödlichen Unfälle mit LKW aber alle an Kreuzungen ohne freie Rechtsabbieger.

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